Fabrikhallen, in denen jahrzehntelang Milliarden Zigaretten in Deutschland vom Band liefen, stehen still oder werden demnächst stillstehen. Philip Morris hat seine Werke in Berlin und Dresden bereits dichtgemacht, Reemtsma hat das Ende seines Standorts Langenhagen bei Hannover für 2027 angekündigt. Die Lebensmittel Praxis hat die großen Player um eine Einordnung gebeten: Welche Rolle kann der Standort Deutschland in Zukunft noch spielen? Wie gehen die Hersteller mit mehr Regulierung und möglicherweise noch höheren Steuern um, und wie weit ist die Transformation zu einer wirklich rauchfreien Zukunft mit Tabakerhitzern und elektronischen Zigaretten vorangeschritten?
Standort steht zur Disposition
Branchenprimus Philip Morris begründet die Schließung seiner Werke hauptsächlich mit dem rückläufigen Markt: „In der Philip Morris Manufacturing in Berlin-Neukölln wurde zuletzt ausschließlich expandierter Tabak hergestellt – ein Vorprodukt für die Zigarettenproduktion. In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Zigaretten in Europa jedoch deutlich zurückgegangen“, heißt es dazu von Philip Morris Deutschland gegenüber der Lebensmittel Praxis. Dieser Trend werde sich nach Einschätzung des Marlboro- und Iqos-Herstellers auch in den kommenden Jahren fortsetzen.
Reemtsma, ein Teil von Imperial Brands, benennt als Hauptursache für die Schließung in Langenhagen ebenfalls die konstant sinkende Auslastung – räumt aber auch ein, dass der Standort Deutschland im Konzernvergleich besonders stark von hohen Kosten betroffen ist. „Seit 2015 haben wir über 250 Millionen Euro in das Werk investiert. Solche Entscheidungen brauchen aber Rückenwind in Form von verlässlichen Rahmenbedingungen. Das hat in der Vergangenheit leider gefehlt“, sagt Peter Fobe, Sprecher von Reemtsma.
Stattdessen würden erhebliche Bürokratie sowie stetig steigende Zusatzkosten durch neue gesetzliche Vorgaben den Standort Deutschland belasten. Hinzu kämen gänzlich fehlende Vorgaben für die Produktion und Vermarktung neuer, potenziell risikomindernder Produkte. Darunter werden gemeinhin Tabakerhitzer, elektronische Zigaretten, aber auch orale Tabakprodukte wie Nikotinbeutel zusammengefasst.
British American Tobacco (BAT; Hersteller von unter anderem Lucky Strike) kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: Der klassische Zigarettenmarkt wandle sich schneller als erwartet – die eigentliche Herausforderung liege aber nicht in der industriellen Fertigung, sondern im regulatorischen Vakuum rund um die neuen Produktkategorien. „Die industrielle Wertschöpfung verschwindet nicht, sie verlagert sich dorthin, wo Innovation möglich ist. Für BAT bleibt Deutschland ein bedeutender Markt mit hoher wissenschaftlicher Kompetenz und großem Potenzial, wenn Regulierung den realen Konsummustern folgt und ein modernes, differenziertes Rahmenwerk schafft“, heißt es vom Unternehmen. BAT betreibt in Bayreuth noch eine Fertigung unter anderem für Stopftabak. Die Zigarettenherstellung wurde hier aber bereits 2016 eingestellt.
Genau wie die Wettbewerber setzt der Konzern, der seine deutsche Zentrale in Hamburg hat, mit den Marken Glo (Erhitzer) und Vuse (E-Zigarette) auf Alternativen abseits der klassischen Zigarette. Mit Veo stellte BAT 2023 sogar eine tabakfreie Alternative für Erhitzer vor, die auf einer Rooibos-Pflanze mit Nikotinzusatz basiert.
