Der Kakaopreis auf dem Weltmarkt ist hoch – bei den Kakaobauern im Globalen Süden kommt davon nichts an. Was ankommt, ist der Klimawandel. Der Anreiz, Kakao anzubauen, sinkt daher. Einen Ausweg könnte das Prinzip Living Income bieten: Bauern so zu bezahlen, dass sie vom Anbau auf Dauer leben können. Die Realität sieht vielfach noch anders aus.
Mit einem Paukenschlag hat Lidl das Thema im Februar wieder in die Öffentlichkeit gebracht. Das gesamte Eigenmarkensortiment der fest gelisteten Tafelschokoladen wird seit März auf ein weiter entwickeltes Living-Income-Programm umgestellt. Dieses hat Fairtrade entwickelt. Das Programm will über Prämien, gezielte Unterstützung beim Kakaoanbau sowie Diversifizierung der Einnahmequellen die Kakaobauern umfassend begleiten.
Und das alles kostenneutral für Verbraucher: Lidl trägt nach eigenen Angaben die Mehrkosten für dieses auf fünf Jahre angesetzte Projekt. „Wir setzen damit einen neuen Branchenstandard“, ist Christoph Graf überzeugt. Er ist Chief Merchandising Officer von Lidl-Dienstleistung. „Lidl ist der Handelspartner mit den weltweit höchsten Abnahmemengen von Fairtrade-Kakao“, sagt Graf. Genaue Mengen will er aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.
Dieses Projekt differenziert zwischen kurzfristiger und langfristiger Unterstützung der Kakaobauern. Relevant für die kurzfristige Unterstützung sind der Farmgate-Preis und der Living-Income-Price (LIRP). Ersteren legen die Regierungen der Anbauländer fest. Letzteren berechnet Fairtrade – er gibt den Preis an, den ein typischer bäuerlicher Haushalt mit angemessener Anbaufläche und nachhaltiger Produktivität erzielen muss, um durch den Verkauf der Ernte ein existenzsicherndes Einkommen zu erreichen. Liegt der Farmgate-Preis unter dem LIRP, hat sich Lidl verpflichtet, diese Lücke zu schließen.
Die Fairtrade-Prämie und der neue Booster unterstützen langfristig und nachhaltig. Die Prämie ist ein fester Betrag pro Tonne Kakao: 215 Euro in Ghana, 221 Euro in der Elfenbeinküste. In einem demokratischen Prozess entscheiden die Produzenten selbst, für welche sozialen oder ökologischen Verbesserungen dieser eingesetzt werden soll. Auch der Booster in Höhe von 276 Euro pro Tonne fließt in „zweckgebundene Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung und Einkommensdiversifizierung“, sagt Graf.
Zusätzlich zur projektbezogenen Zusammenarbeit mit Organisationen wie Fairtrade engagiert sich der Handel in einem Arbeitskreis im Forum Nachhaltiger Kakao. Mitglied ist auch der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Geschäftsführer Christian Mieles: „Ziel ist eine branchenweite Verpflichtung für einen positiven Wandel in den Kakaolieferketten“, die Qualitätskriterien definiere. „Dies soll den Mitgliedern erlauben, im Rahmen des kartellrechtlich Möglichen individuell im Sinne der Ziele des Forums voranzuschreiten.“
Aldi Nord engagiert sich im Arbeitskreis, um „tragfähige und realistische“ Ansätze für existenzsichernde Einkommen in der Lieferkette zu erarbeiten. Die Kölner Rewe Group testet nach eigenen Angaben seit 2025 gemeinsam mit Partnern Mechanismen zur Verifizierung von existenzsichernden Einkommen in ihren Eigenmarken-Lieferketten und bereitet deren schrittweise Etablierung vor. „Erste Auditergebnisse aus laufenden Pilotprojekten stehen noch aus“, heißt es auf Nachfrage. Seit 2024 sind die Eigenmarken-Tafelschokoladen bei Aldi Süd komplett aus Fairtrade-zertifiziertem Kakao. Die Mülheimer haben ihr Engagement für das „Choco Changer“-Programm von Hersteller Tony’s Chocolonely um weitere fünf Jahre verlängert: „Damit verpflichten wir uns, für den in den Choco-Changer-Tafeln verwendeten Kakao mindestens den LIRP zu zahlen.“
