Stadtplanungsforscher im Interview Warum Kundenfrequenz allein die Innenstädte nicht mehr rettet

Hintergrund

Hohe Frequenz, sinkende Umsätze: Ein Stadtplanungsforscher erklärt, warum Innenstädte wirtschaftlich unter Druck stehen, welche Rolle Supermärkte spielen – und was Handel und Kommunen jetzt ändern müssen.

Dienstag, 20. Januar 2026, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Thomas Krüger ist Professor für Stadtplanung an der HafenCity-Universität Hamburg.

Wie schlecht steht es um die Innenstädte?

Die Innenstädte sterben nicht, wie oft behauptet wird. Frequenzmessungen zeigen, dass noch immer viele Menschen in die Zentren strömen. Aber sie lassen dort viel weniger Geld als früher. Der Online-Anteil im Bekleidungssektor liegt heute bei 40 Prozent, bei Büchern sogar noch höher, ebenso bei Medien und Elektronik. Dieses Geld wird am Sonntag auf dem Sofa ausgegeben und nicht mehr in der Stadt.

Welche Folgen hat das?

Einige Händler stehen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Neben den sichtbaren Leerständen hat das dazu geführt, dass die Einzelhandelsmieten, die entscheidend für die Innenstadtentwicklung sind, deutlich gesunken sind. Da geht es um Reduzierungen zwischen 15 und 30 Prozent. Darüber redet kaum jemand offen, aber es ist so.

Welche Rolle spielt der Lebensmittelhandel für die Innenstadt?

Städte sind ursprünglich als Märkte entstanden. Weil es dort den Handel gab. Dieser Markt war ein Abbild der Gesellschaft, und das gilt für den Lebensmittelbereich heute noch. Der Supermarkt kann eine kaum zu überschätzende soziale und kulturelle Funktion haben. Er ist Anlass im Alltag, anderen Menschen zu begegnen und mehr zu erleben, als nur einkaufen zu gehen. 

Mit dem Rückzug vieler Lebensmitteleinzelhändler auf die grüne Wiese ging dieser soziale Schmierstoff verloren?

Es ist ein Trauerspiel, dass wir in den größeren Stadtzentren kaum noch klassische Supermärkte haben. Aus der Perspektive der Stadtentwicklung war der Exodus Richtung Stadtrand keine gute Entwicklung. Hinzu kommt das, was ich die Indus­trialisierung des Handels nenne. Die immer gleichen Formate werden bundesweit ausgerollt. Dadurch gibt es keinen Grund mehr, zum Einkauf in die Innenstadt zu gehen, weil überall das Gleiche angeboten wird. Da reicht auch, nur ins Shoppingcenter zu gehen. Das ist es sauber und es gibt Parkplätze.

Welche Konflikte gibt es zwischen Stadt und Handel?

Das Nebeneinander von Wohn- und Arbeitsraum sowie Freizeit und Shopping bringt logistische Herausforderungen. Mit dem 40-Tonner in die Altstadt, das geht nicht. Helfen könnten kleinere elektrisch betriebene Fahrzeuge. Der LEH muss lernen, mit kleineren Formaten klarzukommen. Die Ansprüche der Kunden sind gewachsen, die Märkte größer geworden. In der Stadt funktioniert das aber nicht unbegrenzt. Hier geht es um Konzentration auf der Fläche. Lidl und Aldi bauen jetzt Wohnungen, Edeka macht das schon länger. Das ist notwendig, um in großen Städten überhaupt noch eine Baugenehmigung zu bekommen. Die Städte wollen zudem keine flachen Gebäude mit Parkplätzen drum herum mehr. Stellplätze gehören hinter den Laden oder auf das Dach. Wenn überhaupt. 

Wenn überhaupt?

In Wien betreibt Ikea ein Möbelkaufhaus ohne einen einzigen Parkplatz. Man wird beraten, nimmt vielleicht Kleinigkeiten in der blauen Tüte mit und der Rest wird nach Hause geliefert. Zugegeben: ein radikales Beispiel. Aber die Skandinavier waren oft Vorreiter mit ihren Geschäftsmodellen.

Wie lässt sich die Attraktivität der Innenstadt noch erhöhen?

Bänke für die Älteren, kleine Parkanlagen, Treffpunkte, die nichts mit Kommerz zu tun haben, Spielplätze, an denen sich Kinder austoben können. Und: Anziehungspunkte wie Konzerte und Kulturveranstaltungen im öffentlichen Raum, gerne regelmäßig. Begegnungen und eigene Erlebnisse erreichen die Menschen viel tiefer als eine Anzeige oder ein Einkauf.

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