Die Debatte um erweiterte Sonntagsöffnungen im Einzelhandel gewinnt an Dynamik. Neben dem Handelsverband Deutschland (HDE) spricht sich nun auch der E-Commerce-Verband BEVH für lockerere Regeln aus. Die Gewerkschaft Verdi hält dagegen – und auch in der Bevölkerung ist die Frage umstritten.
Der BEVH fordert mehr Spielraum bei den Ladenöffnungszeiten am Sonntag. „Starre Regelungen passen nicht mehr zu den Bedürfnissen und der Lebensrealität“, sagte Hauptgeschäftsführerin Alien Mulyk laut einer Mitteilung. Verbraucher müssten selbst entscheiden können, wann und wie sie einkaufen. Dem häufig vorgebrachten Argument, der Onlinehandel profitiere von den bestehenden Regeln zulasten des stationären Handels, widersprach Mulyk: Eine Änderung würde sich nach Einschätzung des Verbands nicht nachteilig auf den Onlinehandel auswirken. Zugleich müsse eine flexible Arbeitsorganisation mit verlässlichen Standards für die Beschäftigten einhergehen.
Auch der Handelsverband Deutschland drängt auf eine Liberalisierung. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth verwies darauf, dass Gastronomie, sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen sonntags längst geöffnet seien, der Einzelhandel aber im Regelfall außen vor bleibe. Der Verband fordert den Angaben zufolge einen rechtssicheren Rahmen für Öffnungen an einigen Sonntagen im Jahr. Genth argumentierte, dass Onlinehändler bereits sonntags Ware anbieten dürften – dann müsse dies gelegentlich auch dem stationären Einzelhandel möglich sein. In vielen EU-Staaten, darunter Italien und Frankreich, seien Sonntagsöffnungen deutlich flexibler geregelt. Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Peter Adrian, ging noch weiter und sprach sich für eine Grundgesetzänderung aus, um die Rechtslage für verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klären.
Verdi warnt vor Belastung der Beschäftigten
Die Gewerkschaft Verdi lehnt eine Lockerung ab. „Der Sonntag ist für die Beschäftigten der einzige verlässlich planbare freie Tag, an dem Zeit für körperliche und mentale Entlastung in diesem anstrengenden Job bleibt“, sagte Vorstandsmitglied Silke Zimmer, die für den Handel zuständig ist, laut der Mitteilung.
In der Bevölkerung zeigt sich ein geteiltes Bild: Laut einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Yougov unter mehr als 4.000 Menschen befürworten 43 Prozent häufigere Sonntagsöffnungen, während 50 Prozent diese ablehnen. Jüngere und Männer stehen einer Lockerung demnach offener gegenüber als Ältere und Frauen. Im Vergleich zu einer ähnlichen Befragung vor knapp einem Jahr ist die Zustimmung allerdings gestiegen: Damals sprachen sich nur 34 Prozent dafür und 59 Prozent dagegen aus.
Die konkreten Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland. In Nordrhein-Westfalen und Berlin sind maximal acht verkaufsoffene Sonntage pro Jahr erlaubt, in Baden-Württemberg drei, in den meisten anderen Ländern vier. Einige Bundesländer haben ihre Gesetze zuletzt angepasst: In Schleswig-Holstein dürfen auf dem Land an Sonn- und Feiertagen Kleinstsupermärkte ohne Personal öffnen. In Thüringen gibt es seit einigen Monaten Regelungen für kleine 24-Stunden-Läden, die sonntags ebenfalls nur ohne Personal betrieben werden dürfen.
