Das Europäische Parlament hat den Weg für eine weitreichende Lockerung der Gentechnikregeln in der EU freigemacht. Lebensmittel, die mit modernen Gentechnikverfahren wie der Gen-Schere Crispr/Cas verändert wurden, dürfen künftig in vielen Fällen ohne spezielle Kennzeichnung im Supermarkt verkauft werden. Die neuen Regeln sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 gelten. Für den Lebensmittelhandel bedeutet das: Verbraucher können bei zahlreichen Produkten nicht mehr anhand der Zutatenliste erkennen, ob Gentechnik zum Einsatz kam.
Konkret unterscheidet die Neuregelung zwei Kategorien. Bei weniger gravierenden genetischen Eingriffen, sogenannten NGT1-Pflanzen, entfallen Risikoprüfungen, Kennzeichnungspflichten und Kontrollen der Nachkommen auf dem Acker. Solche Pflanzen können im Zweifel nicht von natürlich gezüchteten Pflanzen unterschieden werden. Bei größeren Eingriffen in das Erbgut – etwa wenn artfremde Gene in eine Pflanze eingebracht werden – gelten dagegen weiterhin strenge Auflagen. Im Bio-Anbau bleiben sämtliche gentechnisch veränderten Pflanzen verboten. Saatgut muss weiterhin gekennzeichnet werden.
Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), der das „Ohne GenTechnik“-Siegel für Lebensmittel vergibt, kritisierte die Entscheidung. „Es ist enttäuschend, dass die Europaabgeordneten sogar die weitgehende Abschaffung der Gentechnik-Kennzeichnung für Lebensmittel durchgewinkt und nicht einmal ein wirksames Verbot für Saatgut-Patentierungen durchgesetzt haben“, erklärte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting laut einer Mitteilung des Verbands. Freiwillige Siegel wie „Ohne GenTechnik“ und Bio müssten nun die „neue gesetzliche Kennzeichnungslücke“ schließen. Laut dem Verband verkauften beide Sektoren in Deutschland im Jahr 2025 Lebensmittel für rund 36 Milliarden Euro. Hissting forderte Bundeslandwirtschaftsminister Rainer auf, die nationalen Gentechnik-Regeln so anzupassen, dass die „Ohne Gentechnik“- und Bio-Produktion vor Verunreinigungen geschützt werde.
Bundesumweltminister Schneider nennt Einigung einen schweren Fehler
Auch aus der Politik kam Widerspruch. Bundesumweltminister Casten Schneider (SPD) hatte die Einigung auf EU-Ebene bereits im Dezember als schweren Fehler bezeichnet. Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung im Rat im April. Die Europaabgeordnete Maria Noichl (SPD) warnte, die Neuregelung stärke „nicht Innovation, sondern die Marktmacht weniger großer Konzerne“ und schwäche mittelständische Unternehmen im Pflanzenzüchtungssektor. Der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling sprach von einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel, der das Vorsorgeprinzip schwäche und die Macht großer Saatgut- und Chemiekonzerne stärke.
Befürworter der Reform sehen dagegen Chancen für die Landwirtschaft. Die für die Verhandlungen zuständige schwedische Europaabgeordnete Jessica Polfjärd sprach von einem Durchbruch, der Europas Landwirte wettbewerbsfähiger mache und die Ernährungssicherheit stärke. Außerhalb der EU gibt es den Angaben des Europäischen Parlaments zufolge bereits gentechnisch veränderte Mais-, Weizen- und Reissorten mit geringerem Wasserbedarf sowie Bananen und Pilze, die nicht braun werden. Bis die neuen Regeln in der EU greifen, sind allerdings noch zahlreiche technische und rechtliche Fragen offen – etwa zu Koexistenzregeln, Haftungsfragen und Nachweisverfahren. Der VLOG wies zudem darauf hin, dass die Neuregelung auch juristisch noch angefochten werden könnte.