Wer einen neuen Supermarkt bauen will, braucht einen langen Atem. Dass Reimer Nestler und Florian Peterson aber gleich für zwölf Jahre Luft brauchten, ist schon bemerkenswert. In dieser Zeit haben die Geschäftsführer des Unternehmens Peterson Warenhandel „unzählige Bau-Stadträte kennengelernt“ und immer wieder versucht, sie für ihr Projekt zu begeistern. Florian Petersons Schwiegervater und Mitgeschäftsführer Reimer Nestler ist ein erfahrener Handelsinsider, der schon bei Eurospar und Rewe in Führungspositionen gearbeitet hat. Nach viel Überzeugungsarbeit für die Genehmigungen und zehn Jahren Planung war es dann so weit: Der alte Rewe-Markt im Berliner Stadtteil Spandau-Staaken wurde abgerissen, ein Jahr später, im November 2024, feierten die Betreiber Richtfest.
Brandenburg in Sichtweite
Im Westberliner Bezirk Spandau liegt Staaken ganz an der äußersten Grenze, weiter stadtauswärts folgt in Brandenburg das oft zitierte „platte Land“. Wer vom Zentrum Spandaus aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, muss eine halbstündige Busreise einplanen, es gibt weder S- noch U-Bahn. Der Brunsbütteler Damm, an dem der Rewe-Markt liegt, ist eine der Hauptverkehrsadern Staakens. Hochhäuser, die ihre beste Zeit hinter sich haben, reihen sich aneinander, unterbrochen von Fabriken. Warum in aller Welt investiert ein Händler hier sein Geld? Warum hat die Rewe Regionalgesellschaft das Objekt gekauft und das Nachbargrundstück gleich dazu? Florian Peterson hat die Antwort parat: Er glaubt an die Zukunft des Standorts, schließlich erschließt die Stadt gleich mehrere neue Wohngebiete in der Nachbarschaft. Außerdem ist seine Familie hier verwurzelt, und „der Markt ist eine Bereicherung für den Stadtteil“. Die Rewe-Kaufleute betreiben insgesamt sechs Märkte, in Spandau und Potsdam. Anders als andere rot-gelbe Kaufleute sind sie wirtschaftlich unabhängig, arbeiten also ohne Beteiligung der Rewe als Partner.
Das Bekenntnis der Familie zum Stadtteil geht so weit, dass sie den Schriftzug „Rewe Staaken“ über dem Eingang angebracht haben, statt den Inhaber zu nennen. Auf die Rückwand des Gebäudes hat ein örtlicher Künstler Graffiti mit lokalem Bezug gesprüht. Die Betreiber haben die Kunstwerke vorsichtshalber versiegeln lassen, damit kein Schmierfink sie verunstaltet. Der Parkplatz trägt den Namen „Jost Traulsen-Platz“, ein Schild erinnert an den Staakner Bürger, der sich jahrzehntelang für Belange des Gemeinwesens eingesetzt hat.
Im Markt selbst, gleich neben dem Eingang, begrüßt der letzte erhaltene Bolle-Milchwagen frisch restauriert die Kunden, passend dazu ein Namensschild. Bolle war eine traditionsreiche Supermarktkette in Berlin, die aus der Meierei von Carl Bolle hervorgegangen war und später unter „Extra“ firmierte. 2008 kaufte Rewe sie auf. Reimer Nestler hat nach dem Umflaggen drei Märkte, darunter Staaken, weitergeführt. Heute lassen die Betreiber ihre Kundschaft am Werdegang teilhaben, unter anderem sind die „historischen Meilensteine Staaken“ auf einem Schild im Markt plakatiert. Ein lokaler Historiker hat eine Sammlung von Fotos beigesteuert, die jetzt die Wände des Marktes zieren. Sie korrespondieren gut mit Elementen der Inneneinrichtung: dem original „Rewe“-Schriftzug aus dem Jahr 1927, der altbackenen Schrift auf den Sortimentsschildern, der graugrün gefliesten Wand hinter der Fleischtheke oder den Lampen im Industriestil. Der Markt atmet Geschichte.
Das Gebäude und seine Einrichtung hingegen entsprechen dem neuesten Stand der Technik. Das „Rewe Green Building“ weist einen drastisch reduzierten Energieverbrauch auf, punktet durch einen hohen Holzanteil, Dachbegrünung, Photovoltaikanlage und Nutzung der entstehenden Abwärme.
Auch bei der Platzierung der Ware hinterlassen die Betreiber ihre eigene Handschrift. Dazu haben sie sich im Vorfeld von der Gruppe Nymphenburg beraten lassen. Die Berater haben die relevanten Kundengruppen am Standort analysiert und daraus unterschiedliche „Customer Journeys“ abgeleitet. Das meint die Reise des Kunden auf der Verkaufsfläche, von der ersten Wahrnehmung des Produkts bis zum Kauf. Daraus haben die Beteiligten ein Konzept für die Laufwege entwickelt. Der eilige Kunde, der schnell ein Fertiggericht fürs Abendessen besorgen will, braucht beispielsweise nicht über die gesamte Fläche zu laufen. Das Convenience-Regal steht in der Obst- und Gemüse-Abteilung. Dahinter kann er einen direkten Weg Richtung Kasse nehmen, die ihn noch an Süßwaren und den Getränken vorbeiführt. Anders die junge Mutter, die den Wochenend-Einkauf absolviert und mit allen wichtigen Verkaufspunkten Berührung haben soll. Die Rewe-Kaufleute stellen nach dem ersten Jahr fest, wie gut das Prinzip der unterschiedlichen Laufwege funktioniert.
