Teguts Erben Was die Branche mit Tegut verliert – und wie sich jetzt die Macht im Handel sortiert

Hintergrund

Im Rhein-Main-Gebiet ist Rewe stark, Edeka schwach. Durch die Übernahme der Tegut-Standorte könnte Edeka Südwest eine jahrzehntealte Vorherrschaft aufbrechen.

Montag, 13. Juli 2026, 07:40 Uhr
Matthias Mahr
Bald unter Edeka-Flagge? Im hessischen Altenstadt wissen die „Tegutianer“ schon, dass es künftig bei ihnen „wir lieben Lebensmittel“ statt „gute Lebensmittel“ heißen könnte. Bildquelle: Matthias Mahr

Das größte und älteste Landesfest Deutschlands zog rund 1,2 Millionen Besucher an. Es war der letzte große Auftritt von Tegut – und das in der Stadt, in der das Unternehmen seit 1947 seine Wurzeln hat. Beim 63. Hessentag in Fulda, der vom 12. bis 21. Juni stattfand, zelebrierte der osthessische Lebensmittelhändler an sechs Standorten in der bischöflichen Barockstadt auch seinen Abschied von der großen Bühne: Mit einem Mini-Supermarkt, Bio-Wein der Eigenmarke sowie mit dem eigens entwickelten „Hessentags-Ploatz“ der unternehmenseigenen Herzberger Bäckerei zeigte der Regionalmarkt nochmals Flagge. Und beim abschließenden Festzug durch die Heimatstadt lautete das trotzige Motto: „Schon immer von hier. Schon immer für euch da.“

Die Tage von Tegut sind gezählt. Die Zürcher Migros, seit 2013 Eigentümerin, kündigte im März 2026 an, sich aus Deutschland zurückzuziehen und die Gruppe zu verkaufen. Rund 300 Märkte, regional 1,4 Millionen Kunden pro Woche sowie etwa 1,3 Milliarden Euro Umsatz zuletzt: Was über Jahrzehnte als hessischer Vollsortimenter mit Bio-Anspruch wuchs, filetiert die Migros nun. 36 überwiegend kleinflächige Standorte in Hessen, Thüringen und Nordbayern – rund fünf Prozent des Tegut-Umsatzes – gab das Bundeskartellamt im Juni bereits an Tante Enso aus Bremen frei. Die übrigen, weit größeren Pakete sollen an Edeka (rund 200 Märkte) und Rewe (40 Märkte) gehen.

Der letzte schnelle Flächengewinn

Die Tegut-Übernahme ist die jüngste in einer Kette der Marktbereinigungen, die den Lebensmittelhandel anbieterseitig zum Oligopol verdichtet haben. 2009 schluckte Edekas Netto Marken-Discount mehr als 2.300 Plus-Filialen der Tengelmann-Gruppe; ein Teil musste auf Kartellamtsdruck auch an den Rewe-Discounter Penny weitergereicht werden. Zudem entschied Kaiser’s Tengelmann im März 2010, sich aus dem Rhein-Main-Neckar-Gebiet zurückzuziehen – 65 Märkte gingen damals an Rewe und 20 an Tegut. Tegut ist vielleicht die letzte überschaubare Gelegenheit für Edeka und Rewe, in verteilten Märkten rasch Marktanteile zu gewinnen.

Die Konzentration im Lebensmittelhandel hat die Monopolkommission im Herbst 2025 dokumentiert. Die Edeka steigerte ihren Marktanteil von 16,6 (1995) auf 32,1 Prozent (2023), Rewe von 17,5 auf 21,2 Prozent. Mit Schwarz-Gruppe und Aldi kontrollieren vier Konzerne den Markt. Die Kommission verbindet das mit steigenden Verbraucherpreisen und höheren Handelsmargen.

Hier setzt die kartellrechtliche Prüfung an. „Der Marktanteil ist ein wesentlicher Aspekt für die Frage, ob eine Übernahme freigegeben werden kann. Typischerweise gilt ein Einzelmarktanteil von 40 Prozent als neuralgische Grenze“, sagt Kartellrechtler Kim Manuel Künstner. Der Marktanteil sei der zentrale Prüfstein der Fusionskontrolle. Entscheidend sei das jeweilige regionale Einzugsgebiet. „Verbraucher weichen nur begrenzt aus, deshalb entstehen im Lebensmitteleinzelhandel kleine regionale Märkte“, erklärt er. Hierfür ziehe das Kartellamt auch Umsatz- und Volumendaten heran. Rewe dominiert im hessischen Kernland und stößt somit eher an kartellrechtliche Grenzen als die in dieser Region schwächere Edeka. Deshalb erhält Rewe nur 40 Flächen, die zum Teil auch an den Discounter Penny gehen werden.

Kartellamt prüft

Die Beschlussabteilung des Kartellamts hat nach eigenen Angaben umfangreiche Ermittlungen sowohl auf der Absatz- als auch auf der Beschaffungsseite eingeleitet – die Behörde befragte alle relevanten Unternehmen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel und wertet die Ergebnisse derzeit aus.

