Was treibt den CO₂e-Fußabdruck von Fisch wirklich an – und was ist vor allem ein hartnäckiges Vorurteil? Dieser Frage widmete sich das erste „Wissen+Seminar“ des FIZ in Bremen. Unter dem Titel „CO₂e-Fußabdruck in der Fischwirtschaft – was zählt wirklich“ versammelten sich Fachleute aus Fischwirtschaft, Wissenschaft und Kommunikation, um Fisch aus vier sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten: Ernährung, Klima, Gesellschaft und Konsum.
Sechs Kernwahrheiten von Björn Suckow
FIZ-Ernährungswissenschaftlerin Julia Steinberg-Böthig eröffnete den Morgen und spannte gleich zu Beginn den Bogen: Fisch liefert hochwertiges Eiweiß, wichtige Mikronährstoffe wie Jod, Selen, Vitamin D und B12 sowie die bedeutenden Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Doch was gut für den Menschen ist, muss nicht automatisch gut für den Planeten sein – und umgekehrt. Ihr Ziel für den Vormittag: diese Perspektiven nicht gegeneinander ausspielen, sondern klug verknüpfen.
Umweltwissenschaftler Björn Suckow vom Alfred-Wegner-Institut (AWI) setzte den wissenschaftlichen Rahmen. Mit sechs Kernwahrheiten – der Klimawandel ist real, menschengemacht, gefährlich, wissenschaftlich unbestritten, handhabbar und mehrheitlich anerkannt – zog er klare Linien, bevor er auf die konkreten Auswirkungen für die Fischwirtschaft einging: Erwärmung, pH-Veränderungen, Sauerstoffverluste und Infrastrukturschäden durch Extremwetter.
Fisch ist klimafreundlich
Die gute Nachricht: Fisch sei im Vergleich zu anderen tierischen Proteinen klimafreundlich. Kaltblüter brauchen keine Energie für Körperwärme, der Land- und Süßwasserverbrauch ist gering, und besonders Niedrigtrophiearten wie Muscheln und Algen stechen mit exzellenten Bilanzen hervor. Der größte Hebel in der Aquakultur: Futtermittel, die für rund 70 Prozent der Emissionen verantwortlich sind. In der Fischerei ist es der Dieselmotor.
„Die Fischbranche ist ideal positioniert, aktiv zur Klimawende beizutragen – durch Produktauswahl, Sortimentsgestaltung und eine glaubwürdige Kommunikation auf Basis belastbarer Daten“, so Björn Suckow.
Konserve erlebt gerade Renaissance
Ernährungssoziologe Daniel Kofahl, Leiter des Büros für Ararpolitik und Ernährungskultur in Hessen, ordnete den Menschen in dieses Bild ein. Seine Kernthese: Konsumenten kaufen keine CO₂e-Bilanzen – sie kaufen Normalität. Warum steht Lachs in fast jedem Kühlregal der Republik? Weil er sensorisch niedrigschwellig ist (mild, grätenarm, gesundheitskonform), durch Aquakultur massenverfügbar wurde und sich – so Kofahl pointiert – als „UNO-Beobachter unter den Lebensmitteln“ in nahezu jedes Ernährungskonzept einfügt: für Fleischesser ebenso wie für Flexitarier.
Weniger privilegiert: der Karpfen. Trotz langer Tradition scheitert er an materiellen Hürden (Gräten, Off-Flavour) und fehlender Alltagstauglichkeit – er bleibt Anlassfisch.
Kofahl sieht darin kein Schicksal, sondern ein Gestaltungsfeld: Wer Sichtbarkeit, Verarbeitung und Storytelling verändert, kann Erwartungen formen. Auch die Konserve erlebt gerade eine Renaissance – von der pragmatischen Vorratsdose zur „Kitchen Couture“.
„Für die Fischwirtschaft gilt: Nicht jeder Fisch hat ein Qualitätsproblem, viele haben vor allem ein Erwartungsproblem. Erfolg entsteht dort, wo Produktform, Symbolik und praktische Lesbarkeit zusammenkommen“, so Ernährungssoziologe Kofahl.
Tiefkühlprodukte besser als ihr Ruf
Den Abschluss machte Oliver Spring, Group Sustainability Manager bei Nomad Foods, mit einer These, die manches Vorurteil auf den Kopf stellte: Tiefkühlprodukte sind ökologisch oft besser als ihr Ruf. Im Rahmen einer umfassenden Lebenszyklusanalyse (LCA) von 22 Tiefkühlprodukten zeigte Spring, dass die Mehrheit der untersuchten TK-Produkte – darunter Fisch, Spinat, Erbsen und andere vegetarische Alternativen – einen gleichen oder niedrigeren CO₂e-Fußabdruck aufweist als frische Äquivalente. Entscheidender Faktor: deutlich weniger Lebensmittelverschwendung. Springs Fazit: TK-Fisch vereint gesund, nachhaltig und praktisch in einem – und hat das Potenzial, zum ersten tierischen Lebensmittel mit Netto-Null-Bilanz zu werden. Voraussetzung: belastbare Daten und der Mut, sie offensiv zu nutzen. „Wenn wir nicht sauber messen, können wir nicht ehrlich handeln – und nicht glaubwürdig kommunizieren“, so Spring.
Das nächste FIZ-Wissen+-Seminar findet am 15. September in Hamburg statt. Thema: Zukunft aus dem Wasser – Innovationen für die Fischbranche von morgen.
