Hohe Strompreise, energieintensive Prozesse, steigender Kostendruck und ein wachsender Bedarf an Versorgungssicherheit machen Energie für die Lebensmittelbranche zu einem strategischen Faktor. Das unterstreicht Marvin Mertens, Verkaufs- und Produktchef beim dezentralen Energieversorger Enviria, im LP-Gespräch.
Realistischer Blick für den Erfolg entscheidend
Photovoltaik (PV) sei längst kein Nischenthema mehr: „Auf Dächern von Produktionsstandorten, Logistikzentren und Handelsimmobilien liegt erhebliches Potenzial.“ Gleichzeitig zeige die Praxis: „Der größte Hebel entsteht selten durch PV allein, sondern durch die Integration eines ganzheitlichen Energiesystems mit Batteriespeichern (BESS), Ladeinfrastruktur und einem intelligenten Energie-Management-System (EMS).“
Nach Auffassung von Mertens ist ein realistischer Blick auf Standort, Lastprofile und Rahmenbedingungen entscheidend, um erfolgreich in die Umsetzung zu starten und auch im laufenden Betrieb nachhaltig zu profitieren.
Wichtige Voraussetzungen der Dachfläche
Dachflächen seien in der Lebensmittelbranche häufig groß, stellt Mertens fest. Sie böten daher Platz für Solar – vom Kühlhaus über die Produktion bis zum Zentrallager oder Fachmarkt. Entscheidend seien allerdings die Voraussetzungen der Dachfläche:
- Statik und Zustand (Tragfähigkeit, Alter der Eindeckung, Sanierungsplan)
- Ausrichtung, Verschattung und Aufbauten (Lüftung, Kälteanlagen, Lichtbänder, RLT)
- Wartungswege (Zugänglichkeit, Brandschutzkonzepte)
- Zeitlicher Horizont: Eine PV-Anlage rechnet sich langfristig nur, wenn das Dach in den nächsten Jahren nicht grundlegend saniert werden muss – sonst drohen unnötige Demontagekosten.
Neben Dächern kommen laut Mertens – je nach Standort – auch Freiflächen in Frage, etwa für Speicher oder Ladeinfrastruktur. In der Lebensmittelwirtschaft sei Flächenmanagement jedoch oft eng: „Rangierflächen, Feuerwehrzufahrten, Kühlaggregate, Verkehrsströme und Hygieneanforderungen müssen früh berücksichtigt werden.“
Netzanschlusspunkt bestimmt über Wirtschaftlichkeit und Zeitplan
Was Marvin Mertens zufolge oft nicht bekannt sei: Für Speicher würden häufig nur wenige Quadratmeter auf dem Betriebsgelände benötigt, zum Beispiel auf Parkplätzen.
So wichtig die verfügbare Fläche im ersten Schritt sei: „Der Netzanschlusspunkt entscheidet oft über Wirtschaftlichkeit und Zeitplan. Für größere PV-Anlagen und Batteriespeicher in Gewerbe und Industrie sind Netzbetreiberfreigaben zwingend, da die Dimensionen weit über 25 kWp – die Grenze für Systeme von Privathaushalten – gehen.“ Vor Projektstart müsse also Folgendes geklärt werden:
- Gibt es genügend Netzkapazität für dezentrale Energielösungen wie PV oder Batteriespeicher?
- Ist der Anschlusspunkt in der Nähe oder ist Tiefbau nötig?
- Wird eine eigene Trafo-Station vor Ort benötigt?
- Welche Leistungsgrenzen oder Betriebsvorgaben bestehen am Standort?
Gerade in Regionen mit knapper Netzkapazität sind integrierte Konzepte nach Auffassung von Mertens im Vorteil. Denn sie könnten Erzeugung, Speicher und Verbrauch gezielt so steuern, dass der bestehende Anschluss netzdienlicher und damit effizienter genutzt werde.
Lastprofile durch verschiedene Prozesse geprägt
In der Lebensmittelwirtschaft sind Lastprofile nach Darstellung des Experten durch verschiedene Prozesse geprägt:
- Kühl- und Tiefkühlketten laufen kontinuierlich, oft 24/7.
- Produktion (Backlinien, Abfüllung, Verpackung, Druckluft, Pumpen) erzeugt klare Lastspitzen.
- Logistik (Kommissionierung, Fördertechnik) hat zeitliche Hochlastfenster.
- Filial- und Marktstandorte haben verbrauchsintensive Tagesprofile.
Die Grundregel bleibe: Je höher der Eigenverbrauch des Solarstroms, desto besser die Wirtschaftlichkeit. Doch Eigenverbrauch müsse nicht mit der PV-Produktion zusammengehen (also zur Mittagszeit stattfinden) – er lasse sich individuell gestalten. „Genau hier kommen Batteriespeicher und intelligente Steuerung ins Spiel“, so Mertens.
Lastspitzen und Prozesssicherheit relevant
Der Energie-Profi weiter: „Viele Betriebe decken ihren Bedarf nicht vollständig über PV. Das ist bei energieintensiven Branchen oftmals der Fall, aber dennoch kein Ausschlusskriterium. Entscheidend sind die Nutzungsmöglichkeiten, die sich durch die Kombination von mehreren Energielösungen ergeben.“ Besonders relevant in der Lebensmittelbranche:
- Lastspitzen (zum Beispiel Anlauf großer Kälteanlagen oder Produktionslinien) treiben Kosten über Leistungspreise und Netzentgelte.