Dass die Paketaufteilung der Migros die beschriebene Logik der Regionalmärkte vorwegnimmt, bestätigten Branchenkreise mehrfach. Migros habe die Verteilung der Tegut-Standorte offenbar bereits mit Kartellrechtlern vorbereitet, heißt es. Je nach Marktanteil in den Regionen habe Migros die Flächen jeweils dem dort schwächeren Anbieter zugeschlagen. Die Vorarbeit sei so gut gewesen, dass das Kartellamt die Pakete im Wesentlichen durchgehen lassen werde, vermutet ein Manager aus dem Edeka-Verbund. An anderer Stelle hieß es: Es werde allenfalls kleinere Auflagen geben, damit das Amt zeigen könne, dass es geprüft habe. Ein selbstständiger Edeka-Händler aus der Rhein-Main-Region betrachtet das allerdings knallhart als „Gesamtpaket mit Beifang“, was die Edeka letztlich angeboten bekommen habe. „Wir mussten auch Kröten schlucken“, so der Kaufmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. Der Kaufmann meint damit „die eine oder andere Filiale mit schlechtem Zuschnitt“ sowie das Tegut‑Logistikzentrum, der Verwaltungsstandort in Fulda, die Herzberger Bäckerei als Produktionseinheit und 41 „Teo“‑Smart‑Stores inklusive Betreibergesellschaft Smart Retail Solutions.

„Teo“ gilt zwar als Pionier der Smart-Store-Konzepte, aber bei der „Boxenlösung“ sehen Experten die hohen Investitionskosten sowie das fehlende Zugangssystem als wesentliche Probleme an. „Außerdem hat der Teo offensichtlich zu viele städtische Standorte und dadurch eine zu hohe Diebstahlquote“, sagt ein Kenner der Szene. Sein Fazit lautet: „Edeka hat ein eigenes Smart-Store-Konzept. Der Teo passt nicht in diese Struktur. Ich vermute, die Hamburger wollen die wenig erfolgreiche Smart Retail Solutions samt teurer Boxenlösung baldmöglichst loswerden.“

Tante Enso wollte „Teo“ nicht haben

Dass Teo überhaupt im Edeka-Topf ist, liegt an Tante Enso. Die Bremer haben die Teo-Übernahme wohl geprüft, sich aber dagegen entschieden. Das hybride Modell – Selbstbedienungs-Technologie plus menschliche Präsenz – sei nämlich für Tante Enso kein Kompromiss, sondern Kernstrategie, betont Tante-Enso-Geschäftsführer Thomas Gutberlet. Zudem: „Teo ist eben kein Bediensystem, das lässt sich auch nicht als Bediensystem führen“, hebt der Geschäftsführer hervor. „Teo stellt leider keine vollwertige Versorgung sicher, dafür ist die Fläche etwas zu klein“, bilanziert Gutberlet abschließend.

Kartellrechtlich, sagt Wirtschaftsanwalt Künstner, müssten einige Übergaben womöglich untersagt werden – praktisch stelle sich die Frage, was dann mit den Märkten geschähe. Er nennt das „kontrafaktisches Szenario“. Wenn die Märkte sonst keiner wolle oder kaufen könne, müssten die Betreiber sie schließen. Das mache den Wettbewerb nicht besser und es gingen Arbeitsplätze verloren. Seine Diagnose ist grundsätzlicher: Die Fusionskontrolle sei eigentlich dazu da, solche Oligopole gar nicht erst entstehen zu lassen. „Aber da sind wir, glaube ich, schon drüber hinaus“, sagt er. Die Schadentheorien, die das Kartellrecht formuliere, würden längst nicht mehr greifen. Der Markt sei gekippt – das sieht nicht nur Künstner so.

Das beschäftigt sogar einige selbstständige Kaufleute, sie sehen Tegut als Menetekel. Mit der Tegut-Abwicklung, so der Tenor, verschwinde Vielfalt, Innovation und Regionalität. Die Befürchtung lautet auch: Ohne Tegut verschiebe sich die Macht, wenn auch im überschaubaren Maß, noch weiter in die großen Zentralen und zu internationalen Einkaufsallianzen. Würden künftig mehr Sortimente und Promotions zentral vorgegeben, werde regionale Differenzierung schwerer und die Frage drängender, worin sich Edeka und Rewe künftig noch unterschieden. Bedientheken seien eines der wenigen Gegenmodelle.

Diese Sorgen teilt das Forum Fairer Handel – mit Blick auf die Erzeuger. Tegut habe für Bio, Regionalität und vielfältige Beschaffungswege gestanden, sagt Maja Volland, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte. Gerade für kleinere Lieferanten sei Tegut ein relevanter Zugang zum Vollsortiment gewesen – ein Abnehmer aus dem Mittelfeld, der größere Mengen abnahm, ohne dass die Hersteller in die Vertriebslogik der ganz Großen einsteigen mussten. Falle er weg, drohe vielen Produzenten der Verlust einer Alternative. Viele Tegut-Zulieferer seien bei Edeka bislang gar nicht oder nur mit geringerem Sortiment gelistet; zugleich gehe die Angst um, eine neue Listung bringe schlechtere Konditionen – besonders kritisch für Betriebe mit höheren sozialen oder ökologischen Standards, deren höhere Kosten sich nicht über den Preis weitergeben lassen.

