Es ist laut. Maschinen vibrieren, Hafer rauscht durch Rohre. Gleichzeitig wirkt der Maschinenraum der Mühle überraschend hell. Viel Weiß, fast blendend. Der Rohstoff erklärt diese Helligkeit sofort: helle Körner, feiner Staub, helle Oberflächen. Auch die Mitarbeiter fügen sich in dieses Bild. Die Müller tragen weiße Kleidung und Hauben. Dazu leuchtend gelben Gehörschutz.
Umso stärker sticht ein Mann heraus. Ein Mitarbeiter des Anlagenbauers tippt konzentriert auf der Touchscreen-Oberfläche der KI-gestützten Farbauslese – ganz in Schwarz gekleidet. In der weißen Umgebung wirkt er wie ein Fremdkörper, ein Markierungspunkt im Getriebe der Mühle. Fast erscheint das Bild ironisch, denn genau darum geht es in diesem Prozess der Farbauslese: Kameras erkennen Abweichungen, Luftdüsen pusten Kerne mit Farbfehlern gezielt aus dem Produktstrom.
KI überall dort, wo sie sinnvoll ist
Im August 2023 stieg Friedemann Wecker in die Geschäftsführung von Bauck auf. Er folgte auf Jan-Peter Bauck, Bio-Pionier und Gründer der Mühle. Unter Weckers Führung wuchs die Bauck Mühle zu einer der größten glutenfreien Mühlen Deutschlands. 2025 verarbeitete das Unternehmen 50.000 Tonnen Hafer, 2024 lag die Menge noch bei 25.000 Tonnen. Das Geschäftsjahr orientiert sich an der Landwirtschaft und endet im August. Ein wichtiger Hebel: der Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Dafür gibt es klare Regeln. Bevor neue KI-Systeme in der Produktion oder angrenzenden Bereichen starten, entscheidet ein interner Arbeitskreis über ihren Nutzen. Michael Host verantwortet die digitale Strategie der Bauck Mühle. Er prüft Einsatzmöglichkeiten in Marktforschung, Einkauf oder Qualitätssicherung. Ein zentrales Ziel bleibt die durchgängige Nutzung von Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Auch die Zusammenarbeit mit einer lokalen KI zählt zu den strategischen Vorhaben der Mühle.
Sieben Lkw pro Tag
Lastwagen rollen vor das Tor der Bauck Mühle in Rosche in der Lüneburger Heide. Sie bringen das, was später in Hunderten Regalen landet: Hafer. Roh und noch weit entfernt von einer knackigen Flocke. Bevor auch nur ein Korn in die Produktion gelangt, prüft ein Team am Wareneingang jede Lieferung. Ein Mitarbeiter schneidet die Plombe auf, die sicherstellt, dass niemand den Lkw zwischen Beladen und Abladen geöffnet hat.
Herkunft und Strecke spielen eine zentrale Rolle. Mehr als 250 Kilometer soll der Hafer für das Bauck-Früchte-Hafermüsli nicht zurückgelegt haben. Rund sieben Lkw erreichen die Mühle pro Tag. Das entspricht doppelt so vielen Lieferungen wie noch ein Jahr zuvor. „Dieses Tempo fordert das gesamte Team“, sagt Wecker.
Acht Mal sticht ein Probenahmegerät von oben in den Hafer. Ähnlich wie ein Staubsauger zieht es Material an und transportiert die Proben direkt ins Labor. Dort beginnt die eigentliche Qualitätsarbeit. Die Prüfer riechen am Hafer, messen die Feuchtigkeit und suchen nach Fremdkörpern. Sie kontrollieren genau, ob sich Weizenkörner unter den Hafer gemischt haben. Das gilt als kritischer Punkt, denn Hafer bringt von Natur aus kein Gluten mit. Schon geringe Weizenanteile würden diese Eigenschaft aufheben. Erst wenn alle Tests positiv ausfallen, darf der Lkw seine Ladung ausschütten.
Grundlage für das starke Wachstum bildete der Eintritt der Marke Bauck Mühle in den Lebensmittelhandel, der 2016 anlief. Zu diesem Zeitpunkt suchten Händler gezielt Produkte mit Demeter-Zertifizierung. Wecker, von 2015 bis 2021 Geschäftsführender Vorstand des Demeter-Verbands, spricht von einem sprichwörtlichen roten Teppich, der damals für Hersteller in Verbandsqualität ausgerollt wurde. Gleichzeitig gelten hohe Anforderungen. Händler müssen etwa einen speziell für Demeter-Produkte geschulten Mitarbeiter im Haus haben.
