Warum ist das Wachstum bei Aldi im vergangenen Jahr vergleichsweise mager ausgefallen?
Die Konsumenten haben sich an die auf höherem Niveau stabilisierten Preise gewöhnt, und die Vollsortimenter haben die Zeit genutzt, die Produkte an die geringere Kaufkraft in Richtung Preiseinstieg anzupassen. Der direkte Wettbewerber Lidl ist zentral organisiert und hat es nicht zum Investitionsstau kommen lassen. Das führt zum Vorsprung in der Digitalisierung sowie im Filialnetz. Hinzu kommen Rechtsstreitigkeiten seitens der Aldi-Inhaber, die Fokus kosten und für lange Entscheidungszyklen sorgen.
Wer fordert Aldi neben Lidl derzeit besonders heraus?
Vor dem Hintergrund des angespanntes Discountsegments kommt erschwerend hinzu, dass im ertragreichen Non-Food-Sortiment der Wettbewerb durch Formate wie Action oder Temu gestiegen ist. Aldi tut sich hier offenbar schwerer als Lidl.
Ist Aldi noch der Preisführer?
Aktuell wird Lidl als Preisführer wahrgenommen. Dazu hat die sehr umfangreiche Senkung von Preisen im Frühjahr beigetragen. Wir erleben hier eine neue Runde eines Kampfes um Marktanteile, die sich die Akteure teuer erkaufen. Aufgrund des starken Konkurrenzkampfes der größten Marktteilnehmer ist in diesem Kontext auch mit weiteren Preisspiralen zu rechnen – mit recht offenem Ende. Wer Preisführer ist beziehungsweise wer als solcher wahrgenommen wird, ist nicht statisch, sondern dynamisch – was prinzipiell auf gut funktionierende Märkte schließen lässt.
Warum ist Aldi beim digitalen Geschäft nicht aktiver?
Aldi tut sich schwer, es online mit den großen Anbietern wie Amazon oder Temu aufzunehmen. Die Kosten der Kundengewinnung im Internet sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, sodass Aldi nur begrenzt von der hohen Markenbekanntheit profitieren kann. Außerdem funktioniert das Onlinegeschäft anders als das stationäre Business: Aldi wird nie die Auswahl anbieten können, die die großen Marktführer haben.
Auch scheint sich Aldi, anders als der Rest der Branche, kaum um ein Kundenbindungsprogramm zu kümmern. Warum?
Kurzfristig sicher aus Kostengründen. Ich fürchte aber, dass Aldi hier eine Chance nicht nutzt: Gut aufgesetzte Kundenbindungsprogramme ermöglichen eine komplett datengetriebene Vermarktung, und zwar von der Analyse bis zur Umsetzung. Zudem wären durch Retail Media neue Erlösquellen möglich – die wiederum Handlungsspielraum für Wachstumsinitiativen bringen. Richtig schmerzhaft wird die Situation, wenn Aldis Wettbewerber ihre zugegeben hochgesteckten Ziele für die Kundenbindungsprogramme erreichen und nutzen, um den Discounter an der Stelle zu attackieren, wo Aldi am verletzlichsten ist: bei den Preisen.
Welche Vorteile hätte eine Fusion von Aldi Nord und Aldi Süd?
Eine fusionierte Aldi-Organisation hätte sicher Vorteile – vom Einkauf über die Eigenmarkenführung bis hin zu IT, Marketing sowie Effizienz. Teile der Synergien nutzen die separaten Aldi-Organisationen bereits heute – wobei das Potenzial erstaunlich spät umgesetzt wurde, zum Beispiel bei der gemeinsamen Eigenmarkenstrategie. Ob es auch in der Praxis zu einer Fusion kommt, wird nicht zuletzt eine Frage sein, bei der die Kartellbehörden Teile der Antwort geben werden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht würde eine engere Kooperation auf jeden Fall Sinn ergeben.
Das Interview führte Tobias Dünnebacke.
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