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Tierhaltung/Schlachthöfe Der bayerische Irrweg vom Hof auf den Teller?

Markus Wörmann | 06. Juli 2020
Tierhaltung/Schlachthöfe: Der bayerische Irrweg vom Hof auf den Teller?
Bildquelle: Getty Images/Christian Peters

Viele kleine Betriebe statt Agrargiganten – für Markus Söder soll sich ganz Deutschland den bayerischen Weg zum Vorbild nehmen. Kopfschütteln bei Fachleuten, denn Bayern ist in der Tierhaltung zum Teil rückständig wie kaum ein zweites Bundesland.

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Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert für Deutschland eine Agrarwende nach bayerischem Vorbild. Die Landwirte in Bayern legten großen Wert auf die Liebe zum Tier und auf die Qualität der Produkte. „Warum setzen wir nicht mehr in Deutschland auf die kleineren Betriebe und unterstützen sie, als die großen Agrarfabriken zu haben?“, fragte Söder am Samstag in einer via Twitter verbreiteten Videobotschaft.

Was der bayerische Ministerpräsident dabei gerne außer Acht lässt, ist die gängige Anbindehaltung in bayerischen Milchviehbetrieben, vor allem in diesen gewünschten kleinen und mittleren Betrieben an Gebirgsstandorten. Die Voralpenländer Bayern und auch Baden-Württemberg wehren sich auf allen Ebenen, das Verbot der Anbindehaltung umzusetzen.

In dieser Haltungsform sind die Milchkühe zum Teil das ganze Jahr angebunden, ohne die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Sie können nur aufstehen und sich wieder hinlegen, ein bisschen vor und zurück treten. Dabei ist das Thünen-Institut bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Verbot wirtschaftlich vertretbar wäre und auch Molkereien fordern dies. Bayerns Bauern bieten dagegen an, ihren Kühe 120 Tage Auslauf zu gewähren, bzw. 90, wenn die Ställe tierwohlgerechter seien. Den Rest des Jahres bleiben sie angebunden im Stall.

Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) stieß ins selbe Horn wie ihr Chef und brachte die Schlachthofgrößen von Tönnies, Vion und Westfleisch ins Spiel. „Die großen Strukturen, die wir in anderen Bundesländern vorfinden, sind nicht zukunftsfähig“, erklärte sie am Sonntag. Sie forderte einen bundesweiten Umbau der Schlachthof-Strukturen nach bayerischem Vorbild. Bayern stelle schon jetzt rund ein Drittel aller Schlachtstätten in Deutschland mit 1.800 EU-zugelassenen Betrieben.

Mit Blick auf Corona mag das Sinn ergeben: Ein eventuelles Virus würde sich auf eine kleinere Belegschaft ausbreiten und die Stilllegung von kleinen Schlachtbetrieben über mehrere Wochen ist besser zu kompensieren. Aber bei Arbeitsschutz, Hygiene und Tierschutz lassen sich zehn große Betriebe besser kontrollieren als 1.000 kleine, sagen Experten. Auch Bayern hatte in der Vergangenheit mit Tierschutzverstößen in Schlachtbetrieben zu kämpfen. Die 2018 ins Leben gerufene Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) sorgt sich seitdem um die größeren, überregional agierenden Unternehmen der Branche, weil wegen „der Komplexität dieser Betriebe besondere Anforderungen und Spezialwissen erforderlich sind“, heißt es aus Bayern.

Die kleineren Schlachtereien werden weiterhin von den Kreisen und kreisfreien Städten beobachtet. Doch wenn die Standards in allen Betrieben, ob groß oder klein, dieselben sind, müsste auch die Lebensmittelüberwachung mit demselben Spezialwissen erfolgen.