Seitens Alnatura, Hersteller und Händler mit Bio-Kompetenz, war keine Aussage zu Tegut zu bekommen. Mit Tegut verlieren die Darmstädter Bio-Pioniere einen bedeutenden Absatzkanal. Allerdings: In der Branche hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Rewe ab Herbst das Alnatura-Sortiment massiv ausbauen werde und damit mögliche Tegut-Verluste aufwiege. Der Blick auf die Erzeugerkette geht ins Grundsätzliche. Stellen Edeka und Rewe viele Tegut-Märkte auf Netto und Penny um, wird es für Erzeuger und kleinere Verarbeiter mit direkten Lieferbeziehungen noch schwerer mit dem Marktzugang. Steffen Vogel, Oxfam, warnt: „Bei frischen Lebensmitteln finden vielerorts gar keine Preisverhandlungen mehr statt, vielmehr diktiert der Handel die Konditionen.“ Auch der Hessische Bauernverband mahnt: Regionalität und faire Erzeugerpreise verlören mit Tegut ihren wichtigsten Fürsprecher im Einzelhandel.

Der Handel sieht das anders. Die These, weniger Anbieter bedeuteten weniger Wettbewerb, teilt ein Branchenkenner ausdrücklich nicht. Er erwartet ein härteres Oligopol der großen Vier. Wachstum über Tegut sei nur kurzfristig angenehm. Danach beginne der bekannte Nahkampf: Preis, Aktion, Eigenmarke, Frische, Suche nach Kaufleuten, Kostenquote – also Handelsrealismus im „Stellungskrieg mit harten Bandagen“.

Rewe-Herrschaft in Rhein-Main brechen

Der Gewinner der Tegut-Übernahme kommt aus dem Südwesten. Durch die Tegut-Standorte im Großraum Rhein-Main bekäme die Edeka Südwest dort die Chance, die Rewe-Herrschaft aufzubrechen. In der Region heißt es unter roten und gelben Kaufleuten: In Frankfurt und im Main-Kinzig-Kreis, wo Edeka nur einen niedrigen Marktanteil halte, bestehe großes Potenzial für die Marke mit dem E. Dabei werde nicht aus jedem Tegut ein Edeka-Vollsortimenter: Märkte ohne Bedienungstheke eigneten sich eher für Netto, größere Flächen mit Theke kaum dafür.

Wie Vorstandssprecher Sebastian Kohrmann von der Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen (NST) auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis in einem Bilanzgespräch betont, „ist für die Edeka NST die mögliche Übernahme von Tegut-Märkten ein zusätzlicher Baustein einer ohnehin laufenden Wachstums- und Investitionsphase“. Die eigentliche Story ist nach seinen Aussagen jedoch größer: Edeka NST habe in den vergangenen Jahren massiv in Logistik, Produktion, Frische und Ausbildung investiert, wachse durch Expansion sowie Übernahmen und wolle bis 2027 mehr als sechs Milliarden Euro Einzelhandelsumsatz sowie mehr als 950 Märkte erreichen. Tegut kommt noch hinzu – wenn das Kartellamt mitspielt. Für NST sind nach Kohrmanns Angaben eine kleine zweistellige Anzahl an Märkten angemeldet, die er als gute und entwickelbare Standorte ansieht. „Wir haben das Ziel, die Tegut-Märkte in der Regel an selbstständige Kaufleute zu geben“, betont er. Jetzt warten alle auf die Entscheidung der Kartellwächter – das Ende der Tegut-Geschichte.

Tegut bleibt in Erinnerung

Meinung von LP-Chefreporter Matthias Mahr

Ich kann mich noch sehr gut an meine ersten Einkäufe bei Tegut erinnern. Mitte der 90er-Jahre war das in Gelnhausen-Roth. Ein Markt in schönerer Optik als zu dieser Zeit landläufig üblich, hochwertige und regionale Bio-Lebensmittel, die es bei den meisten Anbietern damals nicht gab. Die Fläche mit breiteren Gängen lud zu einer Entdeckungsreise ein. Dafür sind wir mit der Familie gerne 15 Kilometer weit gefahren. Jetzt aber endet die Geschichte von Tegut. Als Hesse muss ich sagen: leider!

Tegut ist nicht am Grundgedanken gescheitert, sondern an der Ökonomie. Die Bio- und Regionalpositionierung war lange Zeit erfolgreich genug, um Kunden zu binden, jedoch zu klein, um gegen die Skalen- und Preismacht der vier Großen im Lebensmitteleinzelhandel zu bestehen. Lebensmittel mit höchster Qualität, Obst und Gemüse sowie Produkte in der Bedientheke aus der Region waren eine brillante Idee – und zugleich zu teuer, um sie im heutigen Konzentrationsmarkt unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als Tegut durchhalten zu können. Der Geist von Tegut bleibt, denn die Fuldaer haben Verbraucher mit hohen Ansprüchen geschaffen und Bio salonfähig gemacht.

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