Die Kühlregale mit veganen Produkten geben seit einigen Wochen und Monaten ein ungewöhnliches Bild ab. Tofu, lange Zeit als langweiliges Lebensmittel abgestempelt, erhielt im Zuge des Protein-Hypes ein neues Image. Die Nachfrage boomt, zahlreiche Grifflücken zeigen, dass die Produktion nicht hinterherkommt. Daneben stehen Veggie-Schnitzel und Schinkenalternativen, deren Namen in Zukunft nach dem Willen von EU-Politikern anders klingen müssen.
Das Veggie-Regal ist aktuell mehr denn je ein Ort im Wandel. Die verschiedenen Kategorien entwickelten sich zuletzt höchst unterschiedlich. Zudem befürchtet die Branche Nachteile durch neue Regulierungen. Eine neue Diskussion auf EU-Ebene könnte nun Herstellern und Anbietern von Sojaprodukten Probleme bereiten und den Hype um Tofu bremsen. Die Frage ist: Wo liegen Wachstumschancen und wie gehen Handel und Hersteller mit regulatorischen Hürden um? Für den hiesigen Markt sind diese Fragen von großer Bedeutung. Denn Deutschland ist laut Good Food Institute Europe (GFI) mit 1,71 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025 nach wie vor der größte Markt für pflanzliche Alternativprodukte in ganz Europa.
Wachstum nicht überall
Der Blick in die Zahlen zeigt: Besonders etabliert sind pflanzliche Alternativen zu Milch und Joghurt. Milchalternativen wuchsen 2025 im Umsatz um 8,1 Prozent auf 632 Millionen Euro und erreichten inzwischen einen Marktanteil von 9,2 Prozent. Treiber sind die Handelsmarken, die 60 Prozent der Kategorie ausmachen. Pflanzendrinks sind im Schnitt nur noch 10 Prozent teurer als tierische – trotz der 19 Prozent Mehrwertsteuer auf pflanzliche Produkte gegenüber 7 Prozent auf tierische Milch, zeigt das GFI. Joghurt legte ähnlich stark zu. Verlierer sind pflanzlicher Käse (−7,4 Prozent im Umsatz) und pflanzlicher Fisch (−29 Prozent bei der Menge), beide mit einem Marktanteil von weniger als 1 Prozent.
Die Überraschung im Veggie-Markt: Die Verkaufsmenge von Tofu, Tempeh und Seitan stieg im vergangenen Jahr um 30 Prozent auf 14 Millionen Kilogramm. Ein Grund dürfte der Preis sein. Tofu kostete nach Beobachtung des GFI im Schnitt 6,57 Euro pro Kilogramm, pflanzliches Fleisch dagegen 14,35 Euro. Tofu entwickle sich zunehmend vom Nischenprodukt zu einem festen Bestandteil im Proteinregal, kommentiert Thomas Hensellek aus der Unternehmensleitung der New Original Company (Omami, Lunter, Sofine).
Hype führt zu Engpässen
Die steigende Tofu-Nachfrage hat jedoch eine Schattenseite: anhaltende Regallücken. Rewe, Kaufland und Aldi Nord hatten zuletzt Lieferprobleme bestätigt. Produktionsprobleme beim Freiburger Hersteller Taifun hatten etwa die Naturtofu-Menge stark reduziert. Der Hersteller nahm daher einige Produkte vorübergehend aus dem Sortiment. Sie sollen erst Anfang 2027 zurückkehren. Taifun baut eine neue Anlage und ein Sojasilo in Freiburg, um die wachsende Nachfrage bedienen zu können.
Anbieter wie New Original Company bringen sich in dieser Situation in Stellung: „Mit unserer europäischen Produktion können wir diese Entwicklung zuverlässig begleiten und eine stabile Verfügbarkeit sicherstellen“, sagt das Unternehmen auf Nachfrage.
Fleischersatz schwächelt
Die umsatzstärkste Kategorie bleibt das pflanzliche Fleisch mit 751 Millionen Euro. Doch die Verkaufsmenge sank leicht um 1,7 Prozent. Besonders aufschlussreich: Die Eigenmarken verloren 7 Prozent bei der Verkaufsmenge, obwohl sie 38 Prozent günstiger waren als Markenprodukte. Die Marktforscher deuten dies als Signal, dass Eigenmarken bei Fleischalternativen die Erwartungen an Geschmack und Textur noch nicht ausreichend erfüllen. Markenprodukte hingegen legten leicht zu.