Rewe Staaken, Brunsbütteler Damm 280, 13591 Berlin-Spandau
| Eröffnet | April 2025 |
| Verkaufsfläche | 2.000 qm |
| Gesamtfläche Areal | 8.000 qm |
| Artikel | 20.000 |
| Mitarbeiter (Köpfe) | 40 |
| Öffnungszeiten Mo.- Sa. | 7 bis 21.30 Uhr |
| Parkplätze | 85 |
| Elektro-Ladesäulen | 4 |
| Kaufkraft Spandau | 96,1* |
| Investition | 3 Mio. Euro |
| Untermieter (Bäckerei Exner, Eat happy) | 2 |
| Umsatzziel 2025 | 9,5 Mio Euro |
* Kaufkraftindex 100 entspricht dem Durchschnitt aller deutschen Städte. Der Index gibt an, wie hoch die finanziellen Mittel der Bevölkerung sind, um Güter und Dienstleistungen zu erwerben.
Quelle: altstadtmanagement-spandau.de.
Keine Sackgassen
Die Kunden spiegeln wider, dass sie im Markt ohne Stress einkaufen können. Dazu tragen die breiten Gänge bei. Ein (unbewusster) Wohlfühlfaktor ist das Fehlen von Sackgassen. Alle Abteilungen sind optisch aufgebrochen, sodass man aus jeder Ecke heraus den Blick auf die Gesamtfläche hat. Für unverbaute Sichtachsen setzt der Markt weiter auf flache Truhen statt hoher Schränke. Das wird besonders in der Tiefkühlabteilung deutlich, wo die Truhen an die große Getränkeabteilung (400 Quadratmeter) anschließen. In puncto Sortiment bauen die Betreiber auf einen ausgefeilten Mix, der auf die Bedürfnisse der Kundschaft abgestimmt ist. So ist in Staaken zum Beispiel ein Gondelkopf nur mit Kokosmilch bestückt, eben weil die Nachfrage hier entsprechend groß ist. Vergleichsweise breit und tief ist das Sortiment an internationalen Erzeugnissen, etwa aus Russland und Osteuropa. „Kunden, die dafür in unseren Markt kommen, kaufen auch noch andere Produkte ein“, weiß Florian Peterson.
Beim Thema Mitarbeiter lautet die Devise: „Der Mensch steht im Mittelpunkt.“ Es gelingt den Unternehmern, viele Angestellte lange ans Unternehmen zu binden, teilweise seit über 20 Jahren. Ob sie ein Erfolgsrezept verraten? Peterson antwortet mit einem überzeugenden Argument: Die Mitarbeiter erhalten beim eigenen Einkauf einen Rabatt von 10 Prozent – doppelt so viel, wie bei den meisten seiner Kollegen üblich ist.
Im nächsten Jahr wollen die Inhaber ihren Abholservice auf Trab bringen. Dafür haben sie neben dem Eingang eine separate, umbaute Station gebaut, mit außen liegender Klingel, eigenen Kühl- und Tiefkühlschränken sowie einer Bezahlstation. Unmittelbar davor auf dem Parkplatz befinden sich reservierte Parkplätze für Kunden, die diese Dienstleistung nutzen. Zwischen 9 und 21 Uhr vergibt das System zweistündige Zeitfenster zum Abholen der Ware. Derzeit arbeitet das Marktteam etwa 50 Bestellungen pro Woche ab. Das soll sich aber bald ändern. Genau dann, wenn auf dem Brunsbütteler Damm eine neue Abbiegespur für den Verkehr freigegeben wird und die Berufstätigen auf dem Rückweg von der Arbeit ihren Einkauf unkompliziert ins Auto laden können.
Peterson und Nestler lassen sich von der Berliner Bürokratie nicht ausbremsen. Im Stadtteil Kladow bauen sie einen alten Coop-Markt um. Der neue Markt soll 2028 an den Start gehen.
Herr Muxel, welche Kundengruppen haben Sie lokalisiert?
Erstens alteingesessene Bewohner des Stadtteils, meist älter als 65 Jahre, mit geringem Einkommen. Zweitens junge Paare, die bald eine Familie gründen werden. Drittens Singles, die wegen der hohen Mietkosten im Zentrum an den Stadtrand ziehen. Gruppe 2 und 3 wachsen.
Wie analysieren Sie die Kundengruppen?
Wir ziehen zur Analyse der Kundengruppen unterschiedliche Datenquellen heran. Darunter sind Umsatz- und Kassendaten. Außerdem Passanten- und Verkehrsfrequenzen sowie die Anwohnerstruktur und Prägung des Einzugsgebiets: Welche Wettbewerber sind vor Ort? Wie viele Büros gibt es im Umfeld?
Warum sind die Kundengruppen so wichtig?
Die Kundengruppen und ihre Motive haben direkten Einfluss auf die Sortimente. Die Gestaltung der Sortimente bietet großes Potenzial. Wichtig ist auch die Prognose: Wie sehen die Warenkörbe in zehn Jahren aus?