Als einziger großer Hersteller scheint Japan Tobacco International (JTI) noch an den Standort Deutschland zu glauben: Über 30 Millionen Euro sollen die Fertigung in Trier zukunftsfähig machen. JTI investiert das Geld in eine neue Anlage für Komponenten der erhitzbaren Tabaksticks. Werkgeschäftsführer Peter Kilburg: „In Trier verbindet sich jahrzehntelanges Know-how in der Produktion mit der Innovationskraft unseres Forschungs- und Entwicklungszentrums – diese Kombination macht die Produktion in Trier im JTI-Konzern besonders.“ Die aktuelle Investition sei ein klares Bekenntnis zum Standort. JTI beschäftigt in Deutschland noch rund 2.200 Mitarbeiter in Trier und Köln und ist damit nach eigener Aussage der größte Arbeitgeber der deutschen Tabakbranche.
Vieles entscheidet sich 2026
Das Jahr 2026 bringt gleich mehrere regulatorische Weichenstellungen für die Branche. Im März entschied der Bundesgerichtshof (BGH), dass auch leere Ersatztanks für E-Zigaretten als Tabakprodukte einzustufen und damit jugendschutzrelevant sind. Das Urteil betrifft vor allem den Großhandel, der nun mit verschärften Anforderungen und erhöhten Haftungsrisiken konfrontiert ist. Philip Morris und Reemtsma sehen sich von dem Urteil nicht unmittelbar betroffen, da beide keine offenen Tanksysteme anbieten.
JTI begrüßt die Entscheidung grundsätzlich: „Maßnahmen, die zum Ziel haben, Jugendliche vom Zugang zu Tabak- oder Nikotinprodukten fernzuhalten, unterstützen wir“, sagt Felix Bethmann, Leiter des Hauptstadtbüros von JTI. Reemtsma fordert allerdings eine konsequentere Durchsetzung bestehender Regeln: Die Vorschriften für den Jugendschutz bei E-Zigaretten seien eigentlich klar – was fehle, sei deren Ahndung in der Praxis. Das kommende Verbot von Einweg-E-Zigaretten ist ein weiteres Thema, das die Branche bewegt. Reemtsma weist darauf hin, dass der Boom dieser Produkte ohnehin vorbei sei – der Marktanteil gehe seit 2024 zurück. Gleichzeitig betonen sowohl Reemtsma als auch Philip Morris ihre bestehenden Rücknahme- und Recyclingprogramme. JTI weist darauf hin, dass das eigene Portfolio im Bereich risikoreduzierter Produkte ausschließlich auf Tabakerhitzer setze – und sich damit technisch und rechtlich klar von Einweg-E-Zigaretten abgrenze.
Besonders kontrovers diskutiert wird aktuell ein mögliches Verbot von Menthol und Kühlstoffen in E-Zigaretten-Liquids. Laut Angaben vom Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) wird Menthol in vier Fünfteln aller Liquids zur Geschmacksabrundung verwendet. Ein Verbot dieser Substanz würde laut Reemtsma faktisch 80 bis 90 Prozent aller Produkte treffen – und wäre damit, so das Unternehmen, das größtmögliche Konjunkturpaket für den komplett unregulierten, illegalen Handel und das faktische Ende legaler E-Zigaretten. BAT warnt ebenfalls vor den Folgen pauschaler Aromenverbote und verweist auf Erfahrungen aus anderen Märkten wie den Niederlanden und der kanadischen Provinz Quebec: „Wenn erwachsene Konsumenten ihre bevorzugten Geschmacksvarianten nicht mehr legal erwerben können, weichen sie häufig auf illegale oder selbst gemischte Produkte aus.“
Transformation auf der Bremse
Alle großen Tabakkonzerne gehen den Weg in eine rauchfreie Zukunft. Doch der ist steinig: Die neuen Produktkategorien stoßen in Deutschland auf ein regulatorisches Umfeld, das die Industrie einhellig als hemmend beschreibt. BAT beispielsweise strebt ein überwiegend rauchfreies Geschäftsmodell bis 2035 an. Im Fokus stehen Produkte, die nach eigener Aussage eine um 90 bis 95 Prozent geringere Schadstoffbelastung gegenüber der Verbrennungszigarette aufweisen. „Die Transformation hin zu einer rauchfreien Zukunft ist keine kosmetische Modernisierung, sondern die größte strategische Neuausrichtung unserer Unternehmensgeschichte“, heißt es von BAT.
