Zitrusfrüchte Mehr Daten, weniger Pestizide: Wie WWF und Edeka kooperieren

Hintergrund

Zwischen Mandarinenbäumen bei Valencia wird deutlich, wie sich Edeka und der World Wide Fund For Nature (WWF) für einen nachhaltigeren konventionellen Anbau einsetzen – und wo Hürden liegen.

Montag, 26. Januar 2026, 07:40 Uhr
Hedda Thielking
Sitzstangen für Greifvögel sowie Nistkästen gehören zu Maßnahmen des Zitrusprojektes von Edeka und WWF. Bildquelle: Hedda Thielking, Sandra Hermannsen

Auf den letzten Kilometern zur Mandarinenfarm Juan Motilla bei Valencia nimmt der Fahrer des Kleinbusses den Fuß vom Gas. Die Wege schlängeln sich durch leicht hügeliges Gelände, werden schmaler, holpriger, kurviger. Links und rechts ziehen zahlreiche Reihen von Mandarinenbäumen vorbei. Ende November leuchten ihre Früchte im strahlenden Sonnenschein in sattem Orange. Doch der Eindruck einer eintönigen Plantage stellt sich nicht ein. Steinmauern begrenzen die Wege, Grünstreifen trennen die Baumreihen. Auf einer kleinen Anhöhe ragt eine Sitzstange für Greifvögel in den Himmel – ergänzt um einen Nistkasten.

All das gehört zu einem Maßnahmenpaket des Zitrusprojektes von Edeka und WWF. Ziel ist ein nachhaltigerer konventioneller Anbau von Orangen, Mandarinen und Clementinen in Spanien. Seit Projektbeginn vor zehn Jahren haben sich dort 27 Farmen mit insgesamt 1.550 Hektar angeschlossen. Im Mittelpunkt stehen vier Handlungsfelder: Wassermanagement, Biodiversität, Pflanzenschutz und Bodenfruchtbarkeit. Interne und externe Fachleute von Edeka und WWF begleiten die Betriebe bei der Umsetzung der Maßnahmen.

Monitoring ist Herzstück

Herzstück des Projektes ist ein konsequentes Monitoring. „Nur was wir messen, können wir gezielt steuern“, sagt Paco Medina, Technischer Leiter bei Juan Motilla. „Was Besucher auf der Farm auf den ersten Blick nicht sehen, sind die Daten hinter dem Anbau: Schädlingsdruck, Nützlingspopulationen, Bodenfeuchte und Wasserverbrauch messen und dokumentieren wir akribisch.“

Die 56 Hektar große Farm ist in sieben bis acht Parzellen unterteilt. Jede Woche gehen geschulte Mitarbeiter systematisch durch die Anlagen, zählen Schädlinge und Nützlinge und erfassen deren Mengenverhältnis zueinander. „So wissen wir jederzeit, was auf der Farm passiert“, erklärt Paco Medina. „Und genau das gibt Sicherheit – auch bei Entscheidungen.“ Früher behandelten viele Betriebe ihre gesamten Flächen vorsorglich nach Kalender – selbst bei geringstem Befall. „Heute gehen wir gezielt vor“, betont er. „Die Daten belegen das.“

Dabei geht es nicht allein darum, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Ziel ist es, die toxische Gesamtbelastung zu senken. Dafür bewertet ein externer Pestizidexperte in Deutschland alle eingesetzten Wirkstoffe streng nach ihren Auswirkungen auf Mensch, Umwelt, Wasser und Nützlinge. Auch die Düngung, etwa beim Stickstoff, wird auf Basis der Monitoringdaten angepasst.

Bodenfeuchtesensoren einsetzen

Klare Ziele verfolgt das Zitrusprojekt auch beim Wasser: legale Entnahme, maximale Effizienz und Vorbereitung auf den Klimawandel. Die Farm nutzt einen staatlich genehmigten Brunnen mit festgelegter Entnahmemenge – bleibt aber nach Angaben der Verantwortlichen bewusst 8 bis 10 Prozent darunter. Bewässert wird ausschließlich per Tröpfchenbewässerung mit vier Litern pro Stunde. Doch diese Bewässerung ist nicht neu.

