Innovation im Proteinmarkt 80 Prozent Eiweiß aus der Luft – wie Solar Foods mit Solein die Versorgungslücke schließen will

Hintergrund

Protein aus Kohlendioxid statt aus klassischer Landwirtschaft: Mit Solein setzt Solar Foods auf ein neues Produktionsmodell. CEO Rami Jokela sprach mit der LP über Vermarktung, Skalierung und Expansionspläne.

Montag, 11. Mai 2026, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Rami Jokela leitet seit April 2025 das finnische Biotech-Start-up Solar Foods. Sein Ziel: die Vermarktung des ersten Produkts, Solein, ein Pulver, das aus Kohlendioxid aus der Luft gewonnen wird. Bildquelle: Solar Foods

Cremig und süß wie Eiscreme – so kann eine Revolution schmecken. Diese Erfahrung machten deutsche Händler, darunter die Chefs von Rewe und Edeka, beim Event „Supermarkt des Jahres 2025“. Das finnische Biotech-Start-up Solar Foods servierte den Gästen der Lebensmittel Praxis ein Speiseeis mit der neuartigen Zutat Solein. Das goldgelbe Pulver wird durch Gasfermentation aus CO₂, Wasserstoff, Nährmedien und mithilfe erneuerbarer Energie hergestellt und kann Lebensmittel mit Protein anreichern. Das Kernversprechen der Finnen: Das neue Verfahren kann einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssouveränität liefern. Denn: Alle drei Tage erntet Solar Foods in gleichbleibender Qualität – entkoppelt von Klima, Flächen und traditionellen Anbaupraktiken.

Schon bald könnte das erste „Luft-Protein“ auch in Deutschland und Europa auf den Markt kommen. Erste intensive Gespräche mit dem deutschen Handel laufen bereits seit dem LP-Kongress, erzählt Rami Jokela. Er übernahm im April 2025 die Geschäftsführung von Gründer Pasi Vainikka und will Solar Foods wirtschaftlich erfolgreich machen. Noch wartet das Unternehmen auf die Zulassung von Solein als Novel Food in der EU und in Großbritannien. Jokela rechnet „jede Woche“ mit einer Rückmeldung der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Nach einer positiven EFSA-Bewertung brauche die Europäische Kommission üblicherweise weitere sechs bis neun Monate bis zu einer offiziellen Zulassung als Novel Food.

Marktfähige Produktkonzepte mit Solein hat das Team um Jokela in Kategorien wie Ready-to-mix, Ready-to-drink, Proteinriegel und Healthy Snacking bereits in der Tasche. Er will eine Lücke im Proteinmarkt schließen. Analysten prognostizieren jährliche Wachstumsraten zwischen 5 und 10 Prozent für pflanzliches und tierisches Protein. Bis 2028 werde allein die Nachfrage nach hochwertigem Whey-, also Molkenprotein, die Erzeugung voraussichtlich um 100 Kilotonnen übersteigen, so Jokela (Quelle: Whey Book 2023, Giract, McCully Group).

Solein wäre eine neue, ergänzende Quelle. Der Eiweißanteil liegt bei 80 Prozent. Das Pulver liefere zudem alle neun essenziellen Aminosäuren. Auch preislich soll die Innovation Vorteile bringen. Die Rohstoffpreise von Whey-Proteinisolat mit einem Eiweißanteil von 90 Prozent lagen im März 2026 bei 25 Euro pro Kilo. Solein dagegen liegt aktuell bei einem Kilopreis von 17 Euro.

„Wir haben die Möglichkeit, die gesamte Ernährungsindustrie zu verändern“, gibt sich Jokela daher selbstbewusst. Zuvor gilt es jedoch, viele Hürden zu nehmen. Um das Start-up marktfähig aufzustellen, hat Solar Foods Vertrieb und Applikationsentwicklung ausgebaut, Forschung näher an Kundenprojekte gerückt und Vertrieb, Produktentwicklung, Branding, Marketing sowie regulatorische Themen enger gebündelt, erzählt Jokela der Lebensmittel Praxis.

