Tafel-Umfrage Immer mehr Menschen leben in Armut

Die Zahl der Tafel-Kunden hat sich seit Jahresbeginn um etwa die Hälfte erhöht. Damit suchen deutlich über zwei Millionen armutsbetroffene Menschen Unterstützung bei der Ehrenamtsorganisation – so viele wie nie zuvor.

Donnerstag, 14. Juli 2022 - Handel
Lebensmittel Praxis
Artikelbild Immer mehr Menschen leben in Armut
Bildquelle: Die Tafeln/Dagmar Schwelle

Zu den neuen Kunden zählen vor allem Geflüchtete aus der Ukraine, aber auch viele Erwerbslose mit Bezug von Arbeitslosengeld I oder II, Erwerbstätige mit geringem Einkommen sowie Rentner. Aktuell verteilen beinahe alle Tafeln gespendete Lebensmittel an mehr Personen: 61 Prozent der Tafeln verzeichnen einen Zuwachs von bis zu 50 Prozent bei ihrer Kundschaft, nahezu 23 Prozent unterstützen bis zu doppelt so viele Menschen wie noch vor einem halben Jahr. Bei fast 8 Prozent hat sich die Zahl der Kunden verdoppelt und bei etwa 9 Prozent sogar mehr als verdoppelt.

Jochen Brühl, Vorsitzender Tafel Deutschland: „Tafeln sind am Limit und berichten uns, dass viele Menschen zu ihnen kommen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind und zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Sie erzählen aber auch von ehemaligen Kunden, deren Situation sich wieder verschlechtert hat und die nun erneut Unterstützung brauchen. Armut macht keine Sommerpause, Armut lässt sich nicht vertrösten. Wir sehen deutlich, dass es den Menschen jetzt am Nötigsten fehlt und rufen weiterhin zu Spenden für die Tafeln auf.“

32 Prozent der Tafeln mussten bereits einen Aufnahmestopp einführen, viele zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Ihnen fehlen Lebensmittel und/oder Ehrenamtliche, um allen zu helfen, die nach Unterstützung fragen. Rund 62 Prozent der Tafeln verteilen momentan kleinere Mengen an jeden Haushalt, um möglichst vielen Menschen Lebensmittel mitgeben zu können. 17 Prozent haben die Abholhäufigkeit reduziert, sodass Kunden beispielsweise nur noch alle zwei Wochen statt jede Woche zur Lebensmittelausgabe kommen können.

„Die Situation belastet unsere Helfer stark, denn mehr Kunden bedeuten längere Ausgabezeiten und einen höheren Aufwand. Viele sind erschöpft“, sagt Sirkka Jendis, Geschäftsführerin Tafel Deutschland. „Auch der psychische Druck wächst. Tafel-Aktive engagieren sich, weil sie etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun und armutsbetroffene Menschen solidarisch unterstützen möchten. Zu sehen, dass Hilfen nicht ausreichen und dass von den eigentlich verantwortlichen Stellen die nötige Unterstützung für Menschen in Armut fehlt, ist kaum zu ertragen. Immer mehr Tafeln fragen sich: Wie lange schaffen wir das noch?“

Dazu kommt, dass Sozialämter und Behörden in vielen Städten Geflüchtete weiterhin ohne Rücksprache an die Tafeln verweisen. Besonders bei vielen Menschen aus der Ukraine sei dadurch fälschlicherweise der Eindruck entstanden, dass Tafeln ein staatliches Angebot darstellten, auf das ein Anspruch bestehe.

„Es ist verantwortungslos, wenn Behörden Menschen zu einer Tafel schicken, ohne sich überhaupt zu erkundigen, ob die Tafel neue Kunden aufnehmen kann“, erklärt der Vorsitzende Jochen Brühl. „Wir helfen, so viel wir können, aber bleiben ein Zusatzangebot. Dass alle Menschen in Deutschland genug zu essen und zu trinken haben, muss der Staat gewährleisten, nicht das Ehrenamt.“

Laut Paritätischem Armutsbericht 2022 hat die Armutsquote im vergangenen Jahr einen traurigen Höchststand von 16,6 Prozent erreicht. Die Folgen der Inflation und des Krieges seien dabei noch nicht berücksichtigt. Die Tafeln rechnen aktuell nicht damit, dass sich die Lage entspannt. Im Gegenteil: Die steigenden Preise und anstehenden Nachzahlungen von Energiekosten werden noch mehr Menschen finanziell belasten.

Tafel Deutschland fordert deshalb von der Bundesregierung dringend ein neues Hilfspaket. Die bisherigen Hilfen verfehlten mehrheitlich diejenigen, die sie am dringendsten benötigten. Nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbands seien von den 29 Milliarden Euro aus dem Entlastungspaket der Bundesregierung nur zwei Milliarden Euro bei armutsbetroffenen Menschen angekommen. Jochen Brühl erklärt: „Schluss mit der Gießkanne, die Regierung muss Soforthilfen beschließen, die Armutsbetroffene gezielt erreichen. Wir fordern zudem für das angekündigte Bürgergeld armutsfeste Regelsätze von mindestens 678 Euro.“

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