„Der Lohn reicht oft nicht bis zum Monatsende“
Von Silke Zimmer, Verdi
Silke Zimmer, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands und Leiterin des Fachbereichs Handel.
Nachhaltige Tariferhöhungen sind für die Beschäftigten eine absolute Notwendigkeit – damit sie in Zukunft ihren Lebensunterhalt sichern können. Schon 2025 gab laut Destatis die Mehrheit der Handelsbeschäftigten an, mehr als 70 Prozent ihres Einkommens für Wohnen, Lebensmittel und den Arbeitsweg auszugeben. Die Situation hat sich aufgrund steigender Preise noch verschärft. Viele berichten, dass ihr Lohn nicht bis zum Monatsende reiche und sie sich kaum noch den Weg zur Arbeit leisten könnten. Das ist ein Skandal. Es verwundert nicht, dass vier von fünf Beschäftigten im Handel ihren Lohn für wenig oder gar nicht angemessen halten. Im Einzelhandel arbeiten 64 Prozent der Menschen Teilzeit mit viel zu wenig Stunden. Sie sind aufgrund der geringen Entgelte akut von Altersarmut bedroht. Lohn- und Gehaltserhöhungen in einer der beschäftigungsstärksten Branchen sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern steigern die Binnennachfrage und sorgen so für einen krisenfesten Wachstumspfad jenseits der Exportabhängigkeit. Steigende Entgelte sind entscheidend zur Gewinnung von Fachkräften und Auszubildenden und tragen zur Attraktivität der Handelsbranche bei, trotz schwieriger Rahmenbedingungen wie Arbeiten am Abend, in der Nacht und am Wochenende.
„Nur im Rahmen des wirtschaftlich Machbaren“
Von Sabine Hagmann, Handelsverband Baden-Württemberg
Sabine Hagmann ist Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg.
Faire Löhne sind wichtig. Beschäftigte im Handel leisten viel und sollen an der Einkommensentwicklung teilhaben. Gleichzeitig müssen Tarifabschlüsse die wirtschaftliche Realität berücksichtigen. Noch nie gab es so viele Insolvenzen im Handel. Jedes sechste Unternehmen sieht seine Existenz gefährdet. Schwache Konsumstimmung, rückläufige Umsätze und sinkende Margen treffen auf steigende Kosten für Energie, Mieten und Bürokratie. Baden-Württemberg ist besonders betroffen. Die starke Industrie leidet, was sich direkt auf den Konsum und den Einzelhandel auswirkt. Umso weniger nachvollziehbar sind hohe tarifliche Forderungen. Gefragt sind Augenmaß und Realismus. Die Krise betrifft längst viele Branchen und Regionen. Zudem wächst der Druck durch internationale Online-Anbieter mit oft günstigeren Rahmenbedingungen. Während heimische Unternehmen steigende Kosten tragen, verschärft sich der Wettbewerb. Vor diesem Hintergrund sind weitere Personalkostensteigerungen kaum tragbar. Wir brauchen ernsthafte Verhandlungen und Abschlussbereitschaft. Es geht nicht um Symbolpolitik, sondern um Verantwortung für Beschäftigte und Unternehmen. Nur tragfähige Abschlüsse sichern Arbeitsplätze und die Zukunft des Handels.