Neu hinzugekommen sind Bodenfeuchtigkeitssensoren, die unscheinbar unter einem Mandarinenbaum in den Boden ragen. „Die aktiven Wurzeln reichen 20 bis 50 Zentimeter tief hinein. Die Sensoren zeigen präzise, wo das Wasser tatsächlich ankommt“, erklärt Felipe Fuentelsaz, Koordinator für Projekte Landwirtschaft und Wasser beim WWF Spanien. „Ob Wasser oder Dünger in den Boden gelangt – alles, was tiefer sickert, bedeutet Verlust.“

Sämtliche Messdaten laufen in einer Cloud zusammen. Eine App zeigt Bodenfeuchte, Wetterprognosen und Baumdaten an. „Damit können wir das Wasser gezielt dosieren. Manchmal sind zwei Bewässerungen à 20 Minuten sinnvoller als einmal 40 Minuten“, sagt Felipe Fuentelsaz. „So sparen wir bis zu ein Drittel Wasser – bei gleichem Effekt.“ Und er betont: „Die Systeme liefern Wissen, keine Befehle. Der Techniker entscheidet.“

Dass Biodiversität messbar ist, zeigt sich an vielen Stellen. Greifvögel reduzieren Mäuse und andere Nagetiere. „Mit den bewachsenen Böschungen und der Vegetation zwischen den Baumreihen fördern wir die Artenvielfalt“, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Jesús Quintano, selbstständiger Biodiversitäts-Berater. Plötzlich entdeckt er im Gras eine junge Mauereidechse, kaum größer als eine Daumenkuppe. Er schmunzelt: „Das ist der beste Beweis für Reproduktion auf landwirtschaftlicher Fläche. Die Vegetation fördert zudem Insekten, die wiederum Räuber für gefährliche Schädlinge sind.“

Auch wenn sich die Farmen freiwillig an dem Projekt beteiligen, fällt der Einstieg oft schwer. „Die Umstellung verlangt viel, die Angst vor Veränderungen ist groß“, räumt Paco Medina ein. Betriebsbesichtigungen und der Austausch mit anderen Produzenten helfen, Vorbehalte abzubauen. „Wer mitmacht, erhält eine intensive Beratung und Begleitung – um langfristig erfolgreich zu bleiben“, betont Nachhaltigkeitsexperte Jesús Quintano.

Anwendung von Pestiziden auf Projektfarmen nach Kategorie

Aufwand und Nutzen passen

Die Ergebnisse zeigen: „Im Jahr 2024 haben die teilnehmenden Farmen des Gesamtprojektes 36 Prozent weniger Wasser verbraucht als durchschnittlich spanische Zitrusfarmen und 69 Prozent weniger Pestizide eingesetzt als vor Projektstart“, berichtet Stephanie Finkbeiner, Geschäftsbereichsleiterin Nachhaltigkeit bei Edeka. Für die Farmer zählen allerdings auch Qualität und Ertrag. „Die angebaute Sorte liefert stabil 40 bis 50 Tonnen pro Hektar“, informiert Felipe Fuentelsaz.

In der Winterhauptsaison 2024 machten die WWF-Projektorangen rund 20 Prozent des gesamten Edeka-Orangensortiments aus, Mandarinen etwa 10 Prozent. Die Projektfrüchte werden unter den Eigenmarken „Edeka Herzstücke“ und „Liebling“ bei Netto gehandelt. Sie liegen preislich zwischen den Preiseinstiegsmarken und Bio-Ware.

Auf den „Edeka Herzstücke“- und „Liebling“-Mandarinennetzen ist das WWF-Panda-Logo abgebildet, ergänzt um eine Maßnahmenübersicht des Zitrusprojektes sowie einen QR-Code mit weiteren Informationen.

EmpCo-Richtlinie bereitet Sorgen

Doch die künftige Kommunikation steht auf dem Prüfstand. Hintergrund ist die EU-Richtlinie „Empowering Consumers for the Green Transition“ (EmpCo), die – nachdem sie den Bundesrat passiert hat – am 27. September in Kraft tritt. Ziel ist es, Verbraucher besser vor Greenwashing zu schützen. Nachhaltigkeitsbezogene Werbeaussagen müssen belegbar und transparent sein.

