Allianz-Trade-Studie Zahlungsmoral in Deutschland verschlechtert sich

Der weltweit führende Kreditversicherer Allianz Trade hat heute seine jährliche Studie zur Zahlungsmoral in der Wirtschaft vorgelegt. Demnach hat sich die Zahlungsmoral in Deutschland verschlechtert.

Donnerstag, 16. Juli 2026, 11:12 Uhr
Thomas Klaus
Verschlechterte Zahlungsmoral in Deutschland: Der weltweit führende Kreditversicherer Allianz Trade hat seine jährliche Studie vorgelegt. Bildquelle: Aldi Süd

Die Studie von Allianz Trade zur Zahlungsmoral in der Wirtschaft konzentriert sich darauf, wie lange Unternehmen benötigen, um ausgegebene Mittel im operativen Geschäft in eingezogene Mittel aus Verkäufen umzuwandeln. Dazu analysiert Allianz Trade unter anderem den sogenannten „Cash Collection Cycle“ (CCC) sowie die „Days of Sales Outstanding“ (DSO).

Der CCC misst, wie viele Tage ein Unternehmen benötigt, um Geld, das in den operativen Prozess investiert wurde, wieder als Cash zurückzuerhalten. Die DSO messen, wie lange es dauert, bis Umsatz zu Cash wird. Je niedriger der Wert, desto schneller kommen Zahlungen rein und desto besser ist die Liquidität. 

CCC in Deutschland bei 79 Tagen

Weltweit benötigen Unternehmen 67 Tage, um ausgegebene Mittel in eingezogene Mittel umzuwandeln. Damit stieg der globale CCC im Jahr 2025 erneut an (plus 0,5 Tage) und scheint sich auf einem strukturell hohen Niveau eingependelt zu haben. Der eigentliche Treiber sind die Lagerbestände, da Unternehmen von der „Just-in-Time“-Effizienz hin zu einer „Just-in-Case“-Resilienz übergehen.

Auch in Deutschland hat sich der CCC um knapp zwei Tage verschlechtert und lag 2025 auf einem vergleichsweise hohem Niveau bei 79 Tagen (plus 1,8 Tage). Das ist etwa 16 Tage länger als der regionale Durchschnitt in Westeuropa (63 Tage). Die Bereiche Computer/Telekommunikation, Elektronik, Papier und Pharmazeutika verzeichneten den längsten CCC.

DSO betragen in Deutschland 55 Tage

„In Deutschland dauert es vergleichsweise lang, bis Unternehmen ihre Ausgaben wieder hereinholen“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Das liegt unter anderem daran, dass sich die Zahlungsmoral verschlechtert hat und immer mehr Lageraufbau stattfindet.“

Die verschlechterte Zahlungsmoral zeigt sich in längeren Zahlungsfristen: Die DSO stiegen in Deutschland 2025 um 2,8 Tage auf 55 Tage. Der zunehmende Lageraufbau zeigt sich in den längeren „Days Inventory Outstanding“ (DIO), die um 0,9 Tage auf 58 Tage angestiegen sind. Dies wird nur teilweise durch verlängerte Zahlungsfristen gegenüber Lieferanten ausgeglichen. DIO geben an, wie viele Tage ein Unternehmen seine Waren oder Rohstoffe durchschnittlich im Lager hält, bevor sie verkauft oder verarbeitet werden. Die „Days Payable Outstanding“ (DPO) haben sich zwar um 1,9 Tage auf 35 Tage verlängert, befinden sich in Deutschland aber weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Die DPO geben an, wie viele Tage ein Unternehmen durchschnittlich benötigt, um seine Lieferanten zu bezahlen.

