Multikrisen mit weitreichenden Folgen für die Lieferketten, Klimawandel und die preissensiblen Verbraucher hierzulande: Klingt nicht nach guten Zeiten für grüne Themen. Doch die hochkarätige Runde, die das Thema beim Kongress des Supermarkt des Jahres unter dem Titel „Verdrängt, vertagt, vergessen?“ besprach, verwandelte die Fragezeichen in Ausrufezeichen. Es diskutierten Christoph Graf (Chief Merchandising Officer, Lidl Dienstleistung GmbH), Professor Carloyn Hutter von der DHBW Heilbronn (Studiengangsleiterin BWL-Food Management), Nicola Tanaskovic (Bereichsleiterin Corporate Responsibility Rewe Group), Tillmann Schulz (Geschäftsführer Bohlsener Mühle) sowie Clemens Tönnies (Geschäftsführer Premium Food Group). Die Moderation übernahmen Bettina Röttig, Redakteurin Lebensmittel Praxis, und Markus Wörmann, stellvertretender Chefredakteur der Lebensmittel Praxis.
„Nachhaltigkeit ist ein hartes Business“
„Nachhaltigkeit ist eine Frage der unternehmerischen Resilienz. Sie ist hartes Business“, sagte Hutter. Zustimmendes Nicken in der Runde. Tanaskovic sprach für die Rewe von einer Haltungsfrage. Nachhaltigkeit funktioniere, wenn sie verfügbar und alltagstauglich sei. Clemens Tönnies nannte ein konkretes Beispiel: Innerhalb von zehn Jahren gelang es, den CO₂-Ausstoß in der Schweinehaltung um 28 Prozent zu reduzieren. Die gesamte Kette war miteinbezogen, von der Landwirtschat bis zu der Tierzucht. Das Futter wurde überarbeitet, so Tönnies, die Haltungsbedingungen verbessert für gesündere Tiere. Tönnies: „Fleischesser seien die größten Umweltsünder – der Spruch gilt heute nicht mehr.“
Graf: Gemeinsame Lösungen finden
Christoph Graf sprach davon, dass Nachhaltigkeit kein Selbstzweck sei. Sie sichere die Lieferketten, etwa bei Kakao, und mache sie unter dem Strich resilienter. Tillmann Schulz: „Gerade in der aktuellen Situation dürfen wir als Unternehmer und Produzenten nicht sagen: Stopp, wir hören auf. Aber wir müssen in einen guten Austausch mit der Handelsseite, mit unseren Handelspartnern, kommen, um gemeinsam durch die Krise zu gehen oder, wenn es eine Krise gibt, gemeinsame Lösungen zu finden.“ Das gelte sowohl für die Verkaufsseite genauso wie die Rohstoff- und Beschaffungsseite. Gleichzeitig müssten alle darauf achten, dass die Preise nicht zu hoch werden. „Denn am Ende zahlt der Endverbraucher – und da müssen wir schon zusammenhalten.“
Graf wandte sich entschieden dagegen, dass Nachhaltigkeit nur Geld kosten muss. „Das muss raus aus den Köpfen.“ Sie rentiere sich auf lange Sicht. Was allerdings Geld und Nerven koste, das seien die sich immer wieder verändernden Regelungen. Vor allem die EMPCO, die ab September gelte und Konsumenten vor Greenwashing schützen soll, bereitet allen Kopfzerbrechen und sorgt für Ungewissheit. Carolyn Hutter sagt ganz klar: „Die Regelung ist leider völlig übers Ziel hinausgeschossen.“ Und Christof Graf ergänzte: „Ich habe das Gefühl, da haben Leute etwas verabschiedet, die sich mit dem Thema zu wenig auseinandergesetzt haben.“ Dafür gab es Szenenapplaus. Für die Tonne arbeiten, nannte es Tanaskovic, wenn mal wieder Vorschriften angepasst würden, und Tillmann Schulz ärgerte sich, dass die Unternehmen investieren müssen und nicht wissen, ob es sich rentiert.
Hutter kritisiert Mangel an Sachverstand in Ausschüssen
Um ihre Probleme mit dem Blick auf bessere Lösungen sprich bessere, praxisorientierte Vorschriften zu adressieren, rief Carolyn Hutter zum Einmischen auf. Die eigentliche politische Arbeit laufe meist in Ausschüssen und Gremien. „Aus meiner Erfahrung heraus – ich war früher selbst in einem Unternehmen und habe viel politische Arbeit gemacht – sitzen dort leider nicht immer die Leute, die in der Sache am meisten Ahnung haben. Deshalb muss sich die Branche politisch einmischen, um Dinge zu korrigieren, damit sie am Ende auch umsetzbar sind.“
Clemens Tönnies sprach für die Fleischbranche davon, dass es entscheidend sei für praxisnahe Vorschriften, „die Menschen auf der Ministerialebene mitzunehmen“. Es brauche Leute mit gesundem Menschenverstand, die sähen, worum es wirklich gehe. Es gehe um echte Basisarbeit. „Wie bringen wir uns ein, und wie liefern wir Argumente, bei denen nicht sofort der Reflex kommt: Ach, denen geht es nur ums Geldverdienen, die wollen nur Reibach machen.“