Die britische Rockband Queen stellte 1986 in einem ihrer großen Hits eine höchst philosophische Frage: „Who wants to live forever?“ – Wer will ewig leben? Besonders in den USA wird die Suche nach einem möglichst langen Leben unter dem Schlagwort „Longevity“ vor allem durch Berühmtheiten aus dem Showgeschäft und Milliardäre aus dem Silicon Valley medial vorangetrieben. Unternehmer wie Jeff Bezos (Amazon) oder Peter Thiel (Paypal) investieren massiv in Anti-Aging-Forschung, Biotech-Start-ups und sogenannte Longevity-Kliniken.
Die schillerndste Figur dieser Bewegung ist aber Bryan Johnson. Der amerikanische Investor und Multimillionär scheint die in dem Queen-Song besungene Sehnsucht nach der Unvergänglichkeit wörtlich zu nehmen und beschäftigt sich geradezu obsessiv mit dem Kampf gegen den eigenen Tod. Der 48-Jährige verfolgt einen strengen Lebensstil mit der täglichen Einnahme von über 50 Pillen, regelmäßiger Gesundheitsüberwachung, spezieller Ernährung und Schlafoptimierung. Ziel: das Altern „besiegen“. All das wird dokumentiert in dem Netflix-Film „Don’t Die“, der Johnson einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat.
In der seriösen Wissenschaft will man dem Tod hingegen nicht entkommen und definiert den Begriff Longevity als die Maximierung der Lebenszeit ohne altersbedingte Krankheiten oder Einschränkungen. Ein realistischer Wunsch, mit dem sich immer häufiger nicht nur abgehobene Milliardäre beschäftigen. „Aktuell erlebt das Thema eine stark wachsende Aufmerksamkeit bei Konsumenten“, sagt Alexander Smerz, Leiter des The Future of Nutrition and Longevity Institute in Darmstadt gegenüber der Lebensmittel Praxis.
Die Wissenschaftler des Instituts erforschen, wie bestimmte Lebensmittel die gesunde Lebensspanne eines Menschen verlängern können und beraten dabei auch Unternehmen aus der Konsumgüterindustrie. Smerz ist überzeugt: Das Verständnis von Gesundheitsförderung durch Ernährung wird in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen. „Dazu trägt auch bei, dass wir dank zahlreicher tragbarer elektronischer Geräte wesentlich präziser messen können, wie Ernährung, Bewegung und Lebensstil direkt auf unseren Körper wirken.“
Was als Longevity heute zusammengefasst wird, ist ein Wachstumsmarkt. Eine Studie von Roland Berger kam zu dem Schluss, dass der globale Markt für Longevity-Produkte und -Dienstleistungen 2023 bereits rund 30 Milliarden US-Dollar betrug. Prognostiziertes Wachstum bis 2033: jährlich rund 5 Prozent. Beim Gang durch den Super- oder Drogeriemarkt wird vor allem am Regal für Nahrungsergänzungsmittel deutlich, wie groß das Interesse von Industrie und Handel an dem Thema schon ist. Hier stechen besonders Substanzen mit Namen wie Resveratrol, Spermidin oder Nicotinamid ins Auge. Diese vitaminähnlichen Stoffe sollen die Zellenergie, Zellreinigung und den Schutz vor altersbedingten Schäden unterstützen.
Doch mit der kleinen Dosis in Kapselform sind die Möglichkeiten des Trends noch lange nicht erschöpft. „Longevity-Produkte verlagern sich zunehmend vom reinen Nischenmarkt der Nahrungsergänzungsmittel in den regulären Lebensmittelbereich, vor allem in Form von Snacks, Drinks und weiteren Segmenten mit hoher Nährstoffdichte bei gleichzeitig moderater Kalorienzufuhr“, sagt Alexander Smerz.
