Das Agrar- und Ernährungsforum Nord-West und die Unternehmensberatung RSM Ebner Stolz Management Consultants haben erstmals einen Zukunftskompass für die Agrar- und Ernährungsbranche erstellt. Der Fokus liegt auf Nordwestdeutschland. Besonders gründlich betrachtet wurde die Fleischwirtschaft. Die Autoren sprechen von weit mehr als 100 einbezogenen Unternehmen aus der Agrar- und Ernährungswirtschaft.
Zwischen Kosten, Mengen und Konsum
Die Grundlage lieferten zahlreiche Gespräche mit Entscheidungsträgern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Darunter waren Peter Wesjohan, Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe, Stefan Wernsing, Geschäftsführer der Wernsing Food Family, und Tobias Flerlage, Geschäftsführer der Goldschmaus Gruppe. RSM-Partner Klaus Martin Fischer erläuterte, Ziel sei ein fundiertes, differenziertes und praxisnahes Lage- und Stimmungsbild gewesen.
Die Fleischwirtschaft zeige die „Fragilität zwischen Kosten, Mengen und Konsum“, heißt es in dem Zukunftskompass. Zwar habe der zuletzt rückläufige Schweinepreis kurzfristig die Verarbeiter entlastet, aber die Lage bleibe angespannt. Die Autoren begründen das mit rückläufigem Fleischkonsum, verschärftem Preisdruck durch den Handel und anhaltend hohen Kosten etwa für Energie, Personal und Logistik. 62 Prozent der befragten Unternehmen nannten die Energiekosten und 59 Prozent die Rohstoffpreise als größte Belastung. 80 Prozent der befragten Unternehmen bezeichneten den Regulierungsdruck als zentrale Innovationsbremse.
Vier strategische Stelhebel benannt
Die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels bestimmt aus Sicht fast aller befragten Unternehmer die Branchenlogik stärker als jede andere Kraft. Härtere Konditionen, extrem lange Zahlungsziele und steigende Werbekostenzuschüsse seien zum Standard geworden, heißt es in dem Zukunftskompass. 28 Prozent der befragten Unternehmer sehen den Druck durch Handelspraktiken – insbesondere über Eigenmarken und Preisaktionen – als eine der größten Belastungen für ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Der Zukunftskompass benennt vier strategische Stellhebel. Erster Stellhebel: Kostenmanagement werde immer mehr zum Maßstab. Automatisierung, Digitalisierung und globale Arbeitsteilung müssten dabei als strategisches Prinzip verstanden werden – nicht als Sparprogramm. 80 Prozent der befragten Unternehmen investieren in Automatisierung, doch 60 Prozent bewerten den Fortschritt als zu langsam. 52 Prozent bemängeln fehlende Strategien und Zuständigkeiten. Fokussierte und mutige Strategiearbeit sowie sinnstiftende Führung mit Haltung sind laut Zukunftskompass weitere strategische Stellhebel. Der vierte Stellhebel: Allianzen. Kooperation ersetze Konkurrenz.