Was einen Supermarkt mit „See“ verbindet, zumal, wenn der Markt in Süddeutschland liegt? Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten erstaunlich viel. In Radolfzell, Luftlinie gerade einmal einen Kilometer vom Bodensee entfernt, spielt Edeka Münchow in der Stockacher Straße bewusst mit der Nähe zum Wasser: Licht, Weite und maritime Accessoires prägen das Einkaufserlebnis. Als leidenschaftliche Segler will die Betreiberfamilie Schulze den Ort nicht einfach als Verkaufsfläche sehen, sondern als Hommage an die Region und die Natur. Inklusive Nachhaltigkeit. Holz, Glas und warme Farben greifen die Landschaft auf, entschleunigen und vermitteln ein Gefühl von Heimat. „Wir zeigen, wo wir sind“, fasst die Kauffrau Nadine Schulze, die gemeinsam mit ihrem Mann Andreas in zweiter Generation das Familienunternehmen Edeka Münchow führt, die Idee dahinter zusammen.
Flächenoptimierung im Fokus
Bis die Kaufmannsfamilie, die sechs Märkte zwischen Singen und Bodensee betreibt, ihr Raumkonzept für den Radolfzeller Flaggschiffmarkt realisieren konnte, vergingen Jahre. Zwar hatte Edeka Südwest die rund 6.500 Quadratmeter große Fläche einer ehemaligen Gärtnerei bereits 2016/17 erworben, doch die Entwicklung zog sich hin. Insgesamt dauerte es rund ein Jahrzehnt, bis ein tragfähiges Konzept stand: eine Kombination aus Nahversorgung und Wohnraum – so die Vorgabe von Stadtverwaltung und Gemeinderat.
Für den Architekten, der beim von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb gewann, war das Projekt eine anspruchsvolle Aufgabe. Um den Flächenverbrauch möglichst gering zu halten, entwickelte er eine aufgeständerte Mall. Einen besonderen Fokus legte Andreas Schulze bei der Konzeption jedoch auf die Energieeffizienz. Der Neubau erreicht den Energieeffizienzstandard „EE40“, was bedeutet, dass das Haus nur 40 Prozent an Primärenergie im Vergleich zu Standardgebäuden verbraucht und 65 Prozent des Bedarfs aus erneuerbaren Energiequellen (EE) bezieht.
Zum Konzept gehören unter anderem eine Photovoltaikanlage, LED-Beleuchtung, Kühlregale mit Glastüren und eine CO₂-Kälteanlage. Ein hocheffizientes Heiz- und Lüftungssystem mit Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung ersetzt fossile Energieträger.
Verkehrsgünstig an der nördlichen Einfallstraße gelegen, fällt der aufgeständerte Bau mit seiner hellen Holzlamellenfassade sofort ins Auge. Leicht und offen fügt er sich in die Umgebung ein. Auf eine Tiefgarage wurde bewusst verzichtet, da der weiche Baugrund den Aufwand und die Kosten erheblich erhöht hätte. Stattdessen stehen ebenerdig 93 Stellplätze zur Verfügung, darüber befinden sich der Markt sowie eine Bäckerei mit Sitzbereich. Von außen erinnert der großzügige, halbrund verglaste Gastrobereich an eine Schiffsbrücke.
Was am Reißbrett des Architekten noch praktisch wirkte, wurde für Familie Schulze in der Praxis zur logistischen Herausforderung. So müssen sich Kunden und Lieferanten den knappen Platz unter der Mall teilen. „Deshalb haben wir ein festes Anlieferungsfenster von 6 bis 8 Uhr morgens eingerichtet, um Park- und vor allem Rangierkonflikte mit Lkw zu vermeiden“, erklärt Andreas Schulze. Zwei Rücknahmeautomaten stehen Kunden in einem separaten Raum gegenüber dem Eingang zur Mall zur Verfügung. „So können unsere Kunden im wahrsten Sinne des Wortes unbeschwert durch den Markt schlendern“, freut sich Junior Moritz Schulze.
Beim Auf- und Abgang müssen Kunden eine 180-Grad-Wendung einlegen, um den Markt zu betreten oder nach der Kasse wieder auf die Straße zu gelangen. Was bei der Markteröffnung teils für Verwirrung sorgte, wurde durch klare Beschilderung mit dekorativen, teils maritim anmutenden Schriftzügen und Pfeilen gelöst. Einfacher haben es Kunden, die einen der beiden Aufzüge benutzen.
Das Thema See zieht sich durch den gesamten Markt. Im Eingangsbereich liegt ein schmuckes Segelboot vor Anker, ein antiker Kompass und alte Schiffslaternen zieren die Obst- und Gemüseabteilung und ein Steuerrad schwebt über dem Weinsortiment. Großformatige Fotografien aus der Region und maritime grafische Bootsmotive vervollständigen das Konzept.
„Mit dieser Wohlfühlatmosphäre sprechen wir ganz bewusst auch unsere Mitarbeiter an“, erzählt Nadine Schulze. Ein gutes Arbeitsumfeld stärke die Bindung ans Unternehmen, so ihre Erfahrung, und halte die Fluktuation niedrig. Ein Segen für sie als Personalchefin mit 31 Jahren Unternehmenszugehörigkeit. Für die Kundschaft bedeutet das: viele vertraute Gesichter und Gespräche. „So bleiben wir nah am Kunden und wissen, was gefragt ist, was verändert oder ergänzt werden sollte“, ergänzt Junior Moritz Schulze. Dass dieses Prinzip funktioniert, zeigt sich im Alltag: Kundenhandscanner, zur Eröffnung noch nicht vorhanden, gehören inzwischen selbstverständlich dazu.
