Fahrt mit... Nina Gerhardt war Kaufland-Managerin – wie sie jetzt den Einkauf von Knuspr sortiert

Hintergrund

Nach 20 Jahren bei Kaufland startet Nina Gerhardt beim Lieferdienst Knuspr. Sie soll Struktur bringen – ohne den geringsten Tempoverlust.

Donnerstag, 05. Februar 2026, 07:40 Uhr
Elena Kuss
Nina Gerhardt
Nina Gerhardt hat ihre eigenen Schlittschuhe in die Eishalle in Heilbronn mitgebracht.
Nina Gerhardt startete ihre Karriere bei Kaufland 2006 als Trainee. Es folgten verschiedene Führungspositionen, zuletzt als internationale Bereichsleiterin für Wurstprodukte, Convenience und Fleischalternativen. Seit Juli 2025 leitet sie den Einkauf für Deutschland und Österreich bei Knupr und Gurkerl. Bildquelle: Fernando Fath

 Nina Gerhardt steht auf der Eisfläche und streckt ihre Hand der spürbar unsicheren Reporterin hin. „Willst du eine Hand haben?“, fragt sie. Nach einer Runde auf dem Eis Hand in Hand lacht Gerhardt. „Meinen Kindern sage ich immer: besser ohne Hand. Wenn du fällst, fallen wir beide. Versuch’s ohne.“ Und es klappt. Besser. Ohne Hand. Gerhardt steht sicher auf den Kufen. Sie fährt häufig mit ihren beiden Kindern in die Eishalle in Heilbronn.

An der Bande der Eislauffläche prangt Werbung für die Schwarz-Gruppe, Gerhardts alten Arbeitgeber. Im Sommer 2024 wurde sie freigestellt. Seit Juli 2025 arbeitet sie als Commercial Director beim Online-Lebensmittellieferdienst Knuspr. „Eigentlich war geplant, dass ich bis Ende des Jahres Pause mache“, sagt sie, „aber Knuspr hat mich einfach geheadhuntet.“ Gerhardt erzählt das mit einem Lächeln, das ahnen lässt, dass sie selten lange stillsteht. Sie habe kein Problem mit Pausen, sagt die erfahrene Einkäuferin. Um ihre eigene Aussage zu unterstreichen, ergänzt sie: „Ich liebe Wellness.“

Zwanzig Jahre verbrachte sie bei Kaufland, zuletzt als Bereichsleiterin der Kaufland Stiftung für Wurstprodukte, Convenience und Fleischalternativen. „Ich hab mir einen Screenshot gemacht, den will ich dir zeigen“, sagt sie später, beim Schlittschuhe-Ausziehen auf der Tribüne. Sie setzt sich eine Stufe höher – auf die gleiche Stufe, auf der die Reporterin sitzt – und zückt ihr Smartphone. „It’s not for everyone“, liest sie aus einem gescreenshotteten Linkedin-Post des tschechischen E-Food-Händlers Rohlik, zu dem Knuspr gehört, vor. „We call it the Rohlik coaster“, liest sie weiter und nickt. „Das ist schon heftig, aber es beschreibt meinen Einstieg ziemlich gut.“

Alles in Bewegung

In ihrer ersten Woche bei Knuspr sollte sie bei den Konsumentengesprächen dabei sein, erzählt Gerhardt. Knuspr lädt regelmäßig Kunden ein, um genau zu verstehen, wie sie den Service erleben. Gerhardt beobachtete, wie die Entwickler an ihren Laptops arbeiteten, während die Testpersonen erzählten. „Und wenn eine Mutter von drei Kindern, gerade frisch geschieden, sagt, dass sie eine Aktion nicht versteht, dann wird das live geändert“, so Gerhardt. Live heißt bei Knuspr wirklich: sofort. Noch während die Nutzerin spricht, steht die neue Version online.

Gerhardt lächelt. „Knuspr nimmt seine Kunden sehr ernst“, sagt sie und betont das „sehr“, als wolle sie es doppelt unterstreichen. „Mit weiterem Wachstum wird sich die Art dieser Nähe sicherlich wandeln – entscheidend ist, die richtigen Strukturen zu schaffen“, ergänzt sie. Der Onlinehändler liefert derzeit in München, Frankfurt und nach der Übernahme von Bringmeister auch in Berlin. Hamburg und die Rhein-Main-Region sollen folgen.

Vor dem Treffen hat Gerhardt mit ihren Kindern und ihrem Mann Tennis gespielt, nach der Eishalle will sie mit der Familie essen gehen. „Für ein Unternehmen umzuziehen, käme im ersten Jahr für mich kaum infrage“, sagt sie. Aktuell pendelt sie von Heilbronn nach München. Drei Tage pro Woche ist sie im Knuspr-Headquarter vor Ort. Ihre Kinder sollen an der Josef-Schwarz-Schule in Heilbronn bleiben. Ihr Mann arbeitet Vollzeit bei einem Spezialisten für Montage- und Befestigungsmaterial, übernimmt nachmittags die Kinder. „Die finden es gut, dass ich wieder arbeite“, sagt Gerhardt. Einkäufer optimieren zu gerne, sagt sie. Aber Familienleben solle eben auch mal nicht perfekt laufen dürfen.

Gerhardt stammt aus dem Saarland, hat in Mannheim Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing studiert. Lernen fällt ihr leicht – oder besser: Leisten. Abitur mit 1,2, viele Praktika, klare Ziele. Ihren Mann lernte sie bei einem davon kennen – am Kopierer. 2011 heirateten sie im Dezember.