Das Unternehmen

Solar Foods wurde 2017 von den Wissenschaftlern Pasi Vainikka und Juha-Pekka Pitkänen gegründet, das Biotech-Start-up produziert das neuartige Proteinpulver Solein. Dafür nutzt Solar Foods eine Entdeckung der US-Raumfahrtbehörde NASA aus den 1960er-Jahren: Das Team fängt CO₂ aus der Luft mithilfe spezieller Mikroben ein und nutzen dieses für die Herstellung von Nahrungsmitteln. Im April 2024 nahmen die Finnen die „Fabrik 01“ in Betrieb. Erste Markttests für Solein liefen bereits in Singapur und den USA. Im April 2025 übernahm Rami Jokela die Geschäftsführung von Pasi Vainikka, heute stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

 Vorsprung für die USA

Die ersten Produktlaunches stehen in den USA kurz bevor. Ambrosia Collective, eine Marke für Sportlernahrung, wird noch im ersten Halbjahr 2026 ein Proteinpulver zum Anrühren mit Solein auf den US-amerikanischen Markt bringen. Hier erreichte Solein bereits den „GRAS“-Status (Generally Recognized As Safe), also eine Anerkennung, dass Solein unter den vorgesehenen Einsatzbedingungen als sicher gilt.

Grundvoraussetzung für den Erfolg sind die Skalierung und die Erschließung weiterer Märkte wie Deutschland und Europa. Die „Fabrik 01“ hat die technischen Zielparameter erreicht und produziert auf dem Niveau von 160 Tonnen pro Jahr. Bis Ende 2026 soll das Volumen auf 230 Tonnen erweitert werden. Der nächste Wachstumsschritt hängt an der geplanten „Fabrik 02“, in der Ende 2028 die Produktion im industriellen Maßstab starten soll. Die Anlage ist in zwei Phasen mit jeweils 3,2 Kilotonnen geplant und soll auf ein Jahresvolumen von insgesamt 6,4 Kilotonnen kommen.

Absichtserklärungen und Vereinbarungen mit vier Kunden – „vor allem aus den USA“ – würden das Volumen von Fabrik 02 abdecken. Noch müssen sie in feste Verträge überführt werden. „Wir müssen daher sehr selektiv vorgehen“, sagt Jokela. Solar Foods konzentriere sich deshalb zunächst auf einige innovative Marken und ausgewählte große Unternehmen. Und: „Wir benötigen künftig viele Fabriken weltweit.“

Zunächst müsse die Finanzierung für die Fabrik 02 durch Eigenkapital, Darlehen und Zuschüsse in Höhe von insgesamt knapp 200 Millionen Euro gesichert werden, sagt Jokela. Anfang des Jahres nahm das Unternehmen über eine gezielte Aktienemission rund 25 Millionen Euro ein. Zu den Investoren zählt der Düsseldorfer Konzern GEA, ein Systemanbieter für die Lebensmittel-, Getränke- und Pharmabranche. Zusätzlich setzt das Unternehmen auf EU-Fördergelder, von denen 44 Millionen bereits bewilligt seien.

Beim Finanzierungsmodell setzt Jokela stärker auf strategische Partner. Damit könne ein Teil der Investitionen über Build-Operate-Maintain-Modelle abgedeckt werden und der Eigenkapitalbedarf sinke deutlich, erklärt er. Strategische Partner, darunter GEA, sollen unter anderem Wasserstoffproduktion, Stromnetze sowie Kühl- und Wärmekapazitäten für Factory 02 übernehmen. Zudem kann sich das Unternehmen damit stärker auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: die Weiterentwicklung der eigenen Gasfermentations-Technologie und der zugehörigen Biologie sowie die globale Kommerzialisierung von Solein.

Ein zentrales Element in der Wachstumslogik von Solar Foods ist die Einbindung in die entstehende Wasserstoffwirtschaft. Solar Foods versteht sich nicht nur als Hersteller eines einzelnen Proteins, sondern als Betreiber einer Technologieplattform auf Basis von Gasfermentation. Das erste Produkt aus dem biotechnologischen Prozess ist Solein. Die Technologie kann auf weitere Organismen, aber auch auf verschiedene Anwendungen, Märkte und Produktionsstandorte ausgeweitet werden. Damit ist der Plattform Teil des industriellen Betriebsmodells.

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