„Eine Besteuerung ist besonders wirksam“
Von Prof. Dr. Mathias Fasshauer, Universität Gießen
Mathias Fasshauer ist Facharzt für Innere Medizin und Professor für Ernährung des Menschen, Justus-Liebig-Universität Gießen.
In einer Analyse mit über 24.000 Lebensmitteln zeigte meine Arbeitsgruppe, dass etwa die Hälfte der in deutschen Supermärkten angebotenen Produkte hoch verarbeitet ist. Dieser hohe Anteil trägt maßgeblich zu einer Umwelt bei, die Übergewicht und Adipositas systemisch fördert. In hoch verarbeiteten Lebensmitteln finden sich deutlich häufiger Zusatzstoffe wie Aromen, Süßungsmittel und freie Zucker, die nach überzeugenden Daten Überessen und Übergewicht begünstigen. Zudem konnte meine Arbeitsgruppe kürzlich zeigen, dass ein erhöhter Konsum von Aromen, Süßungsmitteln und Farbstoffen mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert ist. Viele der bereits im Kampf gegen das Rauchen bewährten Maßnahmen lassen sich auch auf hoch verarbeitete Lebensmittel übertragen. Wie beim Rauchen wird auch die Verringerung des Konsums hoch verarbeiteter Lebensmittel nur gelingen, wenn diese unterschiedlichen Ansätze gemeinsam umgesetzt werden. Besonders wirksam ist eine Besteuerung, da der Verbrauch nachweislich mit steigenden Preisen sinkt. Deutschland setzt auf die Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie und die individuelle Verantwortung der Verbraucher. Die Datenlage zeigt, dass sich damit keine Verbesserung erzielen lässt.
„Es braucht faire Bedingungen, keine Strafsteuern“
Von Christoph Minhoff, Lebensmittelverband Deutschland
Christoph Minhoff ist Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland.
Diese Pläne sind bürokratischer und wissenschaftlicher Irrsinn! Es gibt keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition, was „hoch verarbeitet“ bedeutet. Die zitierte NOVA-Klassifizierung ist unter Experten hoch umstritten, da sie wichtige Faktoren wie Energiedichte, Nährwertzusammensetzung, Portionsgrößen oder die Textur eines Lebensmittels unberücksichtigt lässt. Ebenso wenig gibt es eine belastbare Schwelle dafür, was ein „zu hoher“ Gehalt ist. Solche Steuerkonzepte verurteilen zu Unrecht die moderne Lebensmittelverarbeitung, die eine zentrale Rolle für Haltbarkeit, Sicherheit, Hygiene, Nährwertstabilität und Vielfalt spielt. Außerdem führen Strafsteuern auch nicht zu einer gesundheitsförderlichen Lebensweise. Übergewicht und Adipositas haben multifaktorielle Ursachen, die nicht durch eine Steuer auf einzelne Lebensmittel beeinflusst werden können. Hinzu kommt, dass die EU-Kommission das verantwortungsvolle Handeln der Branche mit ihrem Vorschlag komplett ignoriert: Seit Jahren werden Rezepturen freiwillig angepasst, Salz-, Zucker- und Fettgehalte schrittweise reduziert. Diese Branche braucht keine Strafsteuern, um ihrer Verantwortung nachzukommen, sondern faire politische Rahmenbedingungen und einen funktionierenden Wettbewerb.
