Top 10 der Kaufleute Das sind die größten selbstständigen Händler – und so sichern sie ihr Wachstum

Hintergrund

Rewe knackte erstmalig die 100-Milliarden-Marke. Edeka wuchs ebenfalls ordentlich. Die größten Selbstständigen legen ebenfalls zu – aber nicht, wie man denkt.

Donnerstag, 28. Mai 2026, 07:40 Uhr
Markus Wörmann
Artikelbild Das sind die größten selbstständigen Händler – und so sichern sie ihr Wachstum
Die selbstständigen Kaufleute bilden eine starke Achse, sichern die Umsatzzuwächse und stehen für Kundennähe. Bildquelle: Illustration: Benjamin Richter (mit Unterstützung durch KI)

Gespannt erwartet die Branche alljährlich die Geschäftszahlen von Rewe und Edeka zum vergangenen Geschäftsjahr. Am 22. beziehungsweise 27. April war es wieder so weit, und beide verkündeten einmal mehr gute Jahresbilanzen: Die Rewe Group legte um 4 Prozent zu und knackte erstmalig die 100-Milliarden-Marke. Der Edeka-Verbund wuchs um 2,7 Prozent auf 77,3 Milliarden Euro. Das sind die jeweiligen Konzernzahlen. Und wie sieht es bei den selbstständigen Kaufleuten aus?

Die Auswertung der jeweiligen Top-10-Selbstständigen von Edeka und Rewe zeigt für 2025 ein differenziertes Bild. Zwar konnten die führenden Kaufleute ihre Umsätze überwiegend steigern, doch der Blick hinter die Zahlen macht deutlich: Das Wachstum ist weniger Ergebnis expansiver Strategien als vielmehr Ausdruck von Effizienz, Sortimentsdisziplin und professionellem Portfoliomanagement. .

Mit einer Inflationsrate von 3,5 Prozent für Lebensmittel im Jahr 2025 (Quelle: Yougov FMCG) ist ein Großteil des Umsatzwachstums rechnerisch erklärbar. Tatsächlich liegt die Entwicklung der selbstständigen Top-Kaufleute – Edekaner etwa 3 Prozent, Rewianer etwa 8,8 Prozent – jedoch über dem Durchschnitt der Supermärkte im Lebensmitteleinzelhandel, der laut Yougov bei rund 2,3 Prozent lag. „Das Wachstum ist bei der überwiegenden Anzahl inflationsbedingt oder durch ein bis zwei neue Märkte erklärbar“, ordnet Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn ein. Gleichzeitig zeige der Vergleich, dass die Selbstständigen im Supermarktsegment erfolgreicher agieren als Regiebetriebe.

Regionale Strategie

Besonders bemerkenswert: Expansion spielt kaum noch eine Rolle. Die Top 20 der selbstständigen Händler bewirtschafteten zum 31. Dezember zusammen 377 Märkte – per Saldo wurden im Jahr 2025 zwei Standorte geschlossen. Das unterstreicht eine zentrale These: Wachstum entsteht nicht mehr primär über Fläche, sondern über Produktivität. Effizienzsteigerungen, lokale Sortimentsanpassungen und die konsequente Trennung von rentablen und unrentablen Standorten gewinnen an Bedeutung. „Wir sehen ein sehr aktives Portfoliomanagement“, so Rüschen. Märkte würden gezielt getauscht, geschlossen oder neu positioniert. Damit entwickelten sich viele selbstständige Kaufleute zu hochprofessionellen mittelständischen Unternehmern mit klarer regionaler Strategie.

Die systematische Verselbstständigung ist damit kein Rückzug der Zentralen, sondern ein bewusstes Organisationsmodell. Sie stärkt unternehmerische Verantwortung vor Ort – ein Faktor, der auch aus Kundensicht an Bedeutung gewinnt. Ein aktuelles Whitepaper der DHBW Heilbronn, das auf einer Kundenbefragung basiert,  stützt diese Einschätzung. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der selbstständige Kaufmann schafft wahrnehmbaren Mehrwert – etwa durch stärkere Kundenorientierung, lokale Verankerung und eine höhere Identifikation mit dem Markt. „Der selbstständige Kaufmann hat einen Wert für die Kunden“, sagt Rüschen.

Die Zahlen der Top-20-Selbstständigen zeigen klar: Kaufleute sind ein zentraler Erfolgsfaktor im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Wachstum entsteht weniger durch Größe als durch Qualität – im Management, im Sortiment und in der Nähe zum Kunden. Das sollte auch Einsteigern Mut machen, findet DHBW-Professor Rüschen: „Es sind sicher keine einfachen, sondern eher unsichere Zeiten, um sich selbstständig zu machen. Aber im Supermarktbereich sind die Selbstständigen erfolgreicher als Regiebetriebe.“

In der Edeka haben die etwa 3.200 Selbstständigen im Jahr 2025 zusammen rund 42,7 Milliarden Euro und damit ein Plus von 4,6 Prozent erwirtschaftet. „Ein überdurchschnittliches Wachstum im Vollsortiment“, kommentiert die Zentrale in Hamburg. Im Jahr 2025 wagten laut Geschäftsbericht 87 Existenzgründer den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Edeka-Markt. Darüber hinaus wurden 68 Märkte aus dem Bestand der regionalen Großhandelsbetriebe an selbstständige Kaufleute übergeben.

Die mittlerweile 1.620 selbstständigen Rewe-Kaufleute erzielten im abgelaufenen Geschäftsjahr mit einem Plus von satten 7,2 Prozent einen Umsatz von 20,4 Milliarden Euro. „Die weitere Stärkung und der Ausbau des Kaufleutemodells sind und bleiben daher ein essenzieller Teil unserer nachhaltigen Wachstumsstrategie“, so der Rewe-Chef Lionel Souque. Es haben sich mehr als 100 Kaufleute im Jahr 2025 mit Rewe selbstständig gemacht, erklärt das Unternehmen auf Nachfrage. Zudem hätten Kaufleute im selben Zeitraum mehr als 90 der Filial- und Regiemärkte übernommen. „Nach Möglichkeit werden Märkte, die von Kaufleuten abgegeben werden, wieder von neuen oder bestehenden Kaufleuten übernommen“, heißt es von Rewe.

Nonfood: Konzentration statt Risiko

Ein weiterer Befund aus der Top-10-Auswertung: Die Food-Anteile liegen meist zwischen 90 und 97 Prozent. Für Rüschen ist das kein Mangel, sondern eine strategisch richtige Entscheidung. Relevante Nonfood-Umsätze ließen sich nur über ein Rein-Raus-Aktionsgeschäft erzielen – ein Geschäft, das vor allem die Discounter beherrschen. „Dieses Business hat seine eigenen Gesetze und birgt große Gefahren, wenn man es nicht kann – Stichwort Restanten“, warnt er. Während Discounter wie Aldi und Lidl mit Nonfood-Aktionen nennenswerte Zuwächse erzielen, gilt für Vollsortimenter weiterhin: Konzentration auf die eigene Stärke. Oder, wie Rüschen es formuliert: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

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