Fabio Ziemßen, Geschäftsführer des Bundesverbands Alternative Proteine (Balpro), setzt die jüngste Schwächephase im Bereich der Fleischalternativen in den Zusammenhang: „Nach dem starken Wachstum in den letzten Jahren reift die Branche jetzt ganz natürlich heran. Das ist ein völlig typischer Prozess für einen jungen Markt, der sich nun festigt, professionalisiert und ausdifferenziert.“
Bezeichnungsverbot kostet
Doch aktuell hängt über der Kategorie der Fleisch- und Wurstalternativen ein regulatorisches Damoklesschwert: das EU-weite Bezeichnungsverbot für Fleischbegriffe auf pflanzlichen Produkten. Das Europäische Parlament stimmte Mitte Juni 2026 gegen Bezeichnungen wie „Veggie-Hühnchen“ oder „pflanzlicher Speck“. Die Konsequenzen sind noch nicht vollständig absehbar.
Die Rügenwalder Mühle schätzt den Gesamtaufwand für das Unternehmen auf einen „deutlich siebenstelligen Betrag“. Faktisch seien aktuell nur drei Produkte betroffen. Aber: „Die Lage bleibt unklar“, sagt Geschäftsführer Jörg Pfirrmann. Hinzu kommt ein Faktor, der sich aktuell schlecht beziffern lässt, erläutert er: „Der größere Schaden entsteht bei der Eintrittsbarriere in die Kategorie. Wenn Produkte umbenannt werden müssen, verliert der Shopper über den Produktnamen wichtige Informationen: Was erwartet mich geschmacklich, welche Textur hat das Produkt, wie bereite ich es zu? Genau das ist für den Kauf oft entscheidend.“ Das Unternehmen hat daher entschieden, die dreijährige Übergangszeit konsequent zu nutzen und die betroffenen Produkte erst spätestmöglich umzubenennen.
Balpro-Chef Ziemßen warnt vor einer Ausweitung der Einschränkung: „Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Produkte wie Chips mit Bacon-Geschmack oder Tütensuppen mit Hühnchengeschmack ebenfalls unter den Bezeichnungsschutz fallen.“ Der Branche könnten Folgekosten von bis zu 250 Millionen Euro entstehen, warnte der Balpro bereits vor der Abstimmung im EU-Parlament. „Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Schätzung weiterhin plausibel“, sagt Ziemßen.
„Bürokratieabbau steht überall auf den Fahnen, aber gleichzeitig ziehen wir die Schlaufe bei vielen Themen immer weiter zu. Das macht es für Unternehmen in Deutschland und der EU immer schwieriger, wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten“, meint Pfirrmann. „Der produzierte Aufwand ist umso unnötiger, da die politische Diskussion an der Realität der Konsumenten komplett vorbeigeht“, kommentiert die Uplegger Food Company.
Dass Kreativität eine Antwort auf Zwang sein kann, beweist Biovegan. Beschränkungen in der Bezeichnung von Milch- und Käsealternativen gibt es schon länger. Einen neuen veganen Cheesecake nennt Biovegan daher „She’s Cake“: mit dem Argument, er sei ein sehr weiblicher Kuchen und „sie ist besonders cremig“. Laut Geschäftsführer Karsten Lindlein war die Ankündigung des Produkts der erfolgreichste Social-Media-Post in diesem Jahr. „Die Leute fanden das Produkt toll und die kreative Namensgebung noch toller.“
Der direkte Kostendruck für Umbenennungen von Alternativprodukten wie dem Speck-Ersatz ist dennoch real, weiß er: „Zwei Vollzeitkräfte beschäftigen sich aktuell ausschließlich mit Umstellungen von Verpackungen, Texten, Portalen und Freigaben für neue Gesetzesgrundlagen. Rechnen Sie da ein fiktives Vollzeitgehalt mal zwei, dann landen Sie sicher im sechsstelligen Bereich, ohne das Verpackungsmaterial einzurechnen, das möglicherweise noch nicht abverkauft ist. Das trägt alles das Unternehmen allein“, zählt er auf.