Trend im Getränkeregal angekommen
Das wird insbesondere beim Blick in die Abteilung für alkoholfreie Getränke offensichtlich. Die Getränkeindustrie hat im Zuge des Longevity-Trends das Thema Ballaststoffe für sich entdeckt, wie neue Marken von Herstellern und Vermarktern wie Unibev, Gerolsteiner oder der Brauerei Oettinger beweisen. Der Trend wird laut Marktforschern angetrieben durch ein höheres Bewusstsein für Verdauung und Darmgesundheit. Das Versprechen der Hersteller: Limonaden, die sonst eher nicht mit dem Image einer gesunden Ernährung in Einklang gebracht werden, würden durch weniger oder gar keinen Zuckerzusatz und dem höheren Ballaststoffanteil Verdauung und Darmgesundheit fördern.
Die Stuttgarter Markenschmiede Unibev verspricht für die Limo „Super Pop“ 6 Gramm Ballaststoffe beispielsweise aus pflanzlichen Fasern pro Dose, die den Darm bewegen, die Stuhlmenge erhöhen und die Darmflora „füttern“ sollen, was im Umfeld von Snacks, Alkohol oder Fast Food als eine Art Verdauungssupport positioniert wird. Antje Degner von der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern ist eher skeptisch. „Prinzipiell klingt das Versprechen der neuen Limonaden erst mal gut, aber die zugesetzte Menge an Ballaststoffen ist oft nicht besonders hoch und die teilweise enthaltenen Zusatzstoffe, wie Süßstoffe, Stabilisatoren oder Konservierungsstoffe, machen die Getränke auch nicht unbedingt gesund.“
„Intelligente“ Zuckerarten haben Zukunft
Zucker spielt bei der Debatte um Longevity eine zentrale Rolle, nicht nur, wenn es um Getränke geht, weiß Experte Johannes Coy. Der Wissenschaftler wurde bekannt, als er Ende der 1990er-Jahre das Gen TKTL1 entdeckte, welches eine Schlüsselrolle im Zuckerstoffwechsel von Krebszellen spielt. Dass der moderne Mensch in der Tendenz zu viel Zucker zu sich nimmt, ist bekannt und kaum umstritten. Wie hoch der politische Handlungsdruck ist, zeigt auch die aktuelle Debatte um eine Zuckersteuer.
Dabei geht es Coy gar nicht darum, die süße Droge kategorisch zu verteufeln. „Zucker sollte nicht pauschal dämonisiert werden – er ist ein essenzieller Energieträger für den Körper und spielt gerade für Wachstum, Zellteilung und Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle“, so der Experte. Entscheidend seien jedoch Menge und vor allem die Art des Zuckers. „Intelligente“ Zuckerarten wie Tagatose, Trehalose, Allulose oder Galactose hätten die Fähigkeit, den Blutzucker zu stabilisieren, die Darmflora zu fördern oder sogar die zellinternen „Verbrennungsmaschinen“ (die sogenannten Mitochondrien) zu trainieren und die Zellerneuerung zu unterstützen – wenn sie gezielt und moderat eingesetzt werden.
„Unternehmen sollten die Zuckersteuer daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen – als Anstoß, ihre Produkte zukunftsfähig zu machen“, appelliert Coy. Wer heute auf wissenschaftlich erforschte, nicht schädliche Zuckeralternativen setze, handle nicht nur verantwortungsvoll gegenüber den Verbrauchern, sondern positioniere sich auch klar für eine gesunde Ernährung der Zukunft.
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In Spanien erforscht man Vitalpilze
Bewegung, Ernährung, Schlaf – die drei Säulen für ein langes Leben sind bekannt. Forscher interessieren sich dabei zunehmend für eine ganz besondere Gattung aus der Natur: Vitalpilze. Arten wie Cordyceps und Reishi, in der asiatischen Heilkunde seit Jahrhunderten geschätzt, könnten laut aktueller Studien Prozesse der Zellalterung beeinflussen. „In der Longevity-Forschung suchen wir nach Molekülen, die nicht kurzfristig pushen, sondern langfristig erhalten“, erklärt Catalina Fernández de Ana Portela, Biologin und Gründerin des Biotech-Unternehmens Hifas da Terra in Spanien. Cordyceps etwa soll die Energieproduktion in den Zellen fördern; Reishi das Immunsystem regulieren und oxidativen Stress verringern. Für die Biologin sind die Pilze kein Wundermittel, aber „ein unterschätztes Werkzeug für alle, die ihre Zellfunktion langfristig aktiv gestalten wollen“.
