AGA-Unternehmensverband Wirtschaftslage in Norddeutschland trübt sich weiter ein

Die wirtschaftliche Lage norddeutscher Händler und unternehmensnaher Dienstleister hat sich im zweiten Quartal weiter eingetrübt. Das zeigt eine Befragung des AGA-Unternehmensverbandes. Sein Präsident Hans Fabian Kruse (Foto) spricht von einer strukturellen Standortschwäche.

Freitag, 17. Juli 2026, 13:24 Uhr
Thomas Klaus
Die Zahlen lassen keinen Raum für Schönfärberei: AGA-Präsident Hans Fabian Kruse findet deutliche Worte. Bildquelle: AGA

Die Unternehmen in Norddeutschland werden nach wie vor durch sinkende Umsätze und eine nachlassende Nachfrage belastet. Der Umsatz sank im 2. Quartal 2026 real um 4,5 Prozent (nominal: minus 1,2 Prozent). Knapp die Hälfte der vom AGA-Unternehmensverband befragten Firmen verzeichnete im zweiten Quartal einen Gewinnrückgang. Daneben erwartet die Mehrheit eine Stagnation ihrer Umsätze und abnehmende Gewinne in den kommenden sechs Monaten. Die Investitionsentscheidungen der Unternehmen werden am stärksten durch das Lohnniveau sowie die geopolitische Unsicherheit beeinflusst.

Im AGA sind mehr als 3.500 überwiegend mittelständische Unternehmen aus den fünf Bundesländern Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern organisiert.

Ankündigungen allein schaffen kein Vertrauen

AGA-Präsident Hans Fabian Kruse kommentierte: „Die Zahlen lassen keinen Raum für Schönfärberei. Was wir hier sehen, ist kein vorübergehendes Tief mehr, sondern Ausdruck einer strukturellen Standortschwäche. Wenn Arbeitskosten, Bürokratie und Energiepreise Investitionen derart ausbremsen, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit lange bevor die Ware überhaupt die Grenze erreicht.“

Die jüngsten Reformpakete seien wichtig und richtig. Aber Ankündigungen allein schafften kein Vertrauen. Denn: „Unternehmen investieren, wenn Kosten kalkulierbar sind, Verfahren funktionieren und internationale Märkte offenbleiben. Erst wenn die Entlastungen im betrieblichen Alltag ankommen, werden Unternehmen auch wieder stärker investieren.“

36 Prozent vermeldeten Umsatzrückgang

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum vermeldeten 36 Prozent der befragten Unternehmen einen Umsatzrückgang, 35 Prozent einen gleichbleibenden Umsatz und 29 Prozent einen Anstieg. Ihre Gewinne bezeichneten 41 Prozent als befriedigend, lediglich 14 Prozent als gut und knapp die Hälfte (45 Prozent) als schlecht. Für die kommenden sechs Monate erwarten die norddeutschen Unternehmen eine weitere Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage. 42 Prozent der Befragten rechnen mit stabilen Umsätzen, 39 Prozent erwarten hingegen weitere Rückgänge. Bei den Erträgen gehen 32 Prozent von einer unveränderten Entwicklung aus, während 54 Prozent sinkende Gewinne prognostizieren.

Dramatische Situation im Einzelhandelssektor

Der AGA-Indikator für das zweite Quartal 2026 liegt branchenübergreifend bei 89,0 Punkten und damit deutlich unter der wichtigen 100-Punkte-Marke. Belastet wird die Entwicklung insbesondere durch die Schwäche im Exportgeschäft, im Großhandel und im Einzelhandel. Während der Dienstleistungssektor bei 111,7 Punkten liegt, steht der AGA-Indikator im Groß- und Außenhandel bei 90,4 Punkten. Der Einzelhandelssektor weist einen Indikator von 50,1 Punkten auf und deutet damit auf eine dramatische Situation hin.

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen geht zurück. Während lediglich 13 Prozent ihre Investitionen ausweiten wollen, plant nahezu jedes dritte Unternehmen (31 Prozent) Kürzungen. 56 Prozent der Firmen wollen 2027 in ähnlichem Umfang investieren wie im Vorjahr. Die Unternehmen planen, ihre Investitionsquote von 5,3 Prozent des Umsatzes im Jahr 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2027 zu reduzieren. Bei Erweiterungsinvestitionen standen insbesondere die Produktentwicklung (52 Prozent) sowie die Bereiche EDV und Telekommunikation (22 Prozent) im Fokus. Darüber hinaus investierten 62 Prozent der Unternehmen in den Ersatz von Geschäftsausstattung und 57 Prozent in Gebäude.

Lohnniveau beeinflusst Investitionen am stärksten

Zur Jahresmitte wurden die norddeutschen Unternehmen zusätzlich hinsichtlich der Faktoren befragt, die am stärksten ihre Investitionen beeinflussen. Besonders deutlich wurde dabei die Bedeutung der Arbeitskosten für den Wirtschaftsstandort Norddeutschland: Für 62 Prozent der Unternehmen ist das Lohnniveau der wichtigste Einflussfaktor bei Investitionsentscheidungen. Damit liegt es noch vor geopolitischer Unsicherheit (55 Prozent) und den Energiepreisen (47 Prozent). Die Ergebnisse zeigen, dass das Lohnniveau für viele Unternehmen ein entscheidendes Kriterium für Investitionsentscheidungen ist.

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