Molkerei-CEO im Interview "Wir sind gut beraten, wenn wir Grundnahrungsmittel im eigenen Land produzieren" – sagt der Chef der Molkerei Berchtesgadener Land

Hintergrund

Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkerei Berchtesgadener Land, spricht über Kampfpreise am Regal, warum er seinen Kindern nie veganen Käse auftischen würde und was Sahne mit Darmgesundheit zu tun hat.

Freitag, 24. April 2026, 07:40 Uhr
Karin Finkenzeller
Bernhard Pointner fordert mehr Wertschätzung für seine Molkereiprodukte. Bildquelle: Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau/HRSchulz

Mit dem Slogan „Ich bin meinen Preis wert“ wehrt sich Ihre Molkerei gegen den, wie Sie sagen, aktuell ruinös geführten Wettbewerb um Buttertiefstpreise. Ist es nicht gerecht, dass Verbraucher nach den Rekordpreisen die Butter nun günstig einkaufen können?

Wir haben uns voriges Jahr nicht an der Preisrallye beteiligt und sind ganz bewusst unter 3 Euro für das Stück Butter geblieben, als Wettbewerber auf 3,80 Euro gingen. Mit unserer Aufklärungskampagne wollen wir nun unsere Stammkunden in ihrem Einkaufsverhalten bestätigen und den einen oder anderen Neukunden gewinnen oder zumindest die Kundschaft ein bisschen zum Nachdenken anregen.

Was sollen die denn denken?

Wenn du dich so oder so entscheidest, wird das Auswirkungen haben. 99 Cent für Butter ist ein Preis, für den man im Berchtesgadener Land keine Milchproduktion betreiben kann. Jetzt ist die Frage, lieber Kunde: Willst du das? Du musst dir im Klaren sein, dass das nicht nur auf die Optik dieser Region Auswirkungen hat. Ganz wichtig ist auch die Versorgungssicherheit in geopolitisch anspruchsvollen Zeiten. Da sind wir ganz gut beraten, wenn wir wenigstens noch Grundnahrungsmittel im eigenen Land produzieren.

Sehen Sie da eine Gefahr?

Wenn wir die Landwirtschaft mit solchen Preisen ins Abseits drängen, dann ist auch die Lebensmittelversorgung in Gefahr. Wir haben in der Vergangenheit schon gesehen, dass gewisse Entscheidungen nicht sehr nachhaltig sind, zum Beispiel die Medikamentenproduktion nach Indien und China auszulagern.

Verstehen Sie Kunden, die sich ein Päckchen Butter für 2,99 Euro nicht leisten können oder wollen? Oder weniger Butter konsumieren?

Natürlich haben wir Verständnis dafür, dass Teile der Gesellschaft auf sehr günstige Angebote zurückgreifen müssen. Aber das ist nicht das Gros, und wir reden nicht von rauen Mengen Butter, die konsumiert werden. In Deutschland isst statistisch jeder Mensch 5,3 Kilogramm im Jahr. Und trinkt 46 Liter Milch. Wenn man bei diesen Mengen unsere Produkte kauft, anstatt auf das immer billigste Angebot von irgendwoher zurückzugreifen, dann reden wir im Jahr von 60 Euro Mehrkosten. Oder in der Woche von 1,20 Euro. Wenn ich als Verbraucher einmal die Kinder nicht mit dem SUV in die Schule fahre, dann habe ich schon so viel Kraftstoff gespart, dass das locker drin ist. Eine Dose Red Bull weniger, dann ist es auch drin.

Wo liegt denn der faire Preis für ein Stück Butter? Und für wen?

Unsere Kunden waren immer bereit, für unsere Produkte ein bisschen mehr zu bezahlen, weil ihnen die Bergbauern am Herzen liegen. Deshalb waren wir als Genossenschaft mit rund 1.500 Milchbauern auch auf ihrer Seite während der Energiekrise, als Nebenkostenabrechnungen explodierten. Jetzt geht die Entwicklung in die andere Richtung. Ein Stück Butter kostet mittlerweile so viel wie ein Liter Milch. Aber für ein Kilo Butter braucht man 21 Liter Milch, 5 Liter für ein Päckchen. Das müsste doch irgendjemand mal hinterfragen.

Das tut aber niemand?