Edeka Münchow, Stockacher Straße 24, 78315 Radolfzell am Bodensee
| Eröffnet | 06.11.2025 |
| Verkaufsfläche | 1.950 qm |
| Artikel | 28.000 |
| Mitarbeiter (Köpfe) | 65 |
| Öffnungszeiten Mo.- Sa. | 8 bis 21 Uhr |
| Sitzplätze Gastronomie | 40 |
| Parkplätze | 93 |
| Kaufkraft Ort | 107,6* |
| Durchschnittsbon | 23 Euro |
| Investition | 2,5 Mio. Euro für Innenausbau |
| Rücknahmeautomaten | 2 |
| Märkte Münchow insgesamt | 6 |
* Kaufkraftindex 100 = 30.555 Euro; das entspricht einer durchschnittlichen Kaufkraft pro Kopf im Landkreis Konstanz in Höhe von 33.000 Euro. Der Index gibt an, wie hoch die finanziellen Mittel der Bevölkerung sind, um Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Quelle: MB Research.
Regionalität ist Trumpf
Das Sortiment in Radolfzell umfasst rund 28.000 Artikel auf knapp 2.000 Quadratmetern. „Wo immer es geht, spielen wir die Regionalkarte“, sagt Tochter Leonie, selbst gelernte Kauffrau und für den Frischebereich zuständig. So stammen, wenn immer möglich, feldfrisches Obst und Gemüse von der Reichenau und der Höri. Mehl kommt aus Orsingen, Kaffee aus Radolfzell, geräucherte Fischspezialitäten von der Reichenau, Antipasti aus Engen, erlesene Spirituosen aus Salem, Emmerbrot aus Singen, Waschmittel aus dem Deggenhausertal. Eine Liste, die sich fortführen ließe.
Für Nadine Schulze ist die Zusammenarbeit mit den Betrieben des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfs in Wahlwies, die junge Menschen mit Förderbedarf ausbilden, ein besonderes Herzensanliegen: „Von dort beziehen wir zum Wochenende Kuchen und Konditoreierzeugnisse in Bio-Qualität.“ Allen Trends zum Trotz setzen die Schulzes auch auf Bedientheken für Fleisch, Wurst, Käse und Fisch. Dahinter gelerntes und geschultes Personal. „Das macht den Unterschied“, ist sich Andreas Schulze sicher.
Auch an spezielle Versorgung der vielen Urlauber, Radfahrer und Camper am Bodensee ist gedacht: Kurz vor der Kassenzone steht noch ein Regal mit Fahrrad- und Campingzubehör. Von Ersatzschläuchen über Rücklichter und Flicken bis hin zu Plastikgeschirr, Sitzkissen und Taschenlampe gibt es hier alles.
All diese Sortimentsbereiche unterzubringen, sei ein einziges Puzzlespiel gewesen, weiß Moritz Schulze. „Über 20 Entwürfe für Regale, Theken und Abteilungen habe ich im Vorfeld der Markteröffnung gemacht, 19 davon verworfen“, erzählt der Junior. Auch der aktuelle Marktplan ist nicht in Stein gemeißelt. So sei es der immer weiter sinkenden Nachfrage nach Wein geschuldet, dass die aktuelle Vinothek kleiner ausgefallen sei als konzipiert. Dafür hat sich der acht Meter lange Kühlschrank bestens bewährt. „Auf dem Weg zum See noch schnell eine Kiste gekühltes Bier holen – bei uns kein Problem.“
Familie Schulze weiß, wovon sie spricht, schließlich verbringt auch sie ihre freie Zeit gern auf dem Bodensee. Die Eltern haben Leonie und Moritz zu Weihnachten Segelkurse geschenkt. Um im Bild zu bleiben: Noch haben also Nadine und Andreas das Ruder in der Hand. Doch Leonie und Moritz üben sich als Vorschoter. Sie wissen, wie wichtig es ist, das Vorsegel richtig zu trimmen, damit das Boot maximale Fahrt aufnehmen kann.
Herr Schulze, warum lohnen sich Social-Media-Channels für Sie?
Wir zeigen Authentizität durch Baustellen-Updates, Marktalltag und persönliche Einblicke von Mitarbeitern. Sie sind für uns ein wichtiger Baustein, um modern zu
kommunizieren, Vertrauen aufzubauen und als regionaler Markt sichtbar zu bleiben.
Welche Feedbacks aus dem Netz haben Sie schon umgesetzt?
Vor allem zur Neueröffnung haben wir gezielt Meinungen abgefragt. Daraufhin haben wir beispielsweise mehr Einkaufskörbe angeschafft und eine klarere Produktpräsentation im Markt umgesetzt.
Wie gehen Sie mit Hass im Netz um?
Kritik im Netz nehmen wir ernst: Schnelle, transparente Reaktionen und Dialog klären Themen früh. Konstruktive Vorschläge nutzen wir zur Verbesserung, bei Unsachlichem bleiben wir ruhig und respektvoll.