Die Krankmeldungen im Einzelhandel erreichten im vergangenen Jahr den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Der Krankenstand stieg 2024 auf 7,14 Prozent, wie eine Auswertung der AOK Rheinland/Hamburg ergab. Damit fehlten täglich mehr als sieben von 100 Beschäftigten wegen Krankheit. Im Jahr 2015 lag die Quote noch bei 5,28 Prozent.
Die Krankenkasse wertete für die Untersuchung die Daten von über 100.000 im Einzelhandel beschäftigten Versicherten aus. Die AOK Rheinland/Hamburg betreut nach eigenen Angaben rund drei Millionen Versicherte. Besonders stark stiegen die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen. Im Jahr 2024 fehlte jeder Beschäftigte im Schnitt 5,7 Tage wegen einer psychischen Erkrankung. Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei 3,9 Tagen. Die Zahl der Fehltage wegen psychischer Probleme stieg damit um fast 50 Prozent.
Merit Kirch, Geschäftsführerin des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung der AOK Rheinland/Hamburg, nannte mehrere Gründe für die Entwicklung. „Dazu zählen eine hohe psychische Belastung durch den intensiven Kundenkontakt, die angespannte Personalsituation, Sorgen um den Arbeitsplatz sowie zunehmender Kostendruck und der wachsende Wettbewerb durch den Onlinehandel“, zitierte die Krankenkasse Kirch in der Mitteilung. Der stationäre Einzelhandel kämpft seit Längerem mit Schwierigkeiten. Zwischen August 2024 und August 2025 registrierte der Kreditversicherer Allianz Trade 2.490 Insolvenzen im Einzelhandel – so viele wie seit Jahren nicht mehr.
Handelsverband fordert Ende der telefonischen Krankschreibung
Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, erklärte laut der Mitteilung, der hohe Krankenstand belaste die Unternehmen in schwierigen Zeiten zusätzlich und schwäche die Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Der Verband fordert die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Genth sieht darin eine Ursache für den hohen Krankenstand. Nach zwei Jahren könne man genau sehen, ob es zu einem Rückgang der Krankschreibungen gekommen sei, so Genth. Die Möglichkeit, sich per Telefon krankschreiben zu lassen, führte die Bundesregierung in der Corona-Pandemie ein. Ende 2023 trat eine dauerhafte Regelung in Kraft.
Der Krankenstand im Einzelhandel lag der Analyse zufolge 2024 allerdings weiterhin leicht unter dem branchenübergreifenden Durchschnitt von 7,18 Prozent. Die Beschäftigten im Einzelhandel sind mit 37,7 Jahren im Durchschnitt deutlich jünger als in anderen Branchen, wo das Durchschnittsalter bei 41 Jahren liegt. In der Pflege lag die Quote 2024 bei 9,36 Prozent, in der Metallerzeugung bei 9,33 Prozent und in der öffentlichen Verwaltung bei 8,70 Prozent. Deutlich niedriger fiel der Anteil in der Branche Finanzen und Versicherungen mit 5 Prozent und im Gastgewerbe mit 4,84 Prozent aus.
