Pleitegeier kreist Knapp vorbei am Negativrekord bei Insolvenzen

Die Zahl der Insolvenzen im deutschen Einzelhandel steigt weiter an und schrammte zuletzt nur knapp am Neun-Jahres-Hoch vorbei. Das geht aus einer Studie des Kreditversicherers Allianz Trade hervor. Eine weitere Konsolidierung des Marktes sei wahrscheinlich. 

Donnerstag, 04. Dezember 2025, 11:17 Uhr
Thomas Klaus
Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland steigt weiter an, aber die Dynamik lässt immerhin allmählich nach. Bildquelle: Getty Images

In den zwölf Monaten zwischen August 2024 und August 2025 verzeichnete der deutsche Einzelhandel 2.490 Insolvenzen und blieb so nur knapp unter dem Negativrekord von 2.520 Insolvenzen zwischen Oktober 2015 und Oktober 2016. Mit den leicht verbesserten wirtschaftlichen Aussichten scheine sich jedoch das Tempo des Insolvenzanstiegs allmählich etwas zu verlangsamen, heißt es in einer Studie von Allianz Trade.

Dynamik bei Insolvenzen wird schwächer

„Die Insolvenzen im deutschen Einzelhandel steigen weiter an, aber die Dynamik schwächt sich etwas ab“, sagt Guillaume Dejean, Branchenexperte bei Allianz Trade. „Im August 2025 lag der Anstieg bei 13 Prozent im Jahresvergleich. Ein Jahr zuvor waren es noch 20 Prozent. Das ist – insbesondere im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – immer noch ein deutlicher Anstieg, aber der Trend in den anderen Märkten gibt durchaus Hoffnung, dass sich die Situation zumindest langsam etwas verbessert.“ Einige Märkte hätten  entsprechend die Talsohle bereits erreicht.

Einzelhandel europaweit stark von Insolvenzen betroffen

Der Einzelhandel gehört in ganz Europa zu den Branchen, die am stärksten von hohen Insolvenzen betroffen sind. Zuletzt verzeichneten Frankreich (-2  Prozent), die Niederlande (-23 Prozent) und Großbritannien (-10 Prozent) sowie Norwegen und Dänemark einen teilweise deutlichen Rückgang bei den Insolvenzen im Einzelhandel. Auch in Italien und Belgien sind Insolvenzen in den letzten Monaten im Jahresvergleich gesunken. Mittelfristig dürfte jedoch ein weiterer Anstieg der Fallzahlen folgen.

Investitionsbedarf in technologischer Hinsicht

„Der Einzelhandel kämpft noch immer mit den tiefgreifenden Veränderungen seines Geschäftsmodells, die während der Pandemie begonnen haben“, sagt Dejean. Um dem verstärkten Wettbewerb durch große Online-Marktplätze standzuhalten, müssten Einzelhändler nach seiner Ansicht massiv in digitale Kanäle, datengestütztes Merchandising und innovative Technologien für den Ladenbau investieren.

Viele Ketten führen nach den Beobachtungen von Allianz Trade autonome Kommissioniersysteme in Lagern, KI-gestützte Produktempfehlungsmaschinen und robotergesteuerte Regalscanner ein, die Fehler reduzieren, die Bestandsübersicht verbessern und die Auftragsabwicklung beschleunigen. Andere testen selbstnavigierende Serviceroboter im Verkaufsraum, um Kunden bei der Suche nach Artikeln zu unterstützen, oder setzen dynamische Preisgestaltungsinstrumente ein, die sofort auf Trends reagieren. Dadurch werden Preisnachlässe reduziert und die Zyklizität saisonaler Produkte verbessert. 

Dejean: Kampf erinnert teilweise an David gegen Goliath

„Das ist ein Kampf, der teilweise an David gegen Goliath erinnert“, meint Dejean. „Diese Innovationen verbessern das Einkaufserlebnis und die Rentabilität, erfordern jedoch hohe Vorabinvestitionen, die kleinere Akteure teilweise kaum stemmen können. Einige (textile) Einzelhändler hängen heute schon am seidenen Faden. Insofern dürfte sich der Trend von steigenden Insolvenzen hierzulande weiterhin fortsetzen, und eine weitere Konsolidierung der Branche ist wahrscheinlich.“

Mit dem Schrumpfen des Einzelhandelsökosystems an den Rändern werde die Konzentration großer Unternehmen begünstigt, die über die Ressourcen und Finanzen verfügten, um diesen industriellen Wandel zu bewältigen.

De-ninimis-Ausnahme könnte helfen

Der stärkere Euro, der seit Jahresbeginn um 12 Prozent gegenüber dem US-Dollar zugelegt habe, und die leicht verbesserten wirtschaftlichen Aussichten verschaffen der Branche aus Sicht von Allianz Trade leichten Rückendwind. Verbesserte Kreditbedingungen und Reallöhne, die die während der Energiekrise 2022 entstandene Kaufkraftlücke verringerten, könnten dazu beitragen, das noch fragile Verbrauchervertrauen in Deutschland mittelfristig zu stärken.

Die geplante Verschärfung der Steuerregelungen für geringwertige Sendungen aus dem Ausland (De-minimis-Ausnahme) dürfte den scharfen Wettbewerb durch chinesische Marktplätze mindern und den derzeitigen Abwärtsdruck auf die Margen der inländischen Einzelhändler verringern.

Chinesische Einzelhändler könnten vermehrt investieren

„Die geplante Steuerregelung hilft den hiesigen Einzelhändlern, ist aber auch kein Allheilmittel“, betont Dejean. „Das Interesse chinesischer Einzelhändler am großen europäischen Verbrauchermarkt könnte weitere Investitionen in Deutschland über Fusionen und Übernahmen oder Joint Ventures nach sich ziehen. Dennoch sollten Einzelhändler jetzt ihre Chancen nutzen. Für deutsche Marken bietet sich die Möglichkeit, im Zuge der Konsolidierung der Branche von der digitalen Transformation und KI-gestützten Einzelhandelsstrategien zu profitieren.“

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