Frischteig-Segment Convenience-Teigprodukte – warum Zeitersparnis allein nicht mehr reicht

Hintergrund

Convenience mit Teig ist heute mehr als eine schnelle Küchenhilfe: Gefragt sind Produkte, die Zeit sparen, gut gelingen und zugleich den Kunden Qualität, Genuss und Spielraum für eigene Ideen bieten.

Mittwoch, 13. Mai 2026, 07:40 Uhr
Jens Hertling
Vorgefertigte Teige sind im Haushalt immer mehr auf dem Vormarsch. Bildquelle: Tante Fanny

Der Convenience-Markt hat sein altes Image längst hinter sich gelassen. Was früher vor allem als schnelle Lösung für Menschen mit wenig Zeit galt, ist heute ein anspruchsvolles Segment, in dem Verbraucher weit mehr erwarten als bloße Arbeitserleichterung. Sie kaufen vorrangig Produkte, die schnell zubereitet sind, zuverlässig gelingen und sich flexibel in den Alltag einfügen – zugleich aber hochwertig wirken, gut schmecken und Raum für eigene Kreativität lassen.

Dieser Wandel zeigt sich besonders deutlich bei gekühlten Teigen und frischen Vorprodukten, wie die Hersteller in unserer Umfrage bestätigen. Sie beschreiben einen wachsenden und sich ausdifferenzierenden Markt, der immer stärker von neuen Nutzungsgewohnheiten, Gesundheitsansprüchen und digitalen Impulsen geprägt wird.

Mehr als nur schnell

„Man möchte schon selbst was zubereiten. Man möchte es aber nicht so kompliziert haben“, sagt Ralf Röhrborn, Betriebsleiter von Henglein in Klosterhäseler. Darin liegt die neue Logik des Marktes: Verbraucher wollen weiterhin kochen oder backen, aber ohne aufwendige Vorarbeiten und ohne komplizierte handwerkliche Schritte. Conveni­ence ersetzt das Selbermachen nicht, sie unterstützt es.

Auch Sabine Kahrer, Geschäftsleitung Marketing beim österreichischen Hersteller Tante Fanny, sieht in Convenience längst keine Notlösung mehr, sondern einen festen Bestandteil der täglichen Ernährung. Entscheidend sei heute nicht mehr nur die schnelle Zubereitung. Kunden suchten nach Qualität, Individualität sowie ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Peter Schultze, Geschäftsführer von Point of Food, beobachtet dieselbe Entwicklung. Convenience stehe heute für Zeitersparnis ohne Qualitätsverlust – verbunden mit hochwertigen Zutaten, einer möglichst handwerklichen Anmutung und zusätzlichen Mehrwerten etwa in Richtung Gesundheit und Fitness.

Wachstum im Markt

Ralf Röhrborn beschreibt den Markt für Convenience-Teige im Lebensmitteleinzelhandel als stabil. Die lange prognostizierte Marktsättigung sei bislang ausgeblieben, auch wenn das Wachstum nicht explosionsartig verlaufe. Gerade deshalb sei der Wettbewerb intensiv. Wo der Gesamtmarkt nur moderat zulegt, wachsen Hersteller vor allem über Marktanteile, Sortimente und Leistungsfähigkeit.

Timo Burger von Burgis beobachtet im Markt zwar ebenfalls Stabilität, verweist aber auf Verschiebungen innerhalb der Segmente. Im Bereich frischer Convenience-Teige gebe es Bewegungen weg von Marken hin zu Preiseinstiegseigenmarken. Umso wichtiger werde eine klare Positionierung über Herkunft, Kommunikation und Markenprofil.

Auffällig ist, wie unterschiedlich sich die Produktformate entwickeln. Röhrborn beobachtet bei Henglein eine gegenläufige Bewegung zum lange dominierenden Trend kleinerer Verpackungen. „Gerade XXL-Formate beim Blätter- oder Pizzateig verkaufen sich bei uns besser als kleinere Sachen“, sagt er. Größere Formate gewinnen damit wieder an Bedeutung – etwa für Familien, gemeinsames Kochen oder flexiblere Anwendungen zu Hause.

Burger sieht bei Burgis dagegen vor allem kleinere, stärker verarbeitete Formate im Aufwind. Besonders dynamisch entwickelten sich vorgeformte Knödel und Miniprodukte wie die „Knödelinos“, die kürzere Kochzeiten, kleinere Packungen und eine gute Passung zu kleineren Haushalten bieten.

Besonders lebendig ist das Segment rund um Pizzateige. Röhrborn nennt Pizza als derzeit besonders stark nachgefragten Bereich, auch in spezialisierten Varianten wie salzreduzierten, ballaststoffreichen oder Vollkornrezepturen. Noch seien das teils Nischen, doch die Nachfrage sei klar erkennbar.