Neben der Lebensmittelbranche sehen auch Kosmetikhersteller Longevity schon länger als zentrales Thema, da Hautpflege traditionell darauf abzielt, die Hautbarriere zu stärken, Alterungsprozesse zu verlangsamen und die Hautfunktion möglichst dauerhaft zu erhalten. Das französische Schwergewicht L’Oréal beispielsweise setzt auf Hightech-Argumente statt auf klassische Werbeslogans. Mit einem digitalen Modell analysiert der Konzern die Haut auf vielen Ebenen – von der einzelnen Zelle bis hin zu größeren Gewebestrukturen – und nutzt künstliche Intelligenz, um über 260 Messwerte zu sammeln, die entstehen, bevor Falten oder Irritationen sichtbar werden. Ziel ist es, ein „biologisches Hautalter“ zu berechnen.
Mit dem Analysegerät Cell Bioprint beispielsweise sollen Verbraucher innerhalb weniger Minuten messen können, wie alt ihre Haut auf Zellebene ist, und passende Produkte erhalten. „Longevity steht für einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Wir blicken in eine Zukunft, in der Schönheit und Langlebigkeit nahtlos ineinander übergehen“, sagt Barbara Lavernos, CEO für Forschung, Innovation und Technologie bei dem Kosmetikhersteller.
Achtung, Health Claims!
Bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten sollten Hersteller darauf achten, keine unrealistischen Erwartungen zu wecken oder gar gegen Health-Claims-Verordnungen zu verstoßen. „Das ist ein hoch relevantes Thema. Die derzeitige Ausgestaltung der Health-Claims-Verordnung erlaubt es nur sehr eingeschränkt, Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln und ihren positiven physiologischen Wirkungen zu kommunizieren“, erklärt Alexander Smerz vom The Future of Nutrition and Longevity Institute. Der wahrscheinlichste Ausweg werde seiner Ansicht nach sein, dass die Bedeutung klassischer Health Claims langfristig abnimmt, weil über Messsysteme künftig viel mehr individuelle Gesundheitsdaten verfügbar werden.
Auch Stephan Lück vom Kompetenzzentrum für Ernährung an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft warnt vor überzogenen Versprechen. Wegen der allgemein gestiegenen Lebenserwartung und der erheblichen Kostenbelastung des Gesundheitssystems durch altersbedingte Erkrankungen habe die Longevity-Forschung eine seriöse Berechtigung. Lück warnt jedoch davor, Longevity als einen reinen Marketing-Hype zu missbrauchen. „Wer wissenschaftlich korrekt über Longevity spricht, sollte nicht behaupten, Ernährung könne beim Menschen bereits nachweislich die Lebensdauer verlängern“, so Lück. Die Forschung stecke noch in den Kinderschuhen und ein langes und gesundes Leben hänge von vielen Faktoren ab.
Jonny Forsyth von dem Marktforscher Mintel hält es aus Sicht der Industrie trotzdem für unerlässlich, zu reagieren: „Wir treten in eine Phase ein, in der nahrhafte Marken besser abschneiden als ‚verwöhnende‘ Marken. Das fordert große Akteure heraus, deren Gewinne immer noch von stark verarbeiteten Leckereien abhängen.“ Er sieht im Trend zur Abnehmspritze, einer wachsenden Ablehnung gegenüber hochverarbeiteten Lebensmitteln sowie dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein der Konsumenten die Treiber des Longevity-Trends.