Die Rollen greifen. Johannes Fieber stößt sich ab und findet nach und nach seinen Rhythmus. Er fährt über die Riedbahnbrücke Ost in Mannheim, die Skyline im Rücken, der Fernmeldeturm klar zu erkennen. Früher sei er oft auf Inlineskates unterwegs gewesen, sagt er, die letzte Fahrt liege gut 20 Jahre zurück. So lange etwa ist auch der Start seiner Karriere her: Einstieg bei Aldi, später Wechsel zu Lidl, dort 13 Jahre, zuletzt CEO des US-Geschäfts. Heute führt er zwei Rewe-Märkte als selbstständiger Kaufmann in Mannheim. Ein Abstieg?
Fieber bremst und lehnt sich an das Geländer. „Natürlich war das ein Abstieg“, sagt er. Weniger Gehalt, weniger Mitarbeiter, weniger Umsatzverantwortung, weniger Märkte, weniger Ansehen. Der 42-Jährige zählt es nüchtern auf: „In jedem dieser Punkte ist es ein Abstieg.“ Doch in einem Punkt sei es auch ein Aufstieg, ergänzt er: vom Angestellten zum Unternehmer. Er würde es wieder so machen.
Wer das Instagram-Profil seines Marktes „Joh’s Rewe“ öffnet, sieht ein angepinntes Reel. In dem Video läuft Fieber seiner Frau entgegen, sie stoßen leicht zusammen, gehen auseinander, kommen wieder aufeinander zu. Beim nächsten Anlauf hebt er sie mühelos hoch, dann ein High Five. Eine einfache, fast spielerische Szene. Und doch zeigt sie etwas Grundsätzliches: Die Märkte in Mannheim betreibt er nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Frau.
In Mannheim, auf Inlineskates zeigt Fieber auf die Neckarböschung: „Siehst du, da sind zwei Kaninchen!“ Der Fernmeldeturm spiegelt sich im Neckar. Als er frisch nach Mannheim gezogen war, fuhr er täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit, bei Wind und Wetter, hielt immer wieder an, fotografierte den Turm. Er stellte das Bild in seinen Whatsapp-Status. Ein Ritual. Mit dem zweiten Markt verschwand es aus Fiebers Alltag. Geblieben ist die Frage aus seinem Umfeld: Wo ist der Turm?
Fieber fährt weiter über die Brücke. Die Inlineskates musste er online bestellen, weil es beim Sportwarenhändler seine Größe nicht gab. Er hat Schuhgröße 45, 1,91 Meter Körpergröße, mit Inlineskates ein paar Zentimeter mehr.
Oft gilt ein CEO-Posten im Ausland als Eintrittstor ins C-Level in Deutschland oder in den Vorstand. Aufstieg, Karriere – darauf war Fiebers Fokus gerichtet. War der Abschied von Lidl also doch nicht ganz freiwillig? Fieber widerspricht. Der Schritt fiel ihm schwer, sagt er. Er ging nicht ohne Wehmut, nicht ohne Schmerz. Aber bewusst und geplant. Mit einem sauberen Übergang. Und mit einem seltenen Detail: einer Verabschiedung im großen Kreis in der Geschäftsleitungsvorsitzenden-Besprechung, an der alle Lidl-Landeschefs, der komplette Lidl-Vorstand und alle Bereichsvorstände teilnehmen. „Ich bin im Guten gegangen. Und das ist bei Lidl nicht immer so.“
Im Guten gegangen
Die Rollen laufen weiter. Fieber hat seinen Rhythmus gefunden. Dass er lange nicht mehr auf Inlineskates unterwegs war, ist nicht mehr zu erkennen. Sport war immer ein wichtiger Teil seines Lebens. In der Schule strebt er nach Höchstleistung, spielt Basketball und betreibt Hochsprung. Er trainiert intensiv und setzt sich ein klares Ziel: Olympia. Er arbeitet darauf hin, doch bei der entscheidenden Qualifikation bleibt er unter der nötigen Höhe, obwohl er sie zuvor schon gesprungen war.
