Ein kalter, grauer Vormittag in Düsseldorf. Entschlossen tritt Mareike Bell in die Pedale ihres Lastenrads, biegt in die Nordstraße im Stadtteil Pempelfort ein und parkt vor der dm-Filiale. Unter dem Regenverdeck der Transportbox fahren oft ihre zwei Kinder mit. Heute wird sie ihre Einkäufe darin nach Hause transportieren, bevor sie in ihr Büro in der L’Oréal-Zentrale radelt. Doch in den nächsten gut 90 Minuten erzählt sie der LP-Reporterin zwischen Windelregal, Waschmitteln und Kosmetik, wie sie einen Vollzeitjob, zwei Jungs im Alter von drei und sechs Jahren, sportlichen Ehrgeiz und eine klare Nachhaltigkeitsmission für eines der größten Kosmetikunternehmen der Welt vereint. Bell ist in der Division der Consumer Products von L’Oréal verantwortlich für Nachhaltigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Während des Termins wird deutlich, wie die Managerin Nachhaltigkeit strategisch durchdekliniert, von der Shampoo-Verpackung bis zur Kosmetiktheke.
Der erste Halt: Babypflege und Snacks. Bio-Maisstangen, „der Hit“ bei Kindern, landen mit als Erstes im Wagen. Der Einkauf mit zwei kleinen Jungs kann schon mal eine Herausforderung sein. „Wenn gar nichts geht, dann kann man immer einen Snack verteilen und es tritt zumindest erst mal Ruhe ein – oft die Rettung für unterwegs“, erklärt Bell. Schnell wird klar: Pragmatismus ist eine ihrer Eigenschaften. Eine weitere ist Neugierde. „Ich will immer dazulernen. Seitdem ich mich intensiv mit Nachhaltigkeit im Konzern befasse, ist für mich eine neue Welt aufgegangen“, sagt sie mit einem Strahlen.
Bell greift nach den Windeln der dm-Eigenmarke, dann zeigt sie auf die Pampers-Feuchttücher. Die „Wischkraft“, wenn man das so sagen könne, sei exzellent, erklärt sie, aber der Preisunterschied deutlich. „Bei den Mengen, die wir brauchen, gehe ich doch auf die Eigenmarke“, sagt sie. Markentreue beweist sie bei ihrem Lieblingswaschmittel von Frosch. Die Marke habe sie persönlich erst auf das Thema Nachfüllpack aufmerksam gemacht, so Bell.
Neue Refill-Strategie
Aus der Entdeckung am Waschmittelregal wird ein Fokus ihrer Arbeit bei L’Oréal: Refill ist ein zentrales Verpackungsthema geworden. „Grundsätzlich kommt fast jede Firma, die sich in der Verpackungsstrategie damit beschäftigt, wie man Plastik oder Materialien vermeiden kann und klimafreundlicher agiert, auf das Thema Nachfüllpack. Es ist relativ naheliegend“, sagt Bell.
Frosch habe früh mit einfachen, gut sichtbaren Nachfüllbeuteln gearbeitet. „Diese Vorreiterrolle wollen wir jetzt in der Consumer Products Division in der Haarpflege übernehmen“, erklärt sie eines ihrer Ziele. Refill wird bei L’Oréal konsequent kategorieübergreifend gedacht – vom Shampoo über Gesichtspflege-Tiegel bis hin zu selektiven Beautymarken.
Ein paar Gänge weiter öffnet sich die lange „Rennstrecke“ des Haarpflegeregals. Zweitplatzierungen, Farbcodes, Markenblöcke. Bell kennt sich hier aus, greift nach einem Beutel der Marke Elvital. Auf der Vorderseite des Beutels prangt groß die zentrale Botschaft: „60 Prozent weniger Plastik“. Ein Ausgießer? Fehlanzeige – und das aus gutem Grund: „Ein Ausgießer macht nur Sinn, wenn das Refill größer ist als das Mutterprodukt. Und die Herstellung des Produkts wäre teurer. Wir wollten aber unbedingt einen Preisvorteil an den Verbraucher weitergeben.“
Der Beutel ist auf die 250-Milliliter-Mutterflasche ausgelegt, sodass Inhalt und Flasche exakt zusammenpassen. Damit unterscheidet sich das Konzept von dem anderer Refilllösungen und erforderte mehr als nur ein neues Beuteldesign. „Wir haben die Flaschen schon vor zwei Jahren verändert – als Vorbereitung auf den Launch – und sie leicht drehbar und nachfüllbar designt“, erklärt die Managerin.
