Knapp ein Jahr nach der Bundestagswahl fällt die Zwischenbilanz der deutschen Fleischbranche leicht ernüchternd aus. Auf einer Podiumsdiskussion beim 34. Deutschen Fleischkongress der Lebensmittel Praxis mit Vertretern aus Politik, Handel und Landwirtschaft wird deutlich, wie weit politische Versprechen, Marktziele und die Realität in den Ställen noch auseinanderliegen.
Im Zentrum der Kritik steht aus Sicht der Fleischwirtschaft die Bundesregierung, wie bei der Veranstaltung auf dem Petersberg bei Bonn deutlich wurde. „Ich bin total enttäuscht von dieser Regierung“, sagt Dr. Wilhelm Uffelmann, Vorstandsvorsitzender der Westfleisch. Man habe auf Reformen gehofft – beim Standort, beim Bürokratieabbau, bei der Entlastung der Wirtschaft. Stattdessen verweist Uffelmann auf eine hohe Staatsverschuldung und Warnungen der Wirtschaftsweisen, wonach der Bundeshaushalt ab 2029 im Kern nur noch Soziales, Verteidigung und Zinsen bedienen könne. An einen wirklichen Abbau der Regulierungsflut glaubt er nicht mehr: Es fehle ihm „die Fantasie“, wie das noch gelingen solle.
Aus der Politik kommt Widerspruch – aber nur ein wenig. Christoph Frauenpreiß, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz, will das pauschale Urteil so nicht stehen lassen. Zugleich räumt er ein, dass „man in Summe noch nicht zufrieden“ sein könne mit dem, was erreicht wurde. Frauenpreiß verweist auf konkrete Ziele: 25 Prozent weniger Bürokratiekosten innerhalb von vier Jahren, ein neues Ministerium für Staatsmodernisierung und Digitalisierung, das Druck auf andere Ressorts ausüben soll. Im Bereich Tierwohl setzt er auf eine Verlagerung der Förderung in die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) sowie auf Anpassungen von Bau- und Umweltrecht, damit Stallumbauten für mehr Tierwohl einfacher möglich werden. Noch vor der Sommerpause solle ein entsprechender Entwurf vorliegen.
Der Handel ist optimistischer
Während Politik und Fleischwirtschaft ringen, gibt sich der Lebensmitteleinzelhandel deutlich optimistischer. Emilie Bourgoin, Group Director Public Affairs, formuliert ein klares Ziel: Bis 2030 soll im Frischfleischsortiment vollständig auf die höheren Haltungsstufen 3 und 4 umgestellt werden. Man sei „auf einem guten Weg“, räumt aber ein, dass die Umstellung die gesamte Kette fordere.
Noch weiter ist nach eigenen Angaben Aldi Süd. Dr. Julia Adou, Direktorin für Nachhaltigkeit, berichtet, dass beim Start des Haltungswechsels nur rund zehn Prozent des Frischfleischs aus höheren Haltungsformen stammten. Heute liege der Anteil bei über 60 Prozent in den Stufen 3, 4 und 5, bei der Milch sei die Zielumstellung bereits erreicht. Dahinter stehen detaillierte Fahrpläne für jede Tierart und langfristige Lieferverträge mit den Lieferanten – teils über sieben Jahre. Für Adou ist es „viel zu früh“, das Zielbild 2030 in Frage zu stellen: Ziele müssten in Meilensteine übersetzt werden, nicht vorschnell aufgegeben.
Doch die Realität in den Tierbeständen ist anders. Dr. Albert Hortmann-Scholten, ehemaliger Berater der Landwirtschaftskammer und früher in einer großen Erzeugergemeinschaft tätig, verweist auf eine Umfrage, die er dort Ende des vergangenen Jahres durchgeführt hat. Hinter der Organisation stehen 14 Millionen Schlachtschweine – ein relevanter Ausschnitt des Marktes. Das Ergebnis: Nur rund sieben Prozent der Tiere werden in den Haltungsformen 3 und 4 gehalten, fünf Prozent in HF3, zwei Prozent in HF4. Beim Rind sieht es besser aus, mit rund 20 Prozent bei Kühen und 17 bis 18 Prozent bei Jungbullen. Doch gerade Schwein und Geflügel, die mengenmäßig dominierenden Bereiche, bleiben deutlich zurück. Vor diesem Hintergrund fehle ihm „die Fantasie“, wie der Handel bis 2030 bei allen Fleischarten auf „hundert Prozent HF3/HF4“ kommen wolle.