Parallel zum operativen Wachstum prüfte Bauck zuletzt auch strategische Optionen. Jan-Peter Bauck und Volker Krause, Gründer und langjähriger Geschäftsführer der Bohlsener Mühle, führten intensive Gespräche über eine vertiefte Zusammenarbeit, entschieden sich am Ende jedoch gegen eine Umsetzung der ursprünglich angedachten Vorhaben.
Welchen Wert hat ein Lebenswerk? Diese Frage schwingt auf den Gängen in Rosche mit. Die Nachfolge der Bauck Mühle liegt in Weckers Händen. Er hält fünf Prozent der Unternehmensanteile. Die Bohlsener Mühle wird von der MDS Holding übernommen, ein familiengeführter Großhandels- und Food-Spezialist. Dass sich eine der ersten großen Kampagnen nach der Übernahme der Bohlsener Mühle auf das Müsli-Sortiment richtet und beispielsweise nicht auf Kekse, die Bauck gar nicht im Sortiment hat, blieb in Rosche nicht unbemerkt.
Qualitäten und Spezifizierung
20 Silos lagern die Rohware. Sie speichern den Hafer, der die Grundlage für das Müsli bildet. Bauck arbeitet mit einer großen Bandbreite an Qualitäten. Über 17 verschiedene Haferqualitäten bietet die Mühle an. Rund 50 Prozent des Hafers stammen aus Verbandsqualitäten wie Demeter, Bioland oder Naturland. Zwei Produktionslinien und eine Mehlmühle verarbeiten die Rohware. Insgesamt bietet Bauck 574 Spezifizierungen an – vom Rohstoff für Hafermilch bis zu Qualitäten für Babynahrung.
Die Anforderungen beginnen lange vor dem Wareneingang. Anbautechnisch gilt Hafer nicht als Selbstläufer. Wecker erklärt, dass das Unternehmen über viele Jahre Vorreiter bei den Vertragslaufzeiten mit Landwirten war. Jan-Peter Bauck setzte bewusst auf sehr lange Verträge von bis zu sechs Jahren. Der wichtigste Rohstoff der Mühle sollte in der Fruchtfolge weiter nach vorne rücken. Je früher Hafer in der Fruchtfolge steht, desto besser ist der Schwefelgehalt im Boden.
Die Pflanze wird widerstandsfähiger, die Qualität steigt. Hafer lässt sich auch zwei Jahre hintereinander anbauen. Die Abfolge der Kulturen spielt für Mühlen eine entscheidende Rolle. Steht Weizen vor Hafer, kostet das Aussortieren dieser Getreideart deutlich mehr Zeit, da sie häufiger im Produktstrom vorkommt. Die langen Verträge gaben Landwirten die nötige Planungssicherheit, um diese Fruchtfolgen umzusetzen. Für Bauck und die Landwirtschaft entstand über Jahre ein stabiles System.
Mit der Ukraine-Krise änderte sich das. Große Marktschwankungen machten kürzere Laufzeiten notwendig. In dieser Phase schloss Bauck keine neuen langfristigen Verträge ab. Heute liegen die Laufzeiten bei ein bis zwei Jahren. Ziel bleibt es, künftig wieder längere Verträge zu vereinbaren, von denen beide Seiten profitieren.
Die Anbaufläche für Hafer in Deutschland ist auf 187.000 Hektar gestiegen. Erstmals seit 2005 wurden wieder rund 900.000 Tonnen Hafer geerntet. Besonders herausfordernd bleibt die Situation bei Verbandsware. Demeter-Bauern müssen beispielsweise ab einer bestimmten Betriebsgröße Tiere halten und biodynamische Präparate ausbringen. Der Demeter-Anteil, den die Bauck Mühle verarbeitet, sinkt proportional zum starken Wachstum.
Format für Führungskräfte
Für die Führungskräfte der Bauck Mühle gibt es jede Woche einen zwischen sieben und zehn Minuten langen Videoinput von der ehemaligen Journalistin und Influencerin Laura Lewandowski. „Das Format AI Americano soll Bauck mit exklusiven Inhalten einen wirtschaftlichen Vorteil bringen“, sagt Lewandowski. Mit einem Team von vier Mitarbeitern erstellt sie die Inhalte mit Schwerpunkt auf Themen rund um KI.
Exklusive Inhalte
Das Format lässt sich Wecker einen „nicht ganz sechsstelligen“ Betrag kosten, wie er sagt. Seine Begründung: „Es geht letztendlich um Geschwindigkeit.“ Auch Lebensmittelhändler wie Globus-Geschäftsleiter Patrick Schlüter setzen auf maßgeschneiderte Medienangebote. Bei Schlüter ist es ein für seine Mitarbeiter exklusiver Podcast mit Ernährungswissen.