Bell hat in ihrer letzten Position als Geschäftsführerin von Garnier in Deutschland gelernt: Nachhaltige Konzepte verkaufen sich nicht von allein, gerade beim Thema Refill brauche es auch einen sichtbaren Preisvorteil. Der Hersteller hatte in der Haarpflege schon mal Nachfülllösungen in größeren Gebinden. „Und da kann ich klar sagen, warum das damals nicht abgehoben hat: Der Preisvorteil am Regal war nicht attraktiv genug“, sagt sie. Die neue Strategie fruchtet: „Bei Elvital sehen wir, dass die Nachfüllpacks schon ungefähr die Hälfte des Volumens der klassischen Shampoo-Flasche ausmachen. Das ist eine signifikante Größe.“
Messgröße „Pack Intensity“
Refill ist für L’Oréal nur ein Teil der Strategie. Der andere Teil findet sich ebenfalls im Regal: die Flaschen selbst. „Wir haben Elvital global auf das ‚Diamond Shape‘-Flaschendesign umgestellt: gleiche Füllmenge, 20 Prozent weniger Plastik“, erklärt Bell. „Das spart weltweit jedes Jahr rund 1.800 Tonnen jungfräuliches Plastik und mehr als 2.000 Tonnen CO₂.“ In der Konzernlogik heißt das „Pack Intensity“ – das Verhältnis von Formel zu Verpackung. „Wir wollen diese Intensität bis 2030 um 20 Prozent gruppenweit reduzieren, im Vergleich zum Basisjahr 2019. 2025 standen wir bei minus 12 Prozent – also etwa die Hälfte geschafft“, sagt sie. Was im Regal unscheinbar wirkt, summiert sich schnell in Tonnen. Weniger Material bedeutet weniger Gewicht, weniger Volumen, bessere Logistikkosten.
Nachhaltigkeit als Business Case
Beim Gang durch die dekorative Kosmetik wird die Managerin zur Kundin ihrer eigenen Produkte. Bell mag Farbe, trägt pinkroten Lippenstift und einen leuchtend blauen Samtblazer, dessen Farbton sich zufälligerweise auch an den Make-up-Theken wiederfindet. Mit sichtlichem Bedauern erklärt sie, dass es ihren Lieblingslippenstift nicht mehr gibt. „Da muss ich mich umgewöhnen“, sagt Bell mit Blick auf die aktuelle Farbpalette. Ein Dilemma, das viele Make-up-Kunden kennen. Einerseits lebt dekorative Kosmetik von neuen Impulsen und Trends. Doch ist das Lieblingsprodukt nicht mehr verfügbar, droht Enttäuschung. Dass es auch Bell nicht leichtfällt, sich umzugewöhnen, merkt man ihr an.
Fachlich wird sie an der Theke schnell wieder grundsätzlich. „Beim Thema Recyclingfähigkeit sind wir insgesamt gut, aber Make-up ist eine strukturelle Herausforderung“, sagt sie. „Es sind sehr kleinteilige Produkte, die im Sortierstrom oft nicht erkannt und ‚rausgepustet‘ und damit nicht dem richtigen Stoffstrom zugeführt werden.“ Es brauche hier eine systemische Denke und gemeinsame Anstrengungen. „Wir müssen in der Branche gemeinsam hochwertige Materialien wie Metall und Plastik beispielsweise von Lippenstiften remonetarisierbar machen.“ Denn Nachhaltigkeit müsse sich als Business Case behaupten.
Ein bedeutender Hebel in der dekorativen Kosmetik: die eigenen Theken. „Mit der Ecodesign Cloud erfassen wir den Umweltfußabdruck jedes Werbemittels und optimieren ihn“, erzählt sie. „Bei der L’Oréal-Paris-Theke haben wir die Tiefe reduziert, bis zu 95 Prozent recycelte Materialien eingesetzt, alle recyclingfähig, effizientere LED-Technik.“ Ergebnis: Minus 81 Prozent CO₂ über den Lebenszyklus im Vergleich zur alten Theke. Bei der Marke Maybelline seien es rund 73 Prozent weniger.
Auch den sogenannten Hotspot – die prominente Fläche für Innovationen – hat man neu gedacht. „Früher waren das komplett 3D-Papplösungen, die mit der Ware mitgeliefert wurden. Heute haben wir ein langlebiges Grundelement; nur Einstecker, Backcard und Inlay sind aus Pappe“, sagt sie. Das spare über 80 Prozent Palettenstellplätze und über 70 Tonnen CO₂. „Und es reduziert Lagerkosten beim Handel.“ Gleichzeitig hat L’Oréal mit dm einen Rücknahmeprozess für ausgediente Theken aufgebaut. „Angesichts der Materialmenge und Wertigkeit solcher Möbel wäre es absurd, sie einfach zu verschrotten“, sagt sie. „Das ist aus Sicht des Handels ökologisch sinnvoll und bislang kein Branchenstandard.“
Zwischen Shampoo-Regal und Theke kehrt der Rundgang immer wieder zur privaten Ebene zurück. Wenn sie Müsli in den Wagen legt, fällt der Satz: „Five is the new six“ – die Kinder stehen seit Wochen schon um fünf auf. Zu Hause hat sie mit ihrem Mann ein Schichtmodell etabliert. „Wir teilen uns das: Einer steht früh auf, macht Frühstück, die Kinder fertig, der andere darf länger schlafen“, sagt sie. Sie arbeitet Vollzeit, er ist selbstständig in Teilzeit – und kümmert sich stärker um das Thema Ernährung.