Besonders relevant: Nachhaltigkeitssiegel sind künftig verboten, wenn sie nicht auf einem anerkannten Zertifizierungssystem beruhen. Da das WWF-Logo weder auf einem unabhängigen Zertifizierungssystem beruht noch staatlich festgelegt ist, stellt sich die Frage, welche Auswirkungen das Gesetz auf den WWF einschließlich des Zitrusprojektes hat. Edeka und WWF äußern sich so: „Wir werten aktuell aus, wie wir den neuen Stand der Gesetzgebung in unsere Zusammenarbeit integrieren. Fakt ist: Der WWF war darüber hinaus nie und wird auch in Zukunft nicht als Zertifizierer auftreten. Und die Projektmaßnahmen auf den Feldern und Farmen sind von der Richtlinie unberührt.“

Dr. Daniel Kendziur, Experte für Wettbewerbs- und Markenrecht, ordnet im folgenden Interview ein, was die EmpCo-Richtlinie für den WWF bedeutet.

interview mit dr. daniel Kendziur, skw Schwarz „Die EmpCo-Richtlinie fordert den WWF“
DR. Daniel Kendziur

Das WWF-Panda-Logo ist derzeit kein Nachhaltigkeitssiegel. Fällt es in Zukunft trotzdem unter die EmpCo-Richtlinie?

Das ist grundsätzlich denkbar. Nicht belegte allgemeine Umweltaussagen wie „umweltfreundlich“ oder „nachhaltig“ sind ab dem 27. September 2026 nicht mehr zulässig, auf dem isolierten Logo aber auch nicht enthalten. Für den WWF stellt sich allerdings die Frage, ob das WWF-Panda-Logo als Nachhaltigkeitssiegel eingestuft wird oder nicht. Wenn ja, bräuchte es ein unabhängiges Zertifizierungssystem mit einer externen Überprüfung – was der WWF aktuell nicht hat.

Wie bewerten Sie diese Frage?

Was das Panda-Logo betrifft, würde ich es – isoliert betrachtet – nicht automatisch als Nachhaltigkeitssiegel einstufen, da die Abbildung eines schwarz-weißen Pandas an sich keinen Umweltgedanken in sich trägt. Allerdings hat dieses Logo immer einen Umweltbezug, da Verbraucher es direkt mit dem World Wide Fund For Nature assoziieren. Die interessante Frage ist deshalb, ob allein diese gedankliche Verbindung dazu führen könnte, dass das Logo auch isoliert als Nachhaltigkeitssiegel betrachtet werden müsste. Es besteht somit ein gewisses Risiko, dass das WWF-Logo zu einem Nachhaltigkeitssiegel wird, weil es einen ökologischen Vorteil hervorhebt. Würde ein Gericht es so einstufen, wäre es wahrscheinlich sehr schwer, es konform auszugestalten. Unabhängig davon sehe ich ein Problem aber nicht beim Panda-Logo selbst, sondern wie es in Kombination mit anderen Elementen für eine „nachhaltigere Bewirtschaftung“ verwendet wird.

Und wenn das WWF-Logo kein Nachhaltigkeitssiegel ist?

Dann muss der WWF und im Falle des Zitrusprojektes auch Edeka dessen Umweltaussagen gemäß der EmpCo-Richtlinie zwar mit Fakten belegen können, es wäre dann aber zumindest kein unabhängiges Zertifizierungssystem für die Anbringung des Panda-Logos erforderlich.

Was würden Sie dem WWF empfehlen?

Ich würde dem WWF raten, die Ansicht zu vertreten, dass das Panda-Logo allein kein Nachhaltigkeitssiegel ist, solange es nicht in einem bestimmten Kontext verwendet wird. Dann wäre Edeka für die Nutzung des WWF-Logos verantwortlich. Im Falle des Zitrusprojektes müsste Edeka genau darauf achten, wie das Logo präsentiert wird, welche Aussagen und andere Logos in der Nähe platziert sind. Der Gesamteindruck ist entscheidend für den Kunden. Es kann zum Beispiel schon einen Unterschied machen, ob die Zitronen in einem grünen oder gelben Netz verpackt sind. 

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