Hohe Kakaopreise, hohe Stromkosten, viel zu viel Bürokratie, ein gestörter Welthandel, sparsame Verbraucher: Die Gemengelage für die süße Branche ist derzeit alles andere als einfach. Zumal sich auch die Ansprüche der Konsumenten geändert haben: Süßwaren müssen heute ihren Beitrag zu einem gesunden Leben leisten – Stichworte sind proteinreich, zuckerarm oder am besten zuckerfrei (natürlich bei vollem Geschmack), Nährstoffe oder Vitamine sollen sie auch enthalten. Da sind Ideen gefragt, Visionen, die wirtschaftlich darstellbar sind und beim Verbraucher ankommen.
Helfen will hier die Kölnmesse: Wenn sich am 1. Februar die Messehallen zur Internationalen Süßwarenmesse (ISM) öffnen, gibt es jede Menge davon. Eines bleibt allerdings wie im vergangenen Jahr: Halle 10.1 ist zentrale Anlaufstelle für alle, die wissen wollen, was die Trends von morgen oder übermorgen sind und was demnächst in den Regalen des Handels stehen könnte.
Auch wenn die Corona-Delle noch nicht ganz überwunden ist, „wachsen wir kontinuierlich und auch mit erfreulichen Zuwachsraten“, sagt Sabine Schommer, Director ISM. 2026 geht sie von circa 1.600 Ausstellern aus (siehe auch Text S. 71). Ein guter Teil der positiven Entwicklung der Ausstellerzahlen der Messe wird auch getragen durch die Weiterentwicklungen bei der Pro Sweets. Dieser Messeteilbereich dreht sich um die Themen Maschinen und Verpackung. Mit der ISM Ingredients, die als eigene Fachmesse aus der Pro Sweets Cologne ausgegliedert wird, „hat sich dieser Bereich in der Ausstellerzahl mehr als verdoppelt gegenüber 2025“, freut sich Guido Hentschke. Er ist Director ISM Ingredients und Pro Sweets Cologne.
Diese Fachmesse bietet allen jenen Raum, die Rohstoffe anbieten, Zutaten (engl. Ingredients) sowie Halbfabrikate. „Das stieß bisher wirklich auf hervorragende Resonanz“, sagt Hentschke, schon seit Anfang Oktober sind die Flächen ausgebucht. „Damit bilden wir die gesamte Wertschöpfungskette ab.“
Zu den Ausstellern gehören unter anderem das weltweit tätige Unternehmen Cargill. Im Mittelpunkt des Auftritts steht der kakaofreie Schokoladenersatz Next-Coa. Dieser zeichnet sich laut Cargill durch einen 67 Prozent geringeren CO₂-Fußabdruck und 95 Prozent weniger Wasserverbrauch (gegenüber klassischen kakaobasierten Schokoladen) aus. Zutaten- und Aromenhersteller Döhler aus Darmstadt präsentiert nachhaltige und multisensorische Konzepte für Süß- und Backwaren sowie Snacks und Eiscreme.
Für absolut spannend hält Hentschke das Start-up Calowry aus Kanada: „Die Gründer Glenn H. Coulter und Hal P. Chouinard sagen, dass sie derzeit die Einzigen weltweit sind, die ein Verfahren zur Schokoladenherstellung auf Basis von Schokolade, Kokosfasern und Wasser entwickelt haben. Gerade vor dem Hintergrund der steigenden Kakaopreise ist das natürlich ein unglaublich interessanter Ansatz.“ Calowry heißt auch das Produkt: Der Name kombiniert Calory (engl. Kalorie) mit low, also niedrig. Das Produkt könne, so der Hersteller auf seiner Internetseite, in der Schokoladenproduktion mit einem Anteil von bis zu 25 Prozent eingesetzt werden. So ließen sich Zucker- und Fettgehalt der Schokolade ohne Abstriche bei Geschmack und Konsistenz des Endproduktes reduzieren – von den gesunkenen Produktionskosten nicht zu reden. Wer mehr wissen will, wer Geschmacksprofil oder Mundgefühl testen will, der sollte sich aufmachen zur ISM Ingredients in Halle 10.1 (Stand G078/F07). Das Unternehmen ist dort auf einer Fläche von 100 Quadratmetern auch der größte Aussteller, wie Hentschke sagt. Außerdem spricht Kate Wilson, sie ist Food-Technologin bei Calowry, am Montag und Dienstag, 2. und 3. Februar, jeweils von 14.20 bis 14.40 Uhr, auf der Talks & Tasting Stage in Halle 10.1: „Schmecken Sie feste Schokolade aus Wasser.“
Neu ist auch der Bereich „Functional Sweets“. Konsumenten suchten nach Produkten, „die Genuss mit einem Mehrwert für Gesundheit und Wohlbefinden verbinden“, sagt Director ISM Sabine Schommer. Standort ist das „Lab5 by ISM“ in Halle 10.1.
Start-up-Pitches
Etwas schleppend lief es anfangs mit den Anmeldungen von Start-ups oder jungen Unternehmen. Doch inzwischen ist Sabine Schommer sehr zufrieden: „Aktuell sind 31 Start-ups und Scale-ups aus 16 Ländern dabei. Das ist ein tolles Zeichen für die Innovationskraft der Branche und zeigt den Stellenwert der ISM als Sprungbrett in den Markt.“ Ein neues Format ist der „ISM Start-up Pitches Award“: Die Gründer präsentieren ihre Idee live auf der Bühne – und damit auch live vor der Jury, die ihnen gegenüber sitzt. Kritische Nachfragen müssen also direkt beantwortet werden. Die Bewertung gibt es auch gleich. Für jeden Pitch sind fünf Minuten Präsentation und drei Minuten Feedback vorgesehen. In der Jury sitzen unter anderem Markus Kuntke (Head of Trend and Innovation, Rewe International) sowie Fabio Ziemssen (Partner bei Zintinus, Food Venture Capital). Treffpunkt ist am Montag, 2. Februar, 12 bis 13.30 Uhr, auf der Talks & Tasting Stage in Halle 10.1.