Immer im Wettkampfspirit
Sport ist für Mareike Bell Ausgleich und Ehrgeiz zugleich. Sie macht Krafttraining, geht gerne ins Cycling-Studio zum hochintensiven Training. Sie sei durchaus kompetitiv, gibt sie zu – auch im Job. „Mir ist wichtig, dass ich gute Leistung bringe, und vor allem, dass wir vorankommen. In der Nachhaltigkeit ist vieles langsamer, zäher als im klassischen Business. Das war am Anfang schwer, weil ich ungeduldig bin.“ Ihre Rolle beschreibt sie als die einer „Enablerin, die professionell Steine aus dem Weg räumt.“
Ihr schönster Moment im letzten Jahr: „Ich kam nach vier Wochen Urlaub zurück und habe gesehen, wie viele Projekte weitergelaufen und vorangekommen waren. Da hatte ich das Gefühl: Ich konnte viele kleine Leuchtfeuer in den Teams setzen, und es ist eine echte Bewegung daraus geworden.“ Bell wirkt sichtlich stolz. Doch auch ihre beiden Söhne und Gedanken um deren Zukunft treiben sie an. „Ich würde mich freuen, wenn meine Kinder später verstehen, was ich tue, und sagen: ‚Cool, dass du dich dafür eingesetzt hast‘“, sagt sie. Gleichzeitig machen ihr die Zahlen Sorgen: „Global sind wir auf einem Erwärmungspfad von 2,5 bis 2,9 Grad bis Ende des Jahrhunderts, das ist dramatisch.“ Sie verweist auf Studien, etwa vom WWF: „Bei 2 Grad sind die Korallenriffe praktisch weg, meine Kinder werden beim Tauchen keine Riffe mehr sehen“, sagt sie mit Bedauern.
Auch privat versucht sie nachhaltiger zu leben. „Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit, kaufe mehr Bio, verwende Hafermilch im Kaffee und liebe Secondhand für mich und die Kinder“, sagt sie. „Aber ich will mich nicht nur über meinen Fußabdruck definieren lassen. Mir ist wichtiger, meinen Handabdruck zu maximieren – den Impact, den ich über meinen Job habe.“ Stolz fügt sie hinzu: „Wenn ich zusammenzähle, wie viele Tonnen Ressourcen und CO₂ wir einsparen – über Refill, Verpackungsdiäten, Rezyklate, Theken, Werbemittel –, ist das um ein Vielfaches größer als alles, was ich privat einsparen kann. Das treibt mich an.“ Hier kommt ihre kompetitive Art wieder durch: „Immer schneller, immer weiter beim Impact“ ist ihr Motto. Damit tritt sie wieder mit Wucht in die Pedale, die Einkäufe sicher verstaut in der Transportbox.
In wirtschaftlich angespannten Zeiten landen Körperpflege- und Kosmetikprodukte als „kleiner Luxus“ häufiger im Einkaufskorb der Verbraucher. Die Regel gilt noch immer. So lag das Umsatzwachstum von Schönheitspflege 2023, 2024 und 2025 nach Analysen der Yougov-Marktforscher jeweils über dem Gesamtwachstum des Konsumgütermarktes. Ein Trend, der mehr Regalflächen erobert, ist Clean Beauty, also Kosmetikprodukte, die auf umstrittene Inhaltsstoffe verzichten. Wer zur Käuferschaft gehört und wie diese Kunden ticken, zeigt ein aktueller Report von Yougov.
Der Umfrage zufolge ist die Zielgruppe jung, weiblich und markenaffin: 16 Prozent der Clean-Beauty-Hautpflegekäufer gehören zur sogenannten Generation Z, den aktuell 14- bis 31-Jährigen, 33 Prozent zu den Millennials (zwischen 1980 und 1996 geboren). Frauen stellen 65 Prozent dieser Käuferschaft.
Die Umfrage zeigt: 58 Prozent der Verbraucher, die hierzulande zu den Produkten greifen, nennen den Einkauf einer bekannten oder vertrauenswürdigen Marke als wichtigen Grund für die Wahl ihrer Einkaufsstätte. In der Gesamtbevölkerung sagen das 40 Prozent. Das spricht dafür, dass Clean Beauty stark über Glaubwürdigkeit und Markenvertrauen funktioniert. Aber auch ein günstiger Preis und Angebote sind den Käufern wichtig.
Besonders klar wird die Wertebasis beim Lebensstil. 92 Prozent der befragten Clean-Beauty-Käufer stimmen der Aussage zu, sie wollten fit und gesund sein. In der Gesamtbevölkerung liegt dieser Wert bei 76 Prozent. 71 Prozent bevorzugen nachhaltige Marken, gegenüber 53 Prozent in der Vergleichsgruppe. Zudem finden 85 Prozent der Käufer, dass Marken auch bei Veranstaltungen Nachhaltigkeit berücksichtigen sollten. Für den Report „Clean Beauty Consumer Spotlight“ befragten die Marktforscher 1.000 Personen vom 13. September bis 1. Oktober 2024 in Deutschland.