Fieber zeigt in die Ferne. Die Anlage, auf der er zur Olympia-Qualifikation angetreten ist, liegt gar nicht weit entfernt. „Das hat mich schon richtig gewurmt“, sagt er. Damals traf er eine Entscheidung: „Mir war klar, dass es nicht reicht.“ Er entschied sich gegen eine Karriere im Leistungssport.
2002 macht Johannes Fieber Abitur, schon davor steht fest, dass er bei Aldi ein duales Studium beginnt. Gutes Gehalt, klare Aufstiegschancen, das reizt ihn. Bei der Berufsmesse trifft er einen Studenten und fragt ihn, ob er dann einen Markt führen dürfe. „Du darfst nicht, du musst“, habe der Student geantwortet. Seine Eltern kaufen bei Aldi ein, lange bevor das gesellschaftlich überall akzeptiert ist, und während der Schulzeit liest er „Konsequent einfach“ von Dieter Brandes. Er startet bei Aldi, studiert BWL, bleibt sechs Jahre und fühlt sich wohl. „Lange bei einem Arbeitgeber zu bleiben ist ein Qualitätsmerkmal“, sagt er. „Ich wollte schon immer mal im Ausland leben und arbeiten, und bei Aldi war das zu dem Zeitpunkt auch Voraussetzung, um weiterzukommen“, so Fieber. Er habe stets nach Aufgaben gesucht, die so fordernd sind, dass sie sich nur mit hohem Zeiteinsatz zur Perfektion treiben lassen. Dann sieht er eine Stellenanzeige von Lidl in einer Zeitung und bewirbt sich. „Es war naiv, mich zu bewerben“, sagt er, „naiv in dem Sinne, dass ich danach eine Entscheidung treffen musste, die ich nicht mehr rückgängig machen konnte.“
2008 wechselt er zu Lidl. Zufällig kurz nach seinem Einstieg gerät der Händler in unangenehme Schlagzeilen. Das Magazin „Stern“ deckt auf, dass bei dem Discounter Mitarbeiter systematisch überwacht wurden, es folgen Millionenbußgelder. „Das gab wirklich viel Hohn von meinen Aldi-Kollegen“, erinnert sich Fieber. Er macht Karriere, wird Vertriebsleiter in Deutschland, geht nach Italien, erst nach Turin, dann nach Verona, trägt fünf Jahre Verantwortung, wechselt danach als Landeschef nach Schweden. Seine Frau zieht mit. Die Familie wächst. „Ich war kein Expat, sondern hatte immer einen Vertrag im jeweiligen Land“, sagt Fieber. Sie kaufen sich vor Ort ein Haus. Richten sich ein. „Wir haben immer darauf geachtet, dass unsere Kinder die lokalen Einrichtungen besuchen, und haben sie nicht auf eine deutsche oder internationale Schule geschickt“, sagt Fieber.
Im Juni 2018 wird Fieber CEO von Lidl USA, er ist zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt. Fiebers Familie erlebt dort einen herzlichen Empfang. „Als wir aus dem Auto gestiegen sind, standen da schon die ersten Nachbarn mit einer Flasche Wein und ‚Cookies for the kids‘“, erzählt Fieber. In Schweden habe er das Gegenteil erlebt: Nach einigen Monaten brachte er seinem direkten Nachbarn eine Flasche Bier vorbei, um ins Gespräch zu kommen. Der habe ihn irritiert angesehen und gefragt, warum er das mache. Der Start von Lidl in den USA im Juni 2017 gilt rückblickend als schwierig und wird oft als „Fehlstart“ bezeichnet. Fieber passte die Strategie 2018 grundlegend an. Er rückte von den riesigen Standardbauten ab, schnitt das Sortiment stärker auf den US-Markt zu.
