Molkereibranche Biomilch boomt – aber Deutschland muss sie importieren

Hintergrund

Die Biomilchbranche boomt. Doch immer weniger Bauern stellen auf Ökoerzeugung um; andere werfen das Handtuch. Der Kampf um den Rohstoff Biomilch ist in vollem Gange.

Dienstag, 23. September 2025, 07:40 Uhr
Dr. Friederike Stahmann
In der aktuellen Situation kämpfen die Molkereien buchstäblich um jeden Tropfen Biomilch.

Die 85 Kühe sind dieselben und auch der Stall. Gemolken wird gestern wie heute mit einem Melkroboter. Geblieben sind auch Maschinenpark und Flächenausstattung. Überwiegend Wiesen und Weiden. Doch: Nach 17 Jahren kommt bei der Familie aus Nordhessen nun kein Milchsammelwagen einer Biomolkerei mehr vorbei. Stattdessen holt eine konventionelle Meierei aus Rheinland-Pfalz die Milch ab. Rückumsteller werden solche Betriebe genannt. Einst von der konventionellen Produktionsrichtung auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt, kehren sie dann – Jahre später – wieder zurück zum Standard. Politische Vorgaben und wirtschaftliche Tatsachen zwingen sie, das Ruder herumzureißen.

Verrückte Welt, könnte man meinen. Der Lebensmittelhandel setzte von Juli 2024 und Juli 2025 allein mit Biomilch, -quark und -joghurt etwas über eine Milliarde Euro um. 9 Prozent mehr als noch im Vorjahreszeitraum, so die Marktanalysten von NIQ. In den ersten fünf Monaten 2025 lag das Plus bei Bio-Frischmilch bei 12 Prozent. Bei Bio-Naturjoghurt stieg die Einkaufsmenge sogar um mehr als 30 Prozent. Bio liegt bei Verbrauchern im Trend. Immer öfter wandern neben Eiern, Obst und Gemüse in Bioqualität eben auch Molkereiprodukte mit dem Biosiegel in die Einkaufskörbe.

Mehr noch: Biomilch, -joghurt und -quark luchsten der konventionellen Weißen Linie in den vergangenen zwölf Monaten Absatzanteile an. Inzwischen beträgt ihr Umsatzanteil schon 13,4 Prozent (+0,5 Prozent). Zu verdanken ist der Zuwachs, so die NIQ-Marktforscher, den vier absatzstärksten Segmenten Frischmilch, pflanzliche Drinks, Naturjoghurt und H-Milch, die 88 Prozent des Bio-Absatzes in der Weißen Linie einnehmen.

Bioerzeugung sinkt trotz hoher Nachfrage

Also alles in Biobutter? Keinesfalls: Denn parallel zum Bioboom am Moproregal schwächelt die heimische Biomilcherzeugung. Dass so einige der rund 4.800 Biomilcherzeuger das Handtuch werfen, macht sich in der Gesamtbiomilchmenge, die 2024 in Deutschland gemolken wurde, bemerkbar. Laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft erzeugten die Ökobauern zwar vergangenes Jahr 1,4 Millionen Tonnen Biomilch und damit beinahe doppelt so viel wie noch 2014. Doch erstmals seit Jahren sank nun im Frühjahr dieses Jahres die Biomilchanlieferung hierzulande, so die Zentrale Milchmarkt Berichterstattung.

Dieses Minus schmerzt vor allem, wenn man bedenkt, dass nur etwa 70 Prozent der in Deutschland verkauften Biomilch überhaupt aus inländischer Herkunft stammt. Um den Bedarf zu decken, wird Biomilch vor allem aus den Nachbarländern Dänemark und Österreich importiert. Damit sind auch schon fast alle großen Biomilcherzeugerländer in der EU genannt: Deutschland auf Platz eins, Platz 2 Frankreich, Österreich auf 3 und Dänemark auf Platz 4. Bis auf eine nennenswerte Steigerung in Österreich überall dasselbe Bild: Die Biomilchmenge sinkt europaweit. 

Klimacheck für Milch

Um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen, lassen sich viele Milchbauern Klimabilanzen für ihren Hof erstellen. Die Klimaplattform Milch bietet zudem die Möglichkeit, sich mit anderen Betrieben zu vergleichen. Molkereien wiederum erhalten über das Tool einen ersten Überblick über den CO₂-Fußabdruck ihres Rohstoffs.