Philip Morris betont, wie weit die Verwandlung vom klassischen Zigarettenkonzern zu einem Anbieter diverser Alternativen bereits vorangeschritten sei: Rund 42 Prozent der weltweiten Nettoerlöse stammten aus dem rauchfreien Geschäft, mehr als 43 Millionen Erwachsene nutzen Produkte wie den Tabakerhitzer Iqos oder die E-Zigarette Veev in über 100 Märkten.
Kerngeschäft bleibt erhalten
Reemtsma wiederum erklärt, dass sie das Kerngeschäft nicht opfern, sondern ergänzen – über die E-Zigarette Blu und den Kautabak Skruf. Das Unternehmen kritisiert die Politik ebenfalls: Der regulatorische Rahmen für neue, potenziell risikoreduzierte Produkte mache allen Wettbewerbern im Markt das Leben schwer – und er ignoriere wissenschaftliche Evidenz und reale Konsumgewohnheiten. „Das ist sehr schade, denn diese Innovationsangst auf politischer Seite ist gesundheits-, ordnungs- und fiskalpolitisch sowie marktwirtschaftlich komplett kontraproduktiv“, so Peter Fobe von Reemtsma. Ein Verkaufsverbot von Nikotinbeuteln, die steuerliche Gleichsetzung von Alternativen zu normalen Zigaretten sowie ein florierender Schwarzmarkt mit E-Zigaretten über Online-Handel und Kioske sind der Branche schon länger ein Dorn im Auge.
JTI unterstreicht in einem Statement, Erwachsenen die freie Wahl zwischen legalen Produkten ermöglichen zu wollen – und macht damit die Linie des Unternehmens deutlich: Keine kategorische Absage an die klassische Zigarette, aber ein klares Bekenntnis zu Alternativen wie dem Tabakerhitzer Ploom.
Mit dem Auslaufen des deutschen Tabaksteuer-Stufenmodells 2026 steht die nächste Weichenstellung an. Ganz aktuell diskutiert die Regierungskoalition die Option, eine deutliche Erhöhung schon in diesem Jahr aufzusetzen – als Gegenfinanzierung des Entlastungspakets, das steuerliche Mindereinnahmen in Höhe von etwa 1,6 Milliarden Euro bedeutet. In einem Koalitionspapier heißt es wörtlich: „Die Koalition wird es Arbeitgebern im Jahr 2026 ermöglichen, eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie in der Höhe von 1.000 Euro zu zahlen. Zur Gegenfinanzierung wird die Tabaksteuer schon im Jahr 2026 erhöht.“ Die Rede ist von 2 Euro je Zigarettenpackung.
Aus der Industrie ist die Reaktion eindeutig: Zu hohe oder zu schnell steigende Steuern treiben Konsumenten in den illegalen Markt, heißt es unisono. Philip Morris verweist auf eine KPMG-Studie, die für Frankreich zeigt, was passiert, wenn Steuererhöhungen zu abrupt ausfallen: Dort stammen mehr als 40 Prozent des Zigarettenkonsums aus illegalen Quellen. Besonders problematisch sei die Situation bei Tabaksticks, wo die Steuerlast in Deutschland im europäischen Vergleich so hoch sei, dass bereits rund jeder dritte Stick aus dem Ausland komme.
Reemtsma erinnert an die jüngere deutsche Geschichte: Anfang der 2000er-Jahre hatten mehrere aufeinanderfolgende Tabaksteuererhöhungen dazu geführt, dass dem Fiskus 2005 rund 3,5 Milliarden Euro weniger zuflossen als geplant.
Die deutschen Fabrikhallen der Tabakbranche werden also leerer. Aber die Unternehmen sind nicht weg. Sie transformieren sich, verlagern Investitionen in neue Kategorien und versuchen im Dialog mit Politik und Behörden Einfluss auf die Spielregeln des Nikotinkonsums der Zukunft zu nehmen.