Weder bei uns noch bei Edeka oder Rewe, wo wir uns nach möglichen Kundenreaktionen erkundigt haben, gab es bisher auch nur eine einzige Nachfrage in diese Richtung. Deshalb zielt unsere Kampagne darauf: Lieber Kunde, hinterfrage doch mal ein bisschen, was da läuft.

Apropos: Wie reagieren Ihre Verhandlungspartner im Einzelhandel auf Ihre Preiskampagne?

Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland kann kostenseitig nicht mit den international aufgestellten Discountern mithalten. Wenn Lidl sagt, es reiche, am Stück Butter einen Cent zu verdienen, dann reicht das den Edeka-Händlern nicht. Die wollen diesen Preisverfall auch nicht und nicht Marken wie die unsere verlieren. Umgekehrt war vor zwei Jahren auch ein Preis von 1,80 Euro für einen Liter Milch nicht in ihrem Sinne. Die Händler haben uns offen gesagt, dass solche Preise die Kunden quasi aus dem Laden kärchern und direkt hinein in die Arme der Discounter. Wir haben zu unseren Bauern deshalb irgendwann gesagt: Schluss, mehr Milchgeld gibt es nicht. Wer diese extreme Bergfahrt mitmacht, macht auch die hundertprozentig kommende Talfahrt mit. Deshalb lässt uns die Edeka jetzt auch preislich in Ruhe. Obwohl wir nur 350 Millionen Umsatz machen und Edeka 85 Milliarden. Die machen in ein paar Stunden so viel Umsatz wie wir in einem ganzen Jahr.

Ihre Bauern gehen da immer mit?

Nicht alle, aber die Mehrheit, und das ist in einer Genossenschaft wichtig. Es gibt immer welche, die gerne das Letztmögliche haben wollen. Aber die müssen dann einfach woanders hingehen. Wir sind ganz gut beraten, dass wir ein bisschen ausgleichend sind. Das ist auch wichtig für ganz viele Kunden, gerade wenn die Welt immer lebensfeindlicher wird. Der Eindruck, dass wir weniger aggressiv sind, keinen Stress haben mit dem Lebensmittelhandel, aber auch nicht mit NGOs, ist für sie ein wichtiges Kaufargument.

Eine Ursache des Preisverfalls ist, dass ein massives Überangebot auf dem internationalen Milchmarkt derzeit auf eine schwache Nachfrage trifft.

Es ist eine total toxische Mischung. Normalerweise ist immer irgendein stark Milch produzierendes Land ausgefallen – durch eine Überschwemmung, Dürre oder Tierseuche. Jetzt sind alle Länder im Plus, mit Ausnahme Australiens. Auf der anderen Seite hat man einen Donald Trump, der mit Zöllen um sich wirft, und in China eine massive Wirtschaftskrise. Das wirkt sich sogar auf unsere kleinen Bergbauern aus.

Trifft der Preisverfall die Milchbauern im Berchtesgadener Land im Vergleich mit anderen Regionen besonders hart?

Im Norden ist die erste Molkerei bei einem Abnahmepreis von 25 Cent pro Liter an die Bauern angelangt. Das ist eine Katastrophe, noch vor wenigen Monaten lag der Milchpreis noch bei 60 Cent. Mein Ehrgeiz ist es, diesen Crash bei uns zu verhindern. Jeder Landwirt, der bei uns aufhört, wird sich nicht zu einem späteren Zeitpunkt erneut Kühe anschaffen. Wir als Molkereigenossenschaft haben den Bauern sehr viele Einschränkungen auferlegt in den vergangenen Jahren. Das muss sich auch lohnen!

Sie dürfen zum Beispiel keine Futtermittel außerhalb Europas kaufen.

Billiges Soja aus Brasilien ist bei uns tabu. Auch der Einsatz von Totalherbiziden wie Glyphosat. Das sind zwei Dinge, die die Produktion bei uns teurer machen. Dazu kommt die ohnehin aufwendige Bewirtschaftung im Berggebiet mit Spezialmaschinen, die viel teurer sind als auf dem flachen Land. Die Milchproduktion und auch die Milcherfassung im Berggebiet ist teuer. Unsere Lkw haben Allradantrieb und kosten 30 Prozent mehr in der Anschaffung, sie brauchen auch mehr Diesel. Diesen Winter waren sie zudem häufig mit Schneeketten unterwegs. Die Kostenstruktur ist eine andere, aber wir halten die Milchproduktion hier für erhaltenswert.