EU-Biosiegel verfehlt Ziel

Nicht einmal die Hälfte aller Befragten weiß, wofür das Biosiegel der EU, das stilisierte Blatt auf grünem Grund, steht. Das ergab eine Befragung eines Wissenschaftlerteams aus Deutschland, England und Ungarn. 

Nicht kostendeckend

Die Frage nach dem Warum zeigt ein ganzes Potpourri von Gründen. Einer der wichtigsten: der Auszahlungspreis, also der Preis, den Biobauern von ihrer Molkerei für den Liter Rohmilch erhalten. Der liegt derzeit bei satten 66 Cent. Ein Rekordniveau. Im konventionellen Bereich gibt es rund zehn Cent weniger pro Liter.

Für Biobauern aber kein Grund, sich die Hände zu reiben. Mehr Klima- und Artenschutz, mehr Umweltmaßnahmen, mehr Tierwohl und höhere Futterkosten führten zu höheren Kosten als im konventionellen Bereich, so der Bioland-Verband. Und genau die würden „seit Jahren nicht gedeckt“, so der Vorstandsvorsitzende der Milcherzeugergemeinschaft Milch Board, Franz Lenz. So gerate der Bioausbau ins Stocken, warnt daher auch der Bioland-Verband. „Wir müssen aber nicht nur unsere Kosten decken, sondern auch Gewinne erwirtschaften, wenn Biobetriebe eine Zukunft haben sollen“, mahnt Lenz. Das lässt sich derzeit einfacher in der konventionellen Schiene erreichen. 56 Cent je Liter zahlten die Molkerei im Juli durchschnittlich. Das führe zu eindeutig weniger Umstellungen auf Bio in der letzten Zeit, resümiert Tobias Kleinsorge, Geschäftsführer der Upländer Bauernmolkerei in Nordhessen.

Und auch der Strukturwandel macht vor den Biomilchbauern nicht halt. Unter Voraussetzungen wie schlechter Vergütung und Investitionsstau frage sich die nachfolgende Generation junger Landwirte „zu Recht, ob ein Einstieg in die Biomilchwirtschaft sinnvoll ist“, zeigt Franz Lenz auf, wo ein weiteres Problem liegt. Wird die Frage mit Nein beantwortet, werden Stalltore für immer geschlossen. Dieses Phänomen spürt beispielsweise die Berchtesgadener Milch, und es sei der Hauptgrund, so Florian Zielinski, für die leicht sinkende Bio-Rohmilchmenge seiner Molkerei.

Bio in der politischen Zwickmühle

Auch politische Vorgaben machen es so manchem Biomilchbauern schwer. Die verschärfte Auslegung der EU-Ökoverordnung verlangt, dass ab 2026 alle Wiederkäuer in Biohaltung Weidegang haben müssen. Dies stelle viele Betriebe vor allem in Süddeutschland vor enorme Herausforderungen, so der Bayerische Bauernverband. „Es ist toll, dass so viele Biobetriebe ihre Tiere auf der Weide halten, das ist eine wunderbar tiergerechte Haltungsform – die sich aber leider nicht überall realisieren lässt“, sagt Günther Felßner, Präsident des Verbandes.

Der Brüsseler Behördenapparat wird in den nächsten Wochen entscheiden, ob und wenn ja, in welchem Rahmen es in Zukunft Härtefallregelungen geben kann und wird. Von Verbraucherseite aus sei klar, dass eine Biokuh oder ein Biorind auf der Weide stehen müsse, um glücklich zu sein, meint Dr. Hans-Jürgen Seufferlein. Darauf hätten Bioverbände und auch NGOs die Verbraucherschaft über Jahre hinweg „konditioniert“. Gebrieft ist die deutsche Kundschaft schon seit Jahrzehnten auch auf den Preis. Fast schon symbolisch dafür boomen die Eigenmarken. Und das nicht erst seit dem Ukrainekrieg und der damit verbundenen Inflation. Das Bio-Mopro-Grundsortiment im Regal beherrschen daher auch die Private Labels. Doch Eigenmarke allein ist noch kein Kaufargument. „Alles, was auf dem Tisch nicht unmittelbar als Bio wahrgenommen wird, wird in der Regel nur dann gekauft, wenn der Preisabstand zu konventioneller Ware gering ist“, bringt es Winfried Meier, Vorstand Bayerische Milchindustrie auf den Punkt.