Während Produzenten von Fleisch- und Wurstersatz noch über das Bezeichnungsverbot sprechen, nimmt am Horizont bereits das nächste regulatorische Risiko Gestalt an, das weitaus gravierender sein könnte. Es geht um Isoflavone, natürliche Verbindungen in Sojabohnen, und um die Frage, ob die Efsa, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, sich für Grenzwerte aussprechen wird.
Nächstes Regulierungsrisiko
Der Anstoß kommt aus Frankreich: Die französische Behörde für Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit, Anses, legte 2025 eine Studie mit äußerst strengen Aufnahmegrenzwerten vor, die nun die Diskussion in der EU-Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (GD Sante) prägt. Die Donau-Soja-Association warnt vor folgendem Worst-Case-Szenario: Ein gesunder Erwachsener dürfte ein Stück Tofu von 200 Gramm nur alle zwei Monate konsumieren. „Erschreckend“: So bezeichnen Vertreter aus dem Handel den Vorstoß hinter vorgehaltener Hand. Einige Unternehmen beschäftigen sich bereits mit dem Thema, wollen sich dazu aber noch nicht äußern.
Sojamarkt bedroht
Balpro-Chef Ziemßen sieht die Tragweite klar: „Sollte die Efsa zu ähnlich restriktiven Empfehlungen gelangen wie die Anses, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf den gesamten europäischen Markt für Sojalebensmittel. Betroffen wären nicht nur Hersteller pflanzlicher Alternativen, sondern auch traditionelle Sojaprodukte wie Tofu, Tempeh oder Sojajoghurt. Ein solches Szenario würde die Verbraucherwahl erheblich einschränken und die Investitionssicherheit im Sektor beeinträchtigen.“
Jörg Pfirrmann hält die kursierenden Grenzwerte für nicht plausibel: „Die Grenzwerte, die im Gespräch sind, wirken sehr scharf. Das passt aus unserer Sicht nicht zusammen. Wenn so etwas kommt, hätten Unternehmen wie wir ein Riesenproblem.“ Leopold Rittler von der New Original Company mahnt zu wissenschaftlicher Sorgfalt: „Grundsätzlich ist uns wichtig, dass solche Themen auf einer fundierten wissenschaftlichen Basis und im Kontext realistischer Verzehrgewohnheiten bewertet werden.“
Donau-Soja fordert einen Bewertungsrahmen, der das gesamte wissenschaftlich fundierte Wissen berücksichtigt und zugleich auf realistischen europäischen Verzehrdaten basiert. Die Vereinigung verweist auf Efsas eigene Überprüfung von 2015, die selbst bei Nahrungsergänzungsmitteln in einer Dosierung weit oberhalb typischer Nahrungsaufnahme keinen Schaden nachwies. Groß angelegte Studien in asiatischen Populationen mit deutlich höherer Sojaaufnahme zeigten keine erhöhten Risiken, in manchen Fällen deuteten die Daten vielmehr sogar auf günstige Zusammenhänge. Die Behörden dürften Isoflavone nicht als Kontaminanten einstufen und müssten gesundheitliche Nutzen und Risiken gemeinsam bewerten, so die Forderung.
Potenzial trotz politischer Risiken
Was die Politik entscheidet, wird den Markt direkt beeinflussen. Gerade im Bereich der Fleischalternativen liegen Wachstumschancen für Lebensmittelhandel und -industrie. „Das Interesse von uns und der gesamten Kategorie liegt darin, die Käuferreichweite zu steigern“, betont Pfirrmann. Voraussetzung seien die richtigen Produkte und überzeugender Geschmack. „Denn Menschen, die die Kategorie zum ersten Mal ausprobieren, springen bei schlechter Qualität und schlechtem Geschmack sehr schnell wieder ab. Dann schadet das der gesamten Kategorie“, so Pfirrmann. Damit kommt er zurück zu den Aspekten, die Hersteller und Händler selbst in der Hand haben: ein attraktives Angebot im Veggie-Regal.
