Im Münchner Euro-Industriepark läuft der Alltag weiter – und genau darin liegt der Reiz dieses Projekts. Zwischen vollen Einkaufswagen, Bedientheke, Baumarktartikeln und dem üblichen Kommen und Gehen der Kundschaft testet der V-Markt, wie der Einkauf der Zukunft in der Praxis aussehen könnte. Nicht im abgeschotteten Labor, sondern im echten Betrieb. Genau das macht den Versuch so spannend – und so anspruchsvoll. Seit Februar 2026 testet das Team parallel mehrere Systeme: stationäre Self-Check-out-Terminals, mobile Handscanner des Typs „Zebra PS30“ und smarte Einkaufswagen des Modells „Fastlaner“ des Herstellers Wanzl.
Der Knackpunkt im Handel
Es geht dabei nicht nur um Technik, sondern um eine zentrale Frage des Handels: Welche Lösung nehmen Kunden tatsächlich an? Welche Abläufe verändern sich dadurch? Und lohnt sich das Ganze am Ende auch wirtschaftlich? Der Standort ist bewusst gewählt. Mit rund 17.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, einem breiten Sortiment von Food über Nonfood bis hin zu Baumarktartikeln und einer hohen Kundenfrequenz bietet der Markt im Münchner Norden ein Testfeld, das kaum realitätsnäher sein könnte. Wenn sich neue Technik hier im Alltag bewährt, dann könnte sie auch an anderen Standorten funktionieren – so die Hoffnung der Beteiligten.
Doch bis der Test überhaupt starten konnte, musste das Team im Hintergrund einiges koordinieren. Dominik Endres, der das Vorhaben beim V-Markt federführend begleitet, spricht von einem Kraftakt. Das Team musste gleichzeitig WLAN, Geräteanbindung, Schnittstellen und Prozesse organisieren. Und das in einem Zeitrahmen, der wenig Raum für Verzögerungen ließ. „Alles parallel unter einen Hut zu bekommen – und das in so kurzer Zeit –, war schon schwierig“, sagt Endres.
Im Verlauf des Projekts kam es ständig zu neuen Erkenntnissen. Wenn das Team an einer Stelle etwas änderte, hatte das oft unmittelbare Folgen an anderer Stelle. Gerade in einem solchen Umfeld wird deutlich, dass die Digitalisierung im Handel nicht nur eine Frage der Geräte, sondern auch der Abstimmung zwischen vielen Beteiligten ist. Je mehr Systeme ineinandergreifen, desto empfindlicher reagiert das gesamte System auf Störungen.
Direkte Reaktionszeit
Deshalb helfen klassische Projektstrukturen hier nur bedingt. Lange E-Mail-Ketten und Abstimmungsschleifen bremsen das Vorhaben eher aus. Das Team musste direkt reagieren: per Teams-Nachricht, Telefonat, Foto und sofortiger Rücksprache. Nur so ließ sich das Projekt im laufenden Betrieb steuern. Anfangs war Endres selbst nicht sicher, ob der Start termingerecht gelingen würde. Umso größer war am Ende die Freude, dass die Zusammenarbeit so gut funktionierte.
Auch Marktleiter Mario Vidak beschreibt, wie komplex der Standort mit seinem vielfältigen Angebot ist. „Wir haben ja alles, was das Herz begehrt“, sagt er. Gerade deshalb eignet sich der Markt als idealer Prüfstand. Wenn sich ein solches System hier durchsetze, sende das ein starkes Signal, so Vidak. Sein Anspruch bleibt dabei nüchtern und kundenorientiert: „Wir müssen es den Kunden so leicht wie möglich machen.“ Diese Perspektive steht im gesamten Projekt im Mittelpunkt. Es geht nicht darum, Technik um ihrer selbst willen einzusetzen, sondern den Einkauf verständlicher, schneller und flexibler zu gestalten.
Klare Arbeitsteilung
Dass das Projekt trotz seiner Vielschichtigkeit nicht ausuferte, lag auch an der klaren Arbeitsteilung. Uli Schäfer von der Deutschen Retail Services (DRS) beschreibt eine Zusammenarbeit von vier Partnern, bei der von Beginn an feststand, wer welche Rolle übernimmt. DRS brachte die Kassensoftware ein, Shopreme die Bedienoberflächen, Wanzl die Hardware und die technische Einbindung. Diese Aufteilung half, den Kurs zu halten und Entscheidungen schneller zu treffen.
Stefan Huemer, der Projektverantwortliche von Wanzl, betont, dass alle Beteiligten zu Beginn realistische Erwartungen hatten. Von Anfang an habe niemand eine fertige Komplettlösung verlangt. Das Vorhaben sei stattdessen bewusst in Etappen geplant worden, zunächst mit einem klar begrenzten Umfang und der Option, später weitere Funktionen zu ergänzen. Genau darin liege der Vorteil dieses Ansatzes: Das System könne so schrittweise wachsen. Auch zusätzliche Themen wie Retail Media ließen sich auf diese Weise später integrieren.
Für Dominik Endres bleibt vor allem die wirtschaftliche Seite entscheidend. Am Ende werde sich das Projekt an zwei Zahlen messen lassen müssen: an der Zahl der Transaktionen und am darüber erzielten Umsatz. Erst dann lasse sich seriös beurteilen, ob und in welcher Form eine Ausweitung sinnvoll sei, so Endres. Doch zur Bilanz gehört für ihn mehr als das. Auch das Echo der Kundschaft zählt – jene oft leisen, aber entscheidenden Rückmeldungen, die zeigen, ob Technik im Alltag ankommt oder nicht.
3 Fragen an
Mario Vidak, Marktleiter V-Markt im Münchner Euro-Industriepark
Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Der Kunde kann frei wählen, welche Kassenlösung er nutzt. Das ist ein großer Vorteil und kommt sehr gut an.
Wie verändert das Projekt den Marktalltag?
Es entlastet die Mitarbeiter spürbar und schafft mehr Zeit für die Kunden und die Fläche.
Was ist für Sie der größte Gewinn?
Der größte Gewinn ist, dass der Arbeitsalltag für die Mitarbeiter deutlich einfacher wird.
Spürbare Entlastungen
Für den Markt selbst könnte sich dieser Effekt aber bereits jetzt bemerkbar machen. Mario Vidak sieht eine Entlastung für die Belegschaft: Wer nicht dauerhaft an der Kasse stehe, könne mehr Zeit auf der Verkaufsfläche verbringen. Gerade in Zeiten von Personalmangel und Ausfällen sei das von Vorteil. Self-Check-out sei deshalb nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Antwort auf den Druck im Handel. Außerdem könnten die Kunden frei wählen. Niemand zwinge sie, eine bestimmte Lösung zu nutzen.
Und doch bleibt die wichtigste Frage eine sehr menschliche: Wollen die Menschen das überhaupt? Laut Vidak nähmen Kunden Technik im Handel nur dann wirklich an, wenn sie verständlich, verlässlich und nah an den Bedürfnissen der Kunden ist. Die Bedienung müsse einfach bleiben und die Unterstützung vor Ort dürfe nicht fehlen. Auch deshalb sei die persönliche Begleitung in der Anfangsphase so wichtig gewesen. Das Team müsse den Menschen die Angst nehmen, damit aus Skepsis Vertrauen werde.
Für Dominik Endres ist das Vorhaben ein wichtiger Schritt zur digitalen Kassenzone der Zukunft. Gemeinsam mit den Partnern wolle er eine stabile, vernetzt testbare Lösung schaffen. Ob sich das Modell langfristig bewährt, zeigt sich erst, wenn Technik und Alltag wirklich zusammenpassen.