Österreich setzt auf Biomilch

Discount gibt den Takt vor

Über Monate bedienten Discounter wie Aldi diese Verbrauchermaxime immer häufiger mit Biomilch zum Billigpreis. Für 1,25 Euro gab es bis vor Kurzem auch Verbandsware deutscher Herkunft als Aldi-Eigenmarke „Gut Bio“ zum Kampfpreis von 1,25 Euro. Wettbewerbstaktisch niedrige Bio-Milchpreise bei dm von 1,15 EUR für einen Liter Bio-Vollmilch sind sogar möglich gewesen, so Florian Zielinski für die Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land.

Zur Jahresmitte zogen nun – im Gegensatz zur konventionellen Linie – die Endverbraucherpreise für Bio-Konsummilch (Eigenmarken) um jeweils zehn Cent je Liter an. ESL-Vollmilch kostet seitdem 1,35 Euro, die fettarme Variante 1,25 Euro. „Wenn man aber weiß, dass bei den Eigenmarken – auch bei Biomilch – Aldi und Lidl voll auf deutsche Herkunft setzen, gibt es da einen ernsthaften Zielkonflikt“, gibt Seufferlein zu bedenken.

Und so kämpfen die Molkereien um das knappe Gut Biomilch. Auf unterschiedliche Weise. So setzt die Berchtesgadener Milch auf „partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe“. Das veranlasse regelmäßig Landwirte anderer Molkereien, nach Piding zu wechseln, oder konventionelle Landwirte, umzustellen. Ähnlich sieht man das auch bei der Bayerischen Milchindustrie. Langfristige und verlässliche Partnerschaften seien im Biobereich entscheidend. „Wir als weltweit führender Anbieter von milch- und molkebasierten Bio-Ingredients leben diese Partnerschaften in allen Phasen des Marktes“, ist sich Winfried Meier gewiss. Mit den langjährigen Lieferbetrieben habe man neue Konditionen vereinbart, „die beiden Seiten langfristige Sicherheit in der Vermarktung geben“, sagt Meier.

Die Andechser Molkerei Scheitz lud Anfang Juli zur Informationsveranstaltung mit dem Titel „Umstellung auf Bio-Milcherzeugnisse“. Eingeladen waren alle konventionellen Milchbauern, die sich für eine Belieferung an die Molkerei interessieren. Um einen Milchviehbetrieb von konventioneller auf ökologische Wirtschaftsweise umstellten, braucht es in der Regel zwei Jahre.

Nicht zuletzt hofft die Branche auf Rückenwind aus der Politik. Ob der kommt, bleibt aber ungewiss. Die von der Ampelregierung vorangetriebene Strategie mit dem Ziel, dass bis 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland ökologisch bewirtschaftet werden, steht so nicht im Koalitionsvertrag der neuen Regierung. Nur so viel: Man wolle den Ökolandbau „deutlich stärken“.

Bio-Mopros legen zu

Bereit für Investitionen

Zudem wünschen sich Experten Planungssicherheit. Wer 20.000 Euro für einen Tierwohlstallplatz investiere, müsse schon bei der Planung wissen, nach welchen Kriterien zu bauen sein, um auch noch nach 20 Jahren den Biostatus damit erfüllen zu können. Dass die Landwirte zu Stallneubauten bereit sind, zeigt das aktuelle Agrarbarometer der Rentenbank. 65 Prozent der befragten Landwirte geben an, Investitionen zu planen. 16 Prozent der Tierhalter gar gaben an, in den nächsten zwei bis drei Jahren auf eine höhere Haltungsform umstellen zu wollen. „Unsere Fördervolumina für Stallumbauten für mehr Tierwohl sind bereits jetzt mehr als dreimal so hoch wie im Vorjahr“, sagt Nikola Steinbock, Vorstandssprecherin der Rentenbank. Das zeige, dass Tierhalter den Wandel aktiv mitgestalten und ihre Betriebe auf die wachsenden Erwartungen an das Tierwohl ausrichten wollten. Dazu brauche es aber Planungssicherheit und Investitionsanreize sowie die Bereitschaft der Verbraucher und des Handels, höhere Preise zu zahlen.

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