Nach wie vor ist das Potenzial groß. Eine neue Studie zu den Ernährungspräferenzen junger Menschen unter Mitarbeit von Achim Spiller (Universität Göttingen), Experte für Konsumverhalten, zeigt: Nur noch 50 Prozent der Bundesbürger zwischen 16 und 29 Jahren bezeichnen sich als omnivor, also Allesesser. Im Rahmen der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2021 gaben noch 64 Prozent der jungen Menschen an, sich omnivor zu ernähren. Der Anteil fleischloser Ernährung stieg im gleichen Zeitraum von 12 auf 21 Prozent.
Das Segment warme Küche wachse, Aufschnitt- und Brotartikel performten unterdurchschnittlich, sagt Pfirrmann. Gerade für jüngere Generationen spielten Snacking und Convenience eine größere Rolle. Der Hersteller reagiert darauf: Neue Produkte wie veganer Schinken müssen sowohl kalt als auch warm, zugleich als Brotbelag und Pizzabelag funktionieren. Zudem setzt die Rügenwalder Mühle stärker auf die Renovation bestehender Rezepturen. Pfirrmann: „Wir wollen bestehende Produkte besser machen, mit noch besserem Geschmack, aber auch mit kürzeren Zutatenlisten.
Treiber: Besser für mich
Das Thema persönliche Gesundheit und das Motto „Besser für mich“ würden gesellschaftlich deutlich relevanter, erklärt Pfirrmann den Hintergrund dieser Entwicklung. Und: „Es geht heute mehr um Sicherheit – nicht nur im politischen Sinne, sondern auch ganz persönlich: Wie geht es mir finanziell? Wie sicher fühle ich mich? Auf diese Verschiebung müssen alle Marktteilnehmer reagieren, nicht nur wir“, sagt der Geschäftsführer.
Laut Carsten van Beek, Head of Sales bei Like (Livekindly Collective), sind vertraute Produktformate einer der wirkungsvollsten Hebel, um neue Käufer in die Kategorie zu bringen. Dies beweise die positive Entwicklung der „Crunch“-Linie unter der Marke – panierte Produkte mit hohem Convenience-Grad, die der Handel sofort flächendeckend listete, so das Unternehmen. Like wächst nach eigenen Angaben mit plus 12 Prozent stärker als der Gesamtmarkt mit plus 10 Prozent und legt im Umsatz doppelt so stark zu wie der Marktführer.
Um als Marke im Regal zu bestehen, ist für das Unternehmen Biovegan in Zukunft vor allem eines ausschlaggebend: „Wer nicht mit innovativen Sortimenten kommt, die der Handel nicht als Eigenmarke hat, wird schlicht keinen Platz finden“, sagt Biovegan-Chef Lindlein. Innovation entsteht bei Biovegan buchstäblich draußen: Das Unternehmen hat in Berlin ein Trendbüro mit zwei Mitarbeitern eingerichtet. „Berlin ist dem Rest Deutschlands im Food-Bereich locker fünf bis zehn Jahre voraus. Dort entsteht oder landet, was aus Asien oder Übersee kommt. Unser Hauptmitarbeiter dort ist ein leidenschaftlicher Backpacker, der monatelang durch Asien und Amerika reist und aufschreibt, was er sieht“, so Lindlein. Punktuell nutzt das Unternehmen auch KI-gestützte Tools.
Ein Erfolgsprodukt, das die Trendscouts aus der indischen Küche entwickelt haben: veganes Rührei zum Anrühren. Es basiert nicht auf Tofu oder Soja, sondern auf Kichererbsen. Damit ist es ballaststoff- und proteinreich. Um dieses Produkt habe sich eine echte Fangemeinde aufgebaut, die Nachfrage verdoppele sich jedes Jahr. Lindlein sieht Clean-Label-Konzepte als Hebel für mehr Wachstum. Paradebeispiel hierfür ist der vegane Speck aus Shiitakepilzen, der einzigen Zutat. Neuestes Produkt: der vegane Cheesecake, ein Tiefkühlprodukt mit Sojacreme als Basis und kurzer Zutatenliste. Die Entwicklung hat ein Jahr in Anspruch genommen, bis das Team sichergestellt hatte, dass der Kuchen beim Einfrieren und beim Auftauen stabil bleibt und schmeckt.
Die Beispiele zeigen: Das Veggie-Regal sortiert sich neu. Bessere Produktqualitäten, Innovationen und Resilienz werden zur Voraussetzung für Wachstum.