Der Trend zu Größe und Effizienz in der Branche der Essenslieferanten nimmt weiter zu. Und die Konzentration in dem wachsenden Markt verschärft sich insbesondere in Europa. Für die Verbraucher könnte das mittelfristig weniger Auswahl bedeuten. Das sind Aussagen aus einer Analyse der Retail- und E-Commerce-Expertin Agnes Bührmann vom Beratungshaus Publicis Sapient, exklusiv für die Lebensmittel Praxis. Bührmann ist Industry Lead Retail & B2B bei Publicis Sapient.
DoorDash will Präsenz in Europa erhöhen
Hintergrund: Der US-Marktführer Doordash, der Ende 2021 bereits den Lieferdienst Wolt erworben hatte, will durch eine Übernahme des britischen Unternehmens Deliveroo seine Präsenz in Europa erhöhen. Die jeweiligen Verwaltungsräte verständigten sich im Mai auf diesen Deal mit einem Volumen von 3,4 Milliarden Euro. Bislang liegt der Fokus von DoorDash auf den USA, Kanada, Australien und Neuseeland.
Deliveroo mit Hauptsitz in London wurde 2013 gegründet. Zurzeit ist der Lieferdienst noch in Großbritannien, Frankreich, Belgien, Irland, Italien, Singapur, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig. 2019 hatte Deliveroo den deutschen Markt verlassen; zuvor hatte Lieferando mehrere Konkurrenten in der Bundesrepublik übernommen. Später hatte sich Deliveroo noch aus Taiwan, Spanien, den Niederlanden, Australien und Hongkong zurückgezogen.
Deliveroo-Übernehmer in mehr als 30 Ländern aktiv
Doordash wurde ebenfalls 2013 gegründet, in San Francisco. Mit 23.000 Mitarbeitern operiert der führende Essenslieferdienst in den USA in mehr als 30 Ländern. Im ersten Quartal 2025 schaffte Doordash einen Rekordumsatz von von 3,03 Milliarden US-Dollar (2,63 Mrd. Euro). Das ist ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doordash und Deliveroo planen ein global führendes Plattformunternehmen für lokale Dienstleistungen. Sofern die Übernahme genehmigt wird, würde ein Konzern entstehen, der in mehr als 40 Ländern präsent ist und rund 50 Millionen aktive Nutzer monatlich erreicht. Deliveroo ist vor allem in Städten erfolgreich, während Doordash in erster Linie Erfahrungen aus urbanen, vorstädtischen und ländlichen Regionen einbringt.
Deliveroo mit 176.000 lokalen Partnern
Die Strategie der beiden Unternehmen ähnelt sich nach Auffassung von Branchenexperten. Lokale Händler sollen gestärkt werden und die Verbraucher einen besseren Zugang zu Dienstleistungen bekommen. Außerdem werden flexiblere Erwerbsmöglichkeiten für Kuriere angestrebt.
Deliveroo hat in der Vergangenheit umfassend in Kategorien wie Lebensmittel- und Einzelhandelslieferungen investiert. Kooperiert wird mit rund 176.000 lokalen Partnern. Doordash kann bei der Übernahme nicht zuletzt mit der operativen Erfahrung aus der Integration von Wolt punkten. Das von beiden Unternehmen bekanntgegebene Geschäft soll in den letzten drei Monaten des laufenden Jahres abgeschlossen sein.
Bald wohl viertrgrößte Essenslieferdienst-Gruppe weltweit
Die Beteiligungsgesellschaft Prosus wiederum will bis zum Jahresende die Lieferando-Mutter Just Eat Takeaway gekauft haben, für 4,1 Milliarden Euro. Das Management von Just Eat Takeaway unterstützt diesen Deal. Die Aktionäre von Just Eat Takeaway können Prosus noch bis zum 29. Juli ihre Aktien andienen.
Prosus ist eine 2019 gegründete niederländische Tochter des in Kapstadt ansässigen Medienkonzerns Naspers. Das Unternehmen hält weltweit bedeutende Anteile an verschiedenen Technologie- und Internetunternehmen. Dazu zählt unter anderem eine Beteiligung an Tencent, einem der größten chinesischen Tech-Konzerne. Insgesamt bringt es das Portfolio von Prosus auf 80 Investitionen in mehr als 100 Märkten.
Nach der Übernahme von Just Eat Takeaway würde die viertgrößte Essenslieferdienst-Gruppe der Welt entstehen. Neben Delivery Hero gehören zum Prosus-Portfolio auch der Lieferdienst Ifood aus Brasilien und der Lieferdienst Swiggy aus Indien.
Prosus und Just Eat mit gemeinsamer Geschichte
Prosus und Just Eat Takeaway verbindet eine gemeinsame Geschichte. Denn 2019 wollte Prosus in einem Übernahmeversuch die Fusion des britischen Essenslieferanten Just Eat mit dem niederländischen Konkurrenten Takeaway.com verhindern. Just Eat fusionierte später wie geplant mit Takeaway.
Das schließlich entstandene Unternehmen Just Eat Takeaway mit Sitz in Amsterdam verwendet international verschiedene Markennamen. So betreibt es in Deutschland den Lieferdienst Lieferando, in der Schweiz und Großbritannien Just Eat, in Kanada die Marke Skip und in Australien den Lieferdienst Menulog.
Mit Customer Journey die Zukunft gewinnen
Beide Deals müssen noch von den Behörden genehmigt werden. Und sie „bergen Integrationsrisiken“, räumt Agnes Bührmann gegenüber der Lebensmittel Praxis ein.
Gerade die geplante Übernahme von Deliveroo durch DoorDash zeigt nach Einschätzung des Beratungshauses Publicis Sapient, dass der Wert nicht nur in der Lieferung von Lebensmitteln liege, sondern auch in der Fähigkeit zum „Koordinieren komplexer Echtzeit-Operationen auf der letzten Meile und im großen Maßstab“. Technologieorientierte Unternehmen, die die Customer Journey von Anfang bis Ende beherrschten, könnten die Zukunft gewinnen.