Zuschläge in Höhe von etwa 39 Millionen Euro hat Hersteller Tony’s Chocolonely bislang nach Angaben von Anne Mantel gezahlt, Commercial Director DACH. Diese unterstützten Kakaobauern in Ghana und der Elfenbeinküste darin, Einkommenslücken zu schließen und nachhaltige Lieferketten zu ermöglichen. Im Kakaojahr 2024/2025 hatten die Regierungen beider Länder die Farmgate-Preise deutlich angehoben – sie lagen damit erstmals über dem LIRP. „Das ist historisch“, sagt Anne Mantel, „aber nicht nachhaltig garantiert. Bereits jetzt sehen wir, dass der Kakaopreis zur neuen Ernte 25/26 wieder um 17 Prozent gesunken ist.“ Das Engagement aller bleibe daher wichtig. Sie freut sich über das Engagement von Einzelhändler Lidl: „Das System bewegt sich. Der Markt erkennt, dass existenzsichernde Einkommen kein Nice-to-have sind, sondern ein Must-have.“
Fünf Regeln für Beschaffung
Fünf Prinzipien hat Hersteller Tony’s Chocolonely für sein Beschaffungsmodell definiert: rückverfolgbare Bohnen; höherer Kakaopreis für ein existenzsicherndes Wirtschaften der Kakaobauern; Partnerschaften mit Bauern, um sie zu professionalisieren; langfristige Zusammenarbeit (mindestens fünf Jahre); in Qualität und Produktivität investieren.
Jeder kann mitmachen
22 Mitstreiter zählte Tony’s Chocolonely im Kakaojahr 2024/2025 nach eigenen Angaben für sein Beschaffungsmodell. Zwei kamen neu hinzu. Es ist offen für weitere Teilnehmer. Diese müssen sich verpflichten, alle fünf Regeln des Sourcing-Systems einzuhalten.
Skalierbares Modell
Die über das Modell von Tony’s Chocolonely beschaffte Kakaomenge ist nach Angaben des Unternehmens im Kakaojahr 2024/2025 um 52 Prozent gewachsen. Sie stieg auf 26.843 Tonnen. „Diese Zahlen zeigen: Das Modell funktioniert, und es ist skalierbar“, sagt Anne Mantel, Commercial Director.
Sichere Arbeitsplätze
Seit 2012 betreibt Ritter Sport die eigene Kakao-Plantage El Cacao in Nicaragua. Diese ist Rainforest-Alliance-zertifiziert. „Eine Fairtrade-Zertifizierung ist nicht möglich, da wir quasi selbst als Bauern aktiv sind“, sagt Petra Fix, zuständig für die globale Nachhaltigkeitskommunikation. Im Mai kommt hierzulande eine Range von drei Edelkakao-Tafeln in die Märkte: Der Kakao stammt fast vollständig von El Cacao.
„Wir haben viel über Kakaoanbau gelernt in diesen Jahren“, sagt Fix. Und über das, was für die Bauern auf Dauer wichtig ist: Sozialleistungen wie etwa Renten- und Krankenversicherungen, private Unfall- und Lebensversicherungen. Die Farm hat eine eigene Sanitätsstation. „Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge sowie hohe Sicherheitsstandards im Arbeitsschutz machen El Cacao zum buchstäblich sicheren Arbeitsplatz – auch in Nicaragua bis heute keine Selbstverständlichkeit“, sagt Fix.
Teil der Farm ist „La Academia“: Dort werden Mitarbeiter qualifiziert und beruflich weitergebildet. Dazu passt ein Zitat von Benno Mauerhan, Regional Vice President Central Europe Ritter Sport, vom Februar beim Round Table der Lebensmittel Praxis: „Wenn wir in 5, 10 oder 20 Jahren noch qualitativ hochwertige Kakaobohnen, Kakaobutter, Kakaomasse oder Mandeln haben wollen, müssen wir nachhaltig wirtschaften und auch am Ursprung der Erzeugung aktiv werden. Ansonsten gefährden wir unser Geschäftsmodell.“