Vertreter des Verbandes der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) und des Bundesverbandes der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) haben sich gegenüber der LP zu Konsequenzen aus der Niedrigwasser-Problematik geäußert. Auch der Südzucker-Konzern nahm zur aktuellen Situation Stellung.
Bahn kann ihren Auftrag gegenwärtig nicht erfüllen
„Es gibt viel zu tun für den Bundesverkehrsminister Steffen Bilger.“ Das meint VGMS-Geschäftsführer Peter Haarbeck. Gegenüber der LP betont Haarbeck, dass bei der Debatte zu diesem Thema „alle Verkehrsträger im Blick behalten“ bleiben müssten. Peter Haarbeck findet: „Keiner der Verkehrsträger Wasserstraßen, Schiene und Straße ist aktuell in der Lage, Ausfälle oder Kapazitätsengpässe eines anderen aufzufangen.“
Wenn künftig häufiger oder länger mit Niedrigwasser gerechnet werden müsse, gewinne insbesondere eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur weiter an Bedeutung. Grund: „Die Schiene ist neben der Wasserstraße der Verkehrsträger, um große Gütermengen wirtschaftlich über längere Distanzen zu transportieren. Die Bahn ist derzeit nicht in der Lage, eine zuverlässige Dienstleistung im Güterschienenverkehr anzubieten. Zu den Problemen mit der Infrastruktur selbst treten zusätzlich massive organisatorische Schwierigkeiten auf.“
Frachtkosten steigen drastisch
Haarbeck bestätigt der LP: „Die Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft steht aufgrund des anhaltenden Niedrigwassers vor erheblichen logistischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Binnenschiffe können nur noch einen Bruchteil ihrer regulären Fracht laden oder müssen den Betrieb gänzlich einstellen. Wo sonst ein Binnenschiff Hafer in die Mühle transportiert, sind es aktuell fünf bis sechs. Dadurch steigen die Frachtkosten drastisch.“
Unterdessen warnt der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) gegenüber der LP vor einer Überschätzung der Niedrigwasser-Schiffe. Die können nach Auffassung des stellvertretenden Geschäftsführers Fabian Spieß nur eingeschränkt als Problemlöser dienen.
BDB: Bund soll keine Mittel kürzen
Spieß führt aus: „Niedrigwasseroptimierte Schiffe haben ungefähr 20 bis 30 Prozent weniger Tiefgang und können daher einen Beitrag dazu leisten, dass die Schifffahrt bei Niedrigwasser länger Transporte durchführen kann. Diese Schiffe sind jedoch nicht für alle Einsatzgebiete sinnvoll und je nach Fahrtgebiet bei normalen Wasserständen teils nicht wirtschaftlich einsetzbar.“
Der BDB fordert allerdings, dass der Bund auf eine ab 2027 beabsichtigte Mittelkürzung in einem Förderprogramm für die Binnenschifffahrt verzichtet. Aus dem werden unter anderem Umrüstungen von Binnenschiffen auf niedrigwasseroptimierte Schiffe bezuschusst.
Handlungsbedarf besonders am Mittelrhein
Aus Sicht des Verbandes muss der Bund die im Bundesverkehrswegeplan 2030 und im Wasserstraßenausbaugesetz vorgesehenen Infrastrukturmaßnahmen an den Flüssen mit höchster Priorität umsetzen. Dies betrifft dem BDB zufolge Fahrrinnenverbesserungen an der Donau, am Niederrhein und ganz besonders am Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz. Letzterer Abschnitt bildet nach Darstellung des Verbandes ein Nadelöhr für die Rheinschifffahrt, da dort die Fahrrinne am schlechtesten ausgebaut ist. Spieß ist sich sicher: „Die avisierten zusätzlichen 20 Zentimeter Tiefe würden dafür sorgen, dass Binnenschiffstransporte auch bei Niedrigwasser besser plan- und durchführbar blieben.“
Zudem sollte laut BDB eine Diskussion über weitere Maßnahmen am Rhein wie Wasserrückhaltesysteme oder zusätzliche Regulierungsmaßnahmen geführt werden, damit das Wasser in trockenen Jahren länger im Rhein gehalten werden kann.
Südzucker spricht von Ausnahmejahr
Dass unter anderem auch der Südzucker-Konzern von den Auswirkungen des Niedrigwassers betroffen ist, bestätigt dessen Sprecher Wolfgang Kraus der LP. Die derzeit niedrigen Pegelstände des Rheins betreffen die Südzucker-Gruppe im Segment Spezialitäten und im Futtermittel-Bereich. Um mögliche Einschränkungen in der Binnenschifffahrt auszugleichen, verlagert Südzucker Transporte verstärkt auf die Schiene und den Lkw. „Die Versorgung unserer Kunden ist aktuell uneingeschränkt sichergestellt“, versichert Kraus. Der Konzernsprecher weiter: „Wir verfolgen die Entwicklung der Pegelstände kontinuierlich und passen unsere Logistikprozesse bei Bedarf flexibel an die jeweiligen Rahmenbedingungen an.“
Der Konzernsprecher äußert: „Nach aktuellem Stand bewerten wir die Situation als Ausnahmejahr. Gleichzeitig beobachten wir, dass Wetterextreme im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten. Dies kann zur Folge haben, dass wir unsere Logistik überdenken und möglicherweise alternative Transportwege einsetzen werden.“