- Prozesssicherheit erfordert stabile Energieverfügbarkeit – Ausfälle sind teuer, nicht nur technisch, sondern auch durch Warenverluste.
Hier kann aus Sicht von Mertens ein Batteriespeicher doppelt wirken: sowohl auf die Kosten als auch auf die Stabilität im Betrieb.
Batteriespeicher brauchen passende Dimensionierung
Batteriespeicher entfalten ihren Nutzen vor allem im Zusammenspiel mit Erzeugung und Verbrauch. Typische Anwendungsfälle in der Lebensmittelbranche sind:
- Eigenverbrauchsoptimierung: Solarstrom wird gespeichert und zu energieintensiven Zeiten genutzt, in denen Kühlung, Kommissionierung oder Produktion laufen – auch abends und nachts.
- Lastspitzenkappung (engl. Peak Shaving): Der Speicher fängt Spitzen ab (z. B. gleichzeitig laufende Linien, Kompressoren, Fördertechnik) und senkt so netzentgeltrelevante Leistungskosten. Diese orientieren sich nämlich an der Maximallast.
- Beschaffungsoptimierung: Strom kann gezielt zu günstigeren Zeiten aus dem Netz bezogen, gespeichert und später genutzt werden – sinnvoll insbesondere bei dynamischen Tarifen.
Marvin Mertens: „Wichtig ist die passende Dimensionierung: Kühlanlagen und Prozesse haben andere Dynamiken als klassische Bürostandorte. Deswegen ist eine detaillierte Lastdatenanalyse vorab unerlässlich.“
Ladepunkte müssen in die Gesamtenergiearchitektur passen
Ein zentraler Erfolgsfaktor sei die gemeinsame Planung von PV und Speicher am selben Standort – die sogenannte Co-Location. Grund: „Dadurch entstehen nicht nur weniger Schnittstellen in Planung und Genehmigung, sondern auch geringere Gesamtkosten durch geteilte Infrastruktur (Tiefbau, Übergabe, Trafo) und letzten Endes auch eine effizientere Betriebsführung sowie ein smartes Steuerungskonzept.“
Dienstwagen, Lieferfahrzeuge, Mitarbeiterfahrzeuge, perspektivisch auch Schwerverkehr – Elektrifizierung wird stark diskutiert und ist auch regulatorisch mittlerweile Pflicht. Mit dem GEIG (Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz) sind viele Eigentümer verpflichtet, bei Neubau oder größeren Renovierungen Ladeinfrastruktur zu integrieren – je nach Gebäudetyp ist eine Mindestzahl an Ladepunkten vorgesehen. Folgende Punkte sollten nach Meinung von Mertens vor flächendeckender Implementierung bedacht werden:
- Standzeiten und planbaren Ladefenstern
- Anzahl Fahrzeuge (eigene Flotte, Dienstleister, Mitarbeiter, Kunden)
- verfügbarer Netzkapazität vor Ort.
„Für die Lebensmittelbranche gilt besonders: Ladepunkte müssen in die Gesamtenergiearchitektur passen – sonst steigen Leistungsspitzen und Anschlusskosten.“
Energie-Management-System verzahnt optimal
Eine isolierte Installation sei selten sinnvoll. Integriert in ein solares Energiesystem könnten Ladepunkte gezielt mit Solarstrom versorgt und intelligent gesteuert werden. Eine Wirtschaftlichkeitsanalyse von Solarexperten diene als Entscheidungsgrundlage vor der Umsetzung, betont Mertens. Hier würden die Investitionskosten gegen die letztendliche Nutzung der Ladepunkte gerechnet.
Sobald mehrere Komponenten zusammenkommen, stellt ein Energie-Management-System die optimale Verzahnung aller Lösungen sicher: Es koordiniert Erzeugung (PV), Speicher, Verbraucher vor Ort und Ladepunkte. Alle Energieflüsse werden mit dem Ziel orchestriert, Energie genau dort einzusetzen, wo sie gebraucht wird und den größten wirtschaftlichen Effekt hat.
Beispiel aus der Praxis: PV-Strom deckt zuerst die Grundlasten (Kälte, Fördertechnik), dann flexible Verbraucher (Ladepunkte), anschließend wird der Speicher geladen und hält Energie für später vor. Die Vorgehensweise variiert von Standort zu Standort und wird individuell an die Gegebenheiten angepasst, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Umstieg auf Erneuerbare von Beginn an integriert denken
Wenn mehrere Komponenten zu einem ganzheitlichen Energiesystem zusammengeführt werden, ist es nach Überzeugung von Marvin Mertens sinnvoll, einen erfahrenen Umsetzungspartner einzubinden, der Integration und Kombination der Lösungen beherrscht. Mit der Erfahrung aus großen, komplexen Projekten lasse sich so eine standortgerechte Konzeption entwickeln: von der Machbarkeitsanalyse bis hin zum sicheren Betrieb aller Energielösungen.
Fazit des Experten: „Für Unternehmen in der Lebensmittelbranche lohnt sich der Umstieg auf Erneuerbare dann besonders, wenn er von Beginn an integriert gedacht wird: PV als Basis, Speicher als Flexibilitätstreiber, EMS als Steuerung und gegebenenfalls ergänzt mit Ladeinfrastruktur dort, wo sie in den Betrieb passt oder regulatorisch notwendig ist. So lassen sich nicht nur Energiekosten und CO₂-Emissionen senken, sondern auch langfristig planbarer und unabhängiger gestalten.