Hortmann-Scholten fordert mehr Ehrlichkeit
Hortmann-Scholten mahnt außerdem mehr Ehrlichkeit im Umgang mit Zielkonflikten an. Wer auf Außenklima, Offenstall oder Bio setze, müsse wissen, dass sich bestimmte Nachhaltigkeitskennziffern verschlechterten: mehr Flächenbedarf, höhere Emissionen pro Kilogramm Fleisch, höhere seuchenhygienische Risiken. Aus seiner Sicht stellt die Haltungsformstufe 2 mit dem Konzept der Initiative Tierwohl (ITW) einen „Goldstandard“ dar, der Tierwohl, Umwelt und Wirtschaftlichkeit innerhalb der EU am besten austariere. Schon heute habe Deutschland nach Österreich und Irland die höchsten Produktionskosten in der Schweinehaltung im QS-Standard; jede weitere Auflage schwäche die internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Der Handel hält dagegen – mit Verweis auf Konsumentenerwartungen und Marktdynamik. Aldi-Managerin Adou berichtet von zahlreichen Kundenbefragungen. Viele Verbraucher hätten Schwierigkeiten, geschlossene, dunkle Ställe mit hoher Besatzdichte zu akzeptieren. Mehr Platz, Zugang zu Außenklima und geringere Tierzahlen pro Stall würden eindeutig eingefordert. Zugleich beobachtet Aldi Süd eine starke Nachfrage nach Bio- und Offenstall-Konzepten; das Unternehmen sieht sich in seinem Vertriebsgebiet als Marktführer im Bereich Bio-Frischfleisch. Langfristig, so Adou, rechneten Nichtregierungsorganisationen und viele Fachleute mit sinkendem Fleischkonsum. In einem solchen Szenario könne sich ein Markt herausbilden, der von weniger, dafür höherwertigen Konzepten geprägt sei.
„Die Wahrheit liegt an der Kasse“
Doch die Frage, wer die Mehrkosten dieser Konzepte trägt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Diskussion. Hortmann-Scholten fordert, die Verbraucher müssten ehrlich mit den finanziellen Folgen ihrer Ansprüche konfrontiert werden. „Die Wahrheit liegt an der Kasse“, sagt er. Westfleisch-Chef Uffelmann stimmt zu: Staatliche Subventionen verzerrten Märkte, am Ende entscheide das Verhalten von „Shopper“ und „Consumer“ am Regal. Er verweist auf die Diskrepanz zwischen Umfragewerten und tatsächlichem Kaufverhalten – insbesondere in Regionen mit niedriger Kaufkraft.
Der Handel wiederum betont, dass er bereits in Vorleistung gehe. Emilie Bourgoin erinnert an die Initiative Tierwohl, die von Handel und Schlachtwirtschaft finanziert wird, an zusätzliche Fonds für Ferkel sowie an die durch den Lebensmitteleinzelhandel entwickelte Haltungsformkennzeichnung.
Parallel begründet CDU-Politiker Frauenpreiß, weshalb die Politik einer dauerhaften Milliardensubvention nach dem Vorbild der Borchert-Kommission skeptisch gegenübersteht. Vier bis fünf Milliarden Euro jährlich seien in der gegenwärtigen Haushaltslage schwer zu verankern – und jede künftige Regierung könnte solche Programme wieder kippen. Seine Linie lautet: Der Staat solle vor allem die Rahmenbedingungen setzen – also Baurecht, Umweltrecht und Kennzeichnung praxistauglich gestalten und Wettbewerbsverzerrungen durch importierte Ware verhindern. Welche Haltungs- und Vermarktungskonzepte sich durchsetzen, müsse dann der Markt zeigen.
Problemfeld Tierhaltungskennzeichnungsgesetz
Ein zentraler Hebel soll dabei das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz sein. Die ursprüngliche Fassung galt als lückenhaft – insbesondere beim Umgang mit Importware und bei der Einbeziehung der Außer-Haus-Verpflegung. Frauenpreiß berichtet, die Koalition habe sich inzwischen auf eine Reform geeinigt. Künftig sollen die Regeln an erfolgreiche Marktsysteme wie die Initiative Tierwohl anschließen, auch ausländisches Fleisch erfassen und Gastronomie sowie Gemeinschaftsverpflegung einbeziehen. Ein weiterer Baustein ist das geplante „Downgrading“: Fleisch aus höheren Haltungsstufen soll bei Bedarf auch in niedrigeren Stufen vermarktet werden dürfen, um Ausschuss zu vermeiden und Kosten zu senken.
Aus Sicht des Handels ist entscheidend, dass die Logik der Kennzeichnung über alle Kanäle hinweg einheitlich ist. Emilie Bourgoin und Julia Adou betonen, wie wichtig es sei, dass auch Restaurants, Kantinen und Cateringunternehmen Haltungsformen ausweisen müssen. Nur wenn Kunden dieselben Kategorien im Supermarkt wie in der Gastronomie wiederfänden, könne Verständnis entstehen – und damit Fairness im Wettbewerb sowie echte Marktdynamik für Tierwohlprodukte.
Am Ende bleibt ein Spannungsfeld: Alle Beteiligten formulieren die gleiche Vision – mehr Tierwohl, mehr Transparenz, eine zukunftsfähige Tierhaltung in Deutschland. Es gibt unterschiedliche Meinungen. Und zwar darüber, wie dieser Anspruch in der Praxis eingelöst werden kann.