Viel Technik zur Verarbeitung
Nach der Einlagerung beginnt die technische Verarbeitung. Die Mühle in Rosche erstreckt sich über sieben Stockwerke. Die Schwerkraft unterstützt den Weg des Hafers durch die Anlage. Ein Treppenhaus mit Aufzug verbindet die Ebenen. An jeder Tür weist ein Schild aus, wer für die Bodensauberkeit zuständig ist.
Aus dem Silo läuft das Getreide zunächst über einen Magnetreiniger, der metallische Fremdkörper aus dem Produktstrom zieht und die Anlagen schützt. Anschließend sortiert der Plansichter das Material über mehrere Siebdecks nach Größe und Gewicht. Strohteile, Sämereien und Fremdgetreide scheiden aus.
Es folgt die Steinauslese. Luftstrom und Vibrationen nutzen die unterschiedlichen Dichten: Leichte Haferkerne sinken nach unten, Steine wandern nach oben und verlassen den Prozess. Der Trieur, eine rotierende Trommel, sortiert anschließend zu lange Körner aus. Länge und Form entscheiden, welche im Produkt bleiben.
In der ersten Farbauslese erkennt künstliche Intelligenz Kerne mit Farbfehlern und pustet sie aus. Der Fliehkraftschäler löst verbliebene Hüllen, der Hülsenumluftseparator trennt sie mithilfe von Luft. Zwei Tischauslesen prüfen Gewicht, Form und Struktur der Körner. Danach kontrolliert eine zweite Farbauslese den Materialfluss erneut.
Der Trommelgrützer trennt ganze Kerne von gegrütztem Hafer. Diese Entscheidung bestimmt die spätere Verwendung: Ganze Kerne bleiben erhalten, gegrützter Hafer bildet die Basis für Zartblatt- und Kleinblattflocken. Im Dämpfer gleiten die Kerne langsam nach unten. Der Dampf erreicht 90 Grad Celsius und bereitet den Hafer auf das Flockieren vor. Im Flockierstuhl pressen Walzen die Körner in Form. Direkt im Anschluss trocknet der Fließbetttrockner die Flocken. Die fertige Ware fließt in die Fertigsilos.
Nun beginnt die Mischphase. Mitarbeiter geben Haferflocken, weitere Getreidebestandteile oder spätere Zutaten nach Rezept in die Mischbehälter. Ein Wellenmischer sorgt für eine gleichmäßige Verteilung. Jede Mischung folgt klaren Vorgaben, denn jede Spezifizierung verlangt eine eigene Zusammensetzung. Nach dem Mischen erreicht das Müsli die Abfüllung. Maschinen füllen das Produkt in Beutel. Den Verschluss übernehmen derzeit noch die Hände der Mitarbeiter. „Wir wollen diesen Schritt automatisieren“, sagt Wecker. In der Produktion bleiben mehrere Stellen unbesetzt. Wachstum lasse sich künftig nur noch mit Automatisierung realisieren, ist Wecker überzeugt. Gleichzeitig sichere genau dieses Wachstum die Arbeitsplätze im Unternehmen.
Die Arbeitgeberkonkurrenz in Rosche ist hoch. Rheinmetall oder Südzucker zählen zu den großen Arbeitgebern in der Region und zahlen teils hohe Gehälter. Die Überzeugung, bei Bauck Produkte herzustellen, die einen positiven Unterschied machen, kann zum entscheidenden Punkt werden. „Ich habe schon den Wehrdienst verweigert, da will ich auch nicht bei Rheinmetall arbeiten“, sagt Lagerlogistiker Norbert Wolff.
Die fertigen Verpackungen rollen auf Paletten. Das Lager bietet Platz für 7.500 Palettenstellplätze. Bei Bauck arbeiten die Mitarbeiter mit chaotischer Lagerhaltung. Die Produkte liegen nicht an festen Orten, sondern dort, wo gerade Platz ist. Digitale Systeme behalten den Überblick. Auch im Lager plant das Unternehmen die nächsten Schritte, etwa papierloses Kommissionieren. In den anderen Bereichen ist das bereits umgesetzt.
Erfolgreich auch im E-Commerce
Von hier aus verlässt das Früchte-Hafermüsli per Lkw die Mühle zum Handel. Parallel gewinnt der eigene Online-Shop an Bedeutung. Hannes Öhler, seit Januar Geschäftsführer E-Commerce, stellte den Shop Anfang 2024 gemeinsam mit seinem Team auf eigene Beine. Innerhalb eines Jahres steigerten sie den Monatsumsatz von 40.000 auf 100.000 Euro.