Öffentlichkeitsarbeit Brauchen Lebensmittelhändler eine Position zur AfD?

Hintergrund

Der Chef einer führenden Kommunikationsagentur empfiehlt Händlern, sich rechtzeitig zu positionieren. Das Thema des richtigen Umgangs mit der AfD werde sie einholen.

Donnerstag, 18. Dezember 2025, 07:40 Uhr
Thomas Klaus
Bröckelnde Brandmauer zur AfD? Das Thema bleibt knifflig. Bildquelle: Getty Images

Lebensmittelhändler, die sich bisher kaum für den Umgang mit der Alternative für Deutschland (AfD) interessiert haben, sollten womöglich umdenken. Die Augen vor der Debatte um die in Teilen rechtsextremistische Partei zu verschließen – das gehe nicht mehr, sagt Dr. Andreas Bachmeier im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. Er ist Geschäftsführer von Engel & Zimmermann, einer der führenden Unternehmensberatungen für Kommunikation in Deutschland.

Selbst wenn sich ein Händler bewusst aus der Diskussion heraushalten möchte, kann sie ihn schnell einholen. Zum Beispiel, wenn der Standort einen AfD-Bürgermeister bekommen sollte. Wenn politische Parteien in Supermarktnähe Informationsstände betreiben wollen. Wenn der Händler zu einem Wahlaufruf gegen die AfD aufgefordert wird. Oder wenn Anti-AfD-Aktivisten – wie zurzeit wieder gehäuft der Fall – im Internet zum Boykott bestimmter Produkte trommeln, die angeblich von AfD-freundlichen Unternehmen hergestellt werden.

„Jedes Unternehmen muss für sich eine klare und nachvollziehbare Position entwickeln“, rät Andreas Bachmeier dringend. Wie diese Position aussehe, müsse intern geklärt und ausformuliert werden. Dieser Prozess baut nach Überzeugung des Kommunikationsexperten Unsicherheiten ab. Und er führt zu einem konkreten Ergebnis, das sich im Bedarfsfall schnell hervorholen lässt.

Absenderkompetenz entscheidend

Bachmeier rät dazu, „objektive Kriterien zu entwickeln, die auch auf andere oder zukünftig entstehende Parteien angewendet werden“ könnten. Ziel sei immer eine „klare Linie statt Einzelfallentscheidungen“. Maßgeblich ist das, was der Agentur-Chef „Absenderkompetenz“ nennt. Das heißt: Das Unternehmen muss verdeutlichen, warum bestimmte Haltungen und Forderungen, zum Beispiel zur Fachkräftegewinnung, Energieversorgung oder EU-Mitgliedschaft, dem eigenen Geschäft schaden.

Einladung an die AfD

Nicht nur einzelne Unternehmer, sondern auch Verbände der Branche können das Thema AfD wohl nicht ausklammern. Die LP bekam Statements von rund 20 Verbänden zu der Frage, wie sie es mit der AfD halten. Der Tenor war eindeutig: kein politischer Dialog mit der Rechtsaußen-Partei, die sogenannte Brandmauer dürfe nicht fallen, der Handel stehe für Menschenwürde und Weltoffenheit. Aber je mehr Stimmen die AfD, immerhin die größte Oppositionspartei im Bundestag, bekommt, desto kniffliger könnte diese strikte Abgrenzung in der Praxis sein.

Beispiel Baden-Württemberg, wo am 8. März 2026 der nächste Landtag gewählt wird: Eine Infratest-Umfrage von Mitte Oktober sah die AfD bei 21 Prozent und damit weit vor der SPD mit 10 Prozent. Der Handelsverband Baden-Württemberg lud zum Parlamentarischen Abend Anfang 2025 auch die AfD ein, wie er der LP bestätigte. Alle Abgeordneten hätten Namensschilder gehabt, so der Verband. Deshalb hätten sich die Händler „bewusst selbst entscheiden können, mit wem sie Gespräche führen möchten – oder eben nicht“. Bei den Wahlprüfsteinen zur Landtagswahl werde ebenfalls die AfD berücksichtigt. Denn: „Wir wollen unseren Mitgliedern eine sachliche Information und Orientierung über die Positionen der sich zur Wahl stellenden Parteien mit realistischen Wahlchancen ermöglichen.“

Schmerzhafte Erkenntnis

Meinung von LP-Redakteur Thomas Klaus

„Eigentlich“ ist alles klar: Die AfD passt mit vielen ihrer wirtschaftspolitischen Positionen nicht zu der Interessenlage der Lebensmittelwirtschaft, vom Menschenbild ganz abgesehen. Klar ist aber auch: Die bisherige Abschottungsstrategie gegenüber der AfD von großen Teilen der Wirtschaft hat die Partei ebenso wenig kleinmachen oder kleinhalten können wie ­Warnungen des Verfassungsschutzes oder Enthüllungen der Medien. Vermutlich schwindet der Wählerzuspruch erst, wenn sich beim Bürger der Eindruck breitmacht, dass die etablierten Parteien sie ernst(er) nehmen. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft: Das passende Rezept für den richtigen Umgang mit der AfD ist noch nicht gefunden.