Sabine Schommer hat zudem Tipps für Kaufleute. Etwa die Vorträge von Innova Market Insights „Top Trends in Sweets and Snacks“ sowie „Better for you snacking – when function comes first“ (1. Februar, 16.20 bis 16.50 Uhr; 3. Februar, 10 bis 10.30 Uhr, Expert Stage auf dem Boulevard vor Halle 4). Einmal um die Welt, wie Schommer sagt, schaut Euromonitor unter dem Titel „What’s next in Snacks?“ (1. Februar, 10.30 bis 11 Uhr, ebenfalls Expert Stage).
Wie sich Süßwaren besser verkaufen, darüber spricht der Gründer und CEO von Foodboom, Sebastian Heinz, unter dem Motto „Creation, Emotion, Conversion: Erfolgsrezepte für Retail Media“ (1. Februar, 15.30 bis 15.50 Uhr; 3. Februar, 11.20 bis 11.40 Uhr). Treffpunkt ist jeweils die Talks & Tasting Stage in Halle 10.1 (Stand A61/E78). „Data to Shelf: Using Location Intelligence to De-Risk Store Expansion and Drive Retail Growth“ (2. Februar, 15.30 bis 16 Uhr, Expert Stage) ist das Thema von Finn Geiger, Mitgründer von Mapular. Er will, vereinfacht gesagt, verdeutlichen, wie sich die Sichtbarkeit auf Tiktok und Instagram zu mehr Abverkauf im Markt ummünzen lassen kann.
Die Corona-Delle ist nicht ganz überwunden. Aber: „Das Ziel ist in Sicht“, sagt Director ISM Sabine Schommer. 2020, im Jahr der 50. ISM, gab es mit mehr als 1.700 Ausstellern einen Rekord. Da sind die Kölner zwar noch nicht wieder, „aber wir wachsen kontinuierlich und auch mit erfreulichen Zuwachsraten“. 2026 geht Schommer von circa 1.600 Ausstellern aus. Die herausfordernde Lage schlägt sich also in den Ausstellerzahlen nicht nieder. Und doch sind Veränderungen zu sehen, etwa im etwas kleineren Fachhandelsbereich. Unternehmen, die vorwiegend Schokolade herstellten oder edle Trüffel, „für die ist das Geschäft derzeit sehr angespannt“. Auch einzelne Länderpavillons spiegelten die Lage: „Der ein oder andere Gruppenteilnehmer verkleinert seine Fläche. Wir hören auch, dass einige von ihnen wirtschaftlich stark unter Druck stehen, da sie die Kostensteigerungen nicht im benötigten Maß an die Kunden weitergeben können.“ Gleichzeitig sei Private Label ein großes Thema. Etwa die Hälfte der Aussteller gebe an, auch Handelsmarken herzustellen, sagt Schommer: „Auf der ISM gibt es damit das weltweit größte Angebot an Handelsmarken im Bereich Süßwaren und salzige Snacks.“
Zielgruppe jüngere Besucher
„Wo haben sich die längsten Schlangen gebildet bei der ISM 2025?“: Diese rhetorische Frage beantwortet Sabine Schommer lachend gleich selbst: „Vor dem Greifautomaten ‚Get Your Gismo‘ auf dem Boulevard.“ Gismo heißt das ISM-Maskottchen, passend zur Markenfarbe natürlich schön pink. Aufsehen erregte auch der mehr als zwei Meter große Gismo, der über die Messefläche ging: Meist kam er nur wenige Schritte voran, weil sich immer wieder Menschen mit ihm fotografieren lassen wollten. Auch an den anderen sogenannten Fotopoints waren immer viele bestens gelaunte Menschen und fotografierten sich. „Das wurde in Social Media gepostet, und wir hatten für unsere Messe eine enorme Reichweite“, freut sich Schommer. Nach der ISM 2025 wurden die jüngeren Teilnehmer der Messe, also bis 35 Jahren, gefragt, was sie von diesen Aktionen gehalten haben. „Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen, und das hat uns bestärkt, diesen Weg weiterzugehen.“
Gleichzeitig wurde deutlich, wie stark die emotionale Bindung der jüngeren Menschen an die Veranstaltung ISM ist. „Es sind ja viele inhabergeführte Unternehmen unter den Ausstellern, da waren die Kinder zum Teil schon von klein auf mit dabei.“ Und etliche sagten: „Die ISM gehört zur Familie.“
2026 gibt es also wieder einen Gismo-Greifautomaten. Das Maskottchen ist auch wieder unterwegs. „Wir haben zudem schöne Fotohintergründe, wo man Selfies machen kann oder sich mit den Kollegen fotografieren lässt“, sagt Schommer. Sie nennt das „Eventisierung“. Ein DJ ist zu Gast beim „Get Together“ am ISM-Dienstag in der Halle 10.1. Für Bier und Drinks ist gesorgt. Statt des ISM Dinners für geladene Gäste gibt es am Messesonntag (1. Februar) im Confex-Gebäude die erste ISM Opening Night für alle. Mit Live-Band, aber auch etwas chilligeren Bereichen. Zwangloser und noch familiärer.