Hat Ihre Region dann eher ein Wettbewerbsproblem?

Wir arbeiten seit einigen Jahren mit der Technischen Universität München an einer Studie, in der wir die CO₂-Bilanz im Grünlandgürtel der Alpen ermitteln. Kurz vor der Veröffentlichung kann ich schon so viel verraten: Es ist eine komplett andere CO₂-Bilanz, als wenn Sie irgendwo im Flachland unter Einsatz von Soja und Kraftfutter Milch produzieren. Wegen des Klimawandels wird die Milchproduktion immer schwieriger, weil es in vielen Regionen zu warm wird. Wir haben sogar in Bayern Regionen, die zu trocken werden. Hier in den Staulagen der Alpen haben wir genügend Niederschlag und Gras als Grundfutter. Das wird eine Zukunft haben. Aber wir müssen die Voraussetzungen erhalten. Und die Mehrkosten für unsere Produkte sind übersichtlich, wenn man den gesellschaftlichen Nutzen dagegenstellt.

Kann Kuhmilch umweltgerecht produziert werden?

Bei uns im Berggebiet sind die Argumente, die die vegane Fraktion vorbringt, nicht zutreffend. Hier haben wir so viel Niederschlag, dass sogar Flüsse entspringen. Die Frage ist: Wollen wir auf diesem Planeten einmal ernsthaft 10 Milliarden Menschen ernähren oder nicht? Wenn ja, dann müssen wir das auch in Regionen tun, in denen außer Gras nichts wächst. Ackerbau ist auf den steilen Flächen nicht möglich, der Mensch kann Gras nicht essen, die Kuh aber Milch und Fleisch dadurch produzieren. Dann haben wir eine Kreislaufwirtschaft. Da wir Futtermittel auch nicht aus Brasilien beziehen, ist die Milchproduktion im Berggebiet annähernd CO₂-neutral. Und wir haben noch gar nicht da­rü­ber geredet, was vegane Produkte teilweise für ein Schrott sind.

Sind sie das?

Wir waren gerade auf der Biofach, da sind wir jedes Jahr mit einem großen Messestand vertreten. Jahrelang waren vegane Produkte das ganz große Thema. Mittlerweile ebbt der vegane Hype aber total ab. Wenn man sich zum Beispiel ansieht, was in einem veganen Käse drin ist, also ich würde das meinen Kindern nicht geben. Da können Sie sich wirklich Bratfett auf den Toast schmieren, das ist ernährungsphysiologisch das Gleiche. Aus meiner Sicht wird sich das entzaubern, weil man auf Dauer mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Wie kommen Sie darauf?

Man muss die Pflanzen wirklich verunstalten, damit so etwas Ähnliches wie Käse oder Butter dabei rauskommt, oder Lebensmittelchemiker sein, um die Zutaten ausdeutschen zu können. Wir beschäftigen uns gerade sehr mit dem Thema Darmgesundheit und verzeichnen zweistellige Zuwachsraten bei Naturjoghurt oder bei Kefir. Wenn man bei Instagram oder Tiktok schaut, bewegt sich gerade alles Richtung Darm. Insbesondere fermentierte Lebensmittel sind extrem wichtig für einen gesunden Darm. Auch Parkinson kann man sehr gut über den Darm vorbeugen. Deshalb bringen wir jetzt auch laktosefreie Milch in Bergbauern-Qualität auf den Markt und fruchtige Kefirvarianten in Demeter-Qualität. Wir ziehen uns aus den zuckerhaltigen Produkten zurück und gehen auf wenig verarbeitete natürliche Produkte wie Sahne, Quark, Skyr, Butter, Milch in Demeter-Qualität, die nur pasteurisiert ist, nicht homogenisiert. Da haben wir richtig Zuwachs.

Entlang der Alpen

Die Molkerei Berchtesgadener Land wurde 1927 gegründet. Sie ist genossenschaftlich organisiert und gehört komplett den rund 1.500 angeschlossenen Landwirten, darunter 600 Bergbauern, 500 Bio-Landwirte und 400 konventionelle Milcherzeuger. Deren Höfe haben durchschnittlich 30 Kühe und liegen entlang des Alpenkamms zwischen dem Watzmann und der Zugspitze, heißt es von der Molkerei. Diese beschäftigt etwa 500 Mitarbeiter, die jährlich rund 350 Millionen Kilogramm Rohmilch verarbeiten.

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