Wachstum bestimmt Fiebers Alltag. Er genießt das Ansehen, das mit der Position einhergeht. Er erhält Einladungen in die deutsche Botschaft. Wichtige Menschen fragen nach seiner Meinung. „Meine Kinder glorifizieren die Zeit in den USA manchmal schon sehr“, sagt Fieber. Doch er erreicht einen Punkt, an dem ihm sein Job keinen Spaß mehr macht. Es ist 2021, die USA stehen unter dem Eindruck der Coronapandemie, häufige Wechsel in der Führungsebene erschweren Wachstum. Fieber kommt Abend für Abend nach Hause, unzufrieden. Seine Frau spricht es damals offen aus. Es gilt: „Love it, change it or leave it“, sagt Fieber. Fieber geht im Mai 2021.
Drei Jahre war er CEO in den USA, länger als alle vor und auch nach ihm. Er arbeitet seinen Nachfolger Michal Lagunionek ein, der im September 2023 den Posten wieder räumt. Joel Rampoldt übernimmt bis Januar 2026. Marco Giudici führt das US-Geschäft aktuell interimsweise. Neun Jahre nach der Eröffnung der ersten Märkte ist Lidl unterhalb der Marke von 200 Filialen geblieben. Zum Vergleich: Aldi hat kürzlich angekündigt, allein im laufenden Jahr 180 neue Verkaufsstellen zu eröffnen. „Meine Frau sagt immer: Es war eine Werte-Entscheidung“, sagt Fieber.
Dann folgt der Schnitt. Malta, Abstand, Zeit. Seine Frau arbeitet remote weiter und gibt Kurse, für Fieber beginnt eine Phase der Neuorientierung. Er führt Gespräche, viele Gespräche, prüft Optionen und denkt unternehmerisch. Er entwickelt Ideen, eine davon: die Trendsportart Padel-Tennis in Deutschland groß machen. Er rechnet das Modell durch, kalkuliert mit Personal und verwirft die Idee. Heute sieht er Anlagen, die ohne Personal funktionieren, und fragt sich manchmal, ob er eine Chance verpasst hat. Er sucht weiter und trifft seine Entscheidung.
Bei Rewe hat er von Beginn an ein gutes Gefühl. Gespräche auf Augenhöhe, direkter Austausch. Er entscheidet sich für die Selbstständigkeit, für den eigenen Markt. 2023 übernimmt er ein 5.000 Quadratmeter großes Rewe-Center im Mannheimer Lilienthal-Center. Im Oktober 2024 folgt der zweite Standort: „Joh’s little Rewe“ in Mannheim-Rheinau, rund 1.400 Quadratmeter. Und es soll nicht dabei bleiben. „Stillstand ist Rückschritt“, sagt Fieber. Ein Satz, der schnell nach Kalenderspruch klingt, bei ihm aber programmatisch gemeint ist: „Es war von Anfang an klar, dass ich nicht nur einen Markt will.“
Dieser Anspruch erzeugt Reibung. Auf der Plattform Kununu finden sich kritische Stimmen ehemaliger Mitarbeiter. Eine Bewertung wirft ihm vor, selbst im Krankheitsfall Druck aufgebaut zu haben, zur Arbeit zu kommen. Fieber ordnet ein. Oft gebe es Aufgaben im Markt, die auch bei kurzfristigen Einschränkungen übernommen werden können. Mit einer Sportverletzung lassen sich vielleicht trotzdem noch Anrufe machen. Er plädiert für Modelle wie in Schweden, mit einem Karenztag, an dem der Lohn gekürzt wird, wenn Mitarbeiter nur einen Tag fehlen. Auf Google beantwortet seine Frau Valeska viele der Rezensionen. Die Gesamtbewertung liegt bei sehr guten 4,5 Sternen, basierend auf mehr als 2.000 Rückmeldungen.