Auch bei Tante Fanny gehören Pizzaprodukte zu den Wachstumstreibern. Christian Werner, Geschäftsleitung Vertrieb bei Tante Fanny, hebt vor allem den Snack-Pizzateig hervor. Hinzu kommen Flammkuchenteige und -böden, die von ihrer kurzen Zubereitungszeit und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten profitieren.

Eine wichtige Rolle spielt dabei zunehmend die Heißluftfritteuse. Torsten Langbein, Geschäftsführer von Ablig Feinkost, bringt es knapp auf den Punkt: „Es muss Airfryer-geeignet sein. Das ist ganz wichtig mittlerweile für den Verbraucher.“ Auch Christian Werner und Timo Burger sehen in Airfryer-Konzepten einen starken Impulsgeber, weil sie neue Nutzungssituationen schaffen und für schnelle, einfache und energieeffiziente Zubereitung stehen.

Parallel dazu wächst der Anspruch an die ernährungsphysiologische Qualität. Sabine Kahrer nennt High-Protein-Produkte, Ballaststoffe, Darmgesundheit sowie kalorien-, zucker-, fett- und salzreduzierte Optionen als wichtige Entwicklungen im Markt. Dabei gehe es weniger um radikale Verzichtsmodelle als um bewusste Optimierung im Alltag.

Ralf Röhrborn formuliert die zen­tralen Themen für die nächsten Jahre denkbar kurz und knapp: „Das sind die drei Sachen: weniger Salz, weniger Zucker, weniger Fett.“ Auch Peter Schultze rechnet damit, dass Functional Food – insbesondere High-Protein-Produkte – weiter an Bedeutung gewinnen wird. Zugleich bleibe der Wunsch nach Comfort Food im Stil von „wie selbst gemacht“ bestehen.

Nachfrage durch Social Media

Trends entstehen heute nicht mehr nur über klassische Produktentwicklung oder den Handel, sondern zunehmend auch digital. Timo Burger setzt auf Social Media, Rezeptvideos und Influencer-Kooperationen, um die Marke sichtbar zu machen und neue Nutzungsanlässe zu schaffen. Torsten Langbein wiederum sieht in sozialen Medien die Chance, traditionelle Produkte wie Kloßteig neu zu inszenieren und Verbraucher auf alternative Einsatzmöglichkeiten aufmerksam zu machen.

Mit den veränderten Verbraucherwünschen steigen auch die Anforderungen des Handels. Christian Werner nennt Innovationskraft, Umsetzungsgeschwindigkeit und hohe Liefertreue als zentrale Kriterien. Hersteller müssten relevante Neuheiten schnell und zuverlässig in die Distribution bringen.

Ralf Röhrborn betont daneben vor allem Flexibilität. „Wir liefern innerhalb von 72 Stunden“, sagt er. Gerade bei kurzfristigen Zusatzmengen könne diese Geschwindigkeit zum entscheidenden Vorteil werden.

Torsten Langbein fasst die Erwartungen des Handels knapp zusammen: „Komplette Konzepte, Regionalität und natürlich die entsprechenden Preise.“ Gefragt seien also nicht nur funktionierende Produkte, sondern auch glaubwürdige Geschichten, marktfähige Vermarktungsideen und wirtschaftlich tragfähige Lösungen.

Trotz aller Innovationsdynamik bleibt der wirtschaftliche Druck hoch. Steigende Preise für Rohstoffe, Energie, Verpackung und Logistik belasten die Branche weiterhin. Christian Werner beschreibt, dass Tante Fanny mit langfristigen Kontrakten, partnerschaftlichen Lieferantenbeziehungen und einer Zwei-Lieferanten-Strategie reagiert. Das Unternehmen investiere zudem in Automatisierung und setze gezielt KI-gestützte Lösungen in Planung und Steuerung ein.

Auch Point of Food setzt laut Peter Schultze auf eine enge Zusammenarbeit mit Lieferanten und möglichst regionale Rohstoffbeschaffung. Timo Burger verweist bei Burgis auf regionale Vertragslandwirtschaft mit kurzen Wegen. Röhrborn hebt ebenfalls langfristige und faire Partnerschaften hervor, um die Versorgungssicherheit zu stärken.

Viele kleine Trends

Torsten Langbein beschreibt die Lage im Convenience-Markt mit zwei Sätzen, die vieles erklären: „Es gibt keine globalen Trends mehr oder grundsätzlichen Trends. Es gibt viele kleine Trends, die so nebeneinanderher existieren.“ Tatsächlich zeigt sich der Convenience-Markt heute als ein Segment mit vielen Geschwindigkeiten und sehr unterschiedlichen Impulsen.

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