Das Projekt „IP 2030“ der Hochschule Osnabrück und der Bundesfachgruppe Obstbau, das Ende September ausläuft, bündelt nach Auskunft seiner Akteure aktuelle Erkenntnisse und zeigt Wege für eine nachhaltige Obstbaupraxis.
Wenn im Herbst die Äpfel geerntet werden, steckt darin weit mehr als die Arbeit am Baum. Wie viel Wasser wurde benötigt? Wie wurde der Boden geschützt? Welche Rolle spielen Nützlinge und Biodiversität? Und wie lässt sich der Anbau an die zunehmende Hitze und Trockenheit anpassen? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich Wissenschaftler der Hochschule Osnabrück gemeinsam mit der Bundesfachgruppe Obstbau im Rahmen des Projekts „IP 2030“. Die Bundesfachgruppe Obstbau ist die berufsständische Vertretung der deutschen Erwerbsobstbauern.
Obstbau als Ganzes im Blick
Das Projekt begann im April 2021 und wird durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert.
Anlässlich des bevorstehenden Projektendes Ende September stellte Werner Dierend, Professur für Obstbau, bei der Sommertagung der Bundesfachgruppe Obstbau in Jork die Ergebnisse der Forschung vor.
Die Richtlinie nimmt den Obstbau als Ganzes in den Blick. Sie zeigt, wie ein nachhaltiger Umgang mit Wasser, Energie und anderen Ressourcen mit der Erzeugung hochwertiger Lebensmittel zusammenhängt. Ein Schwerpunkt liegt auf den Themen, die für den Obstbau und die Gesellschaft gleichermaßen wichtig sind. Dazu gehören der Umgang mit den Folgen des Klimawandels, der Erhalt der biologischen Vielfalt sowie der Schutz von Böden, Gewässern und Grundwasser.
Integrierter Pflanzenschutz mit zentraler Rolle
„Die Anlage von Blühstreifen und Sandflächen für Insekten in der Obstanlage, Hecken, Nisthilfen für Vögel, torfreduzierender Anbau oder eine wassersparende Tropfbewässerung sind beispielsweise wichtige Maßnahmen“, führte Werner Dierend an. Darüber hinaus behandelt die Richtlinie Fragen zu Energie- und Treibhausgasbilanz, zum Abfallaufkommen und zu Lebensmittelverlusten bei der Erzeugung von Obst. Zudem bietet sie aktuelle fachliche Erkenntnisse für die Obstbaupraxis und gibt Orientierung bei Fragen rund um Anbau und Pflanzenschutz.
„Eine zentrale Rolle in der Richtlinie nimmt der integrierte Pflanzenschutz ein. Er steht beispielhaft für die Weiterentwicklung der integrierten Produktion: Pflanzenschutz wird nicht als einzelne Maßnahme verstanden, sondern als differenzierter Entscheidungsprozess.“ Das erläuterte Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.
Vorbeugende Maßnahmen haben Vorrang
Vorrang haben vorbeugende anbau- und kulturtechnische Maßnahmen – etwa Standort-, Sorten- und Unterlagenwahl, die Förderung der Pflanzengesundheit und die Nutzung natürlicher Regulationsmechanismen.
Erst wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, kommen direkte Verfahren in Betracht. Dabei werden unter anderem Befallsentwicklung, Schad- und Eingreifschwellen, Witterung, Kulturzustand, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit sowie mögliche Auswirkungen auf Umwelt, Nützlinge und Produktqualität gegeneinander abgewogen.
Wissenschaftler, Berater und Obstbauern an einem Tisch
Anlass für die Neufassung der Richtlinie waren veränderte rechtliche Rahmenbedingungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf den Obstbau.
Die Hochschule hat hier nicht einfach einen wissenschaftlichen Leitfaden am Schreibtisch entwickelt, sondern Wissenschaft, Beratung und Obstbaupraxis zusammengebracht.
Die Richtlinie bildet die gelebte Praxis der Obstbaubetriebe in Deutschland im Rahmen der IP ab. Das Ziel ist die transparente Darstellung des deutschen Obstbaus sowie der Maßnahmen und zusätzlichen Möglichkeiten zum Umwelt- und Ressourcenschutz, die bereits heute umgesetzt werden.
Im Unterschied zu einer gesetzlichen Vorgabe versteht sich die Richtlinie als fachlicher Leitfaden für die Praxis. Die beschriebenen Maßnahmen und Empfehlungen sind freiwillig anwendbar und sollen Betriebe dabei unterstützen, standort- und betriebsspezifisch nachhaltige Lösungen auszuwählen.
Grundlage für nachhaltige und zukunftsfähige Produktion
Die Richtlinie dient damit als gemeinsame fachliche Grundlage für Betriebe, Beratungseinrichtungen und weitere Akteure des Obstbaus sowie als gemeinsames Kommunikationsinstrument.
Die Inhalte wurden im Projektverlauf kontinuierlich abgestimmt und in Zusammenarbeit mit Fachleuten, Beratern und der Obstbaupraxis erarbeitet. Mit der Veröffentlichung der IP-Richtlinie für Obst liegt eine aktualisierte Grundlage der IP für den deutschen Obstanbau vor.
„Die Richtlinie soll keine zusätzlichen Vorgaben schaffen. Sie bietet Betrieben vielmehr eine gemeinsame fachliche Grundlage und unterstützt sie dabei, passende Lösungen für den jeweiligen Standort und Betrieb zu finden“, sagte Dierend. Er ergänzte: „Mit der neuen IP-Richtlinie steht dem deutschen Obstbau damit eine aktuelle, gemeinsam mit der Praxis entwickelte Grundlage für eine nachhaltige und zukunftsfähige Produktion zur Verfügung.“