Bloß kein Stillstand
Am Abendbrottisch stelle seine Frau manchmal die Frage, warum es noch mehr Märkte sein müssen. Fieber hat immer in Organisationen gearbeitet, die wachsen wollten, bei Aldi, bei Lidl, Expansion als Prinzip. Dieses Denken ist in Fiebers Kopf tief verankert, sagt er. Für ihn gehöre Wachstum zu seinem Selbstverständnis: „Es ist wichtig, auf bestehender Fläche zu wachsen, aber mit mehr Fläche geht eben noch mehr.“
Hat er die Realität während seiner Zeit im Topmanagement aus dem Blick verloren? „Ich habe immer versucht, dass mir das nicht passiert“, sagt Fieber. Manche Entscheidungen treffe er sogar besser mit Abstand. Ein Beispiel: In seinem Mannheimer Markt gilt die Vorgabe, jeden Kunden nach dem Rewe-Bonus zu fragen. Sinnvoll, sagt er, auch wenn es für die Mitarbeiter oft unangenehm ist.
Wichtig sei, sich bewusst zu machen, dass dieselbe Situation von zwei Personen unterschiedlich wahrgenommen werde. „Eine Situation, zwei Realitäten“, sagt Fieber. In den USA absolvieren Führungskräfte bei Lidl Antidiskriminierungstrainings. Fieber hat gelernt, sich anzupassen, ohne sich zu verbiegen. „Happy Holidays“ statt „Frohe Weihnachten“ sei dort Standard. „Ich freue mich auch, wenn mir jemand ein fröhliches Chanukka wünscht“, sagt er. Seine Märkte versteht er als offenen Ort. Nicht bewerten, nicht erziehen. „Wir Händler sollten zum Beispiel nicht entscheiden, was gesunde Ernährung ist.“
Die Rollen der Inliner kommen zum Stillstand. Fieber und die LP-Reporterin sprechen beim Italiener weiter. Das Restaurant hat Fieber ausgesucht. Es ist der gleiche Ort, an dem er vor Jahren schon einmal saß, damals mit der Patentante seiner Tochter. „Ich erinnere mich an meinen ersten Eindruck und fand es eher dröge“, sagt Fieber. Heute lebt er hier. „Das Ankommen in Mannheim war das leichteste Ankommen“, sagt der Kaufmann. Er schätzt, dass er Bürokratie in seiner Muttersprache erledigen kann. In allen Ländern, in denen er gelebt hat, hat er auch die jeweilige Sprache gelernt. Würde die Bedienung italienisch sprechen, würde er auch auf Italienisch bestellen, sagt er. „Das schafft Nähe.“ Fieber sagt auch: „Wenn du die Sprache richtig beherrschst, kannst du viel schneller zeigen, was du kannst.“
Dinge besser machen
Die Kellnerin bittet, zu gehen. Das Restaurant hat seit einer Stunde geschlossen. Fieber bedankt sich, dass die kleine Gruppe so lange sitzen bleiben durfte. Am Abend nach der Rollschuhfahrt trifft er noch ein junges Mädchen und ihre Mutter. Das Mädchen hat Waren im Wert von 250 Euro entwendet. Die Mutter hat um das Gespräch gebeten. Neben organisierter Kriminalität beobachtet Fieber vermehrt Diebstähle durch Schüler. Die größte Inventurdifferenz in einem seiner Märkte entfalle aktuell auf Energydrinks. Wären es seine eigenen Kinder, sagt er, müssten sie den Schaden über Sozialarbeit ausgleichen, um zu verstehen, wie viel Zeit und Kraft hinter dem Betrag steckt.
Fieber steht auf. Die letzte Frage: Worauf ist er stolz? Er nimmt sich Zeit, denkt nach. „Das klingt jetzt wahrscheinlich sehr selbstbewusst“, sagt er dann, „aber es ist eine ehrliche Antwort.“ Er macht eine Pause. „Ich bin stolz darauf, dass ich an jedem Ort, an dem ich gearbeitet habe, etwas verbessert habe. Dass die Dinge besser waren, als ich gegangen bin, als sie es waren, als ich gekommen bin.“