Kreislauf stark anfällig für Verschlechterung

„Deutsche Unternehmen erhalten ihr Geld immer später, Lieferanten werden im Schnitt aber nach 35 Tagen bezahlt. Das sind 14 Tage eher als im regionalen Durchschnitt in Westeuropa“, sagt Bogaerts. „Die Unternehmen haben dadurch allerdings nur sehr begrenzten Spielraum, Zahlungsabflüsse durch eine Verlängerung der Zahlungsfristen gegenüber Lieferanten abzufedern. Der Kreislauf ist deshalb stark anfällig für eine weitere Verschlechterung von Zahlungsverhalten (DSO) und Lagerhaltung (DIO). Wir gehen davon aus, dass der CCC im Jahr 2026 weiter um 4 Tage auf 83 Tage steigt.“

Der globale CCC stieg im Jahr 2025 moderat um einen halben Tag an. Er liegt nun bei 67 Tagen Umsatz, etwa 3 Tage über seinem 10-Jahres-Durchschnitt und nahe seinem Höchststand von 2023 (68 Tage). Dieser Trend zeigt keine Anzeichen einer Abschwächung und wird in erster Linie durch die Bemühungen der Unternehmen getrieben, ihre Widerstandsfähigkeit durch größere Lagerbestände zu stärken.

Funktion von Lieferketten hat sich verändert

„Die Lagerhaltung, gemessen anhand der Days Inventory Outstanding, erklärt mittlerweile fast 80 Prozent des CCC-Niveaus“, sagt Maxime Lemerle, Leiter der Insolvenzforschung bei Allianz Trade. „Dies spiegelt einen grundlegenden Wandel im Verhalten der Unternehmen wider: Sie bewegen sich weg von der Just-in-Time-Effizienz hin zur Just-in-Case-Resilienz. Durch den Aufbau größerer Lagerbestände binden Unternehmen mehr Kapital in Waren, die voraussichtlich nicht schnell in Bargeld umgewandelt werden können. Im Gegenzug haben sie dadurch mehr Sicherheit und Flexibilität in der Lieferkette angesichts geopolitischer Unsicherheiten, Lieferkettenunterbrechungen und einer Fragmentierung des Handels. Mit anderen Worten: Lieferketten werden nicht mehr nur unter Kostenaspekten optimiert. Sie sind zunehmend auf Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und Handlungsspielraum ausgelegt.“

DSO ohne Zusatzdruck auf Cashflow

Laut Allianz Trade erreichte die globale DIO im Jahr 2025 53 Tage. Das ist ein Wert, der im Vergleich zu 2024 recht stabil ist, aber deutlich über dem Durchschnitt vor der Pandemie (48 Tage) liegt. Vor diesem Hintergrund übt die DSO keinen zusätzlichen Druck auf den Cashflow der Unternehmen aus: Die weltweiten Zahlungsfristen stiegen im vergangenen Jahr leicht auf 56,5 Tage (plus 0,3 Tage) an, bleiben seit 2022 auf diesem Niveau stabil und liegen immer noch 3 Tage unter dem Niveau vor der Pandemie.

Allianz Trade erwartet CCC-Anstieg

Allianz Trade erwartet für 2026 einen begrenzten Anstieg des CCC. Erstens verfügen die vom US-Iran-Konflikt am stärksten betroffenen Sektoren nur über begrenzten Spielraum, um einen weiteren Anstieg des DIO aufzufangen, bevor der Finanzierungsbedarf in den Notbereich gerät. Zweitens dürfte der Schock teilweise durch anhaltende Ausgaben des Privatsektors für KI-Infrastruktur und Rechenzentren ausgeglichen werden, was die Branchen Computer & Telekommunikation sowie Software & IT stützt und dafür sorgt, dass ein bedeutender Teil der Wirtschaft auf einem sich verkürzenden oder im schlimmsten Fall stagnierenden Kurs bleibt.

„Unter diesen Annahmen dürften Maßnahmen zur Neubewertung der Energiesicherheit, strategischer Vorräte und der Widerstandsfähigkeit der Lieferketten zusammen mit den direkten Auswirkungen des Konflikts den globalen DIO um rund 2 Tage in die Höhe treiben. Wir schätzen, dass jeder zusätzliche Tag DIO weltweit zu zusätzlichen 1,16 Tagen beim CCC führt. Dies ist weit entfernt von dem, was nach dem Schock von 2022 zu beobachten war, als der CCC um 5 Tage anstieg“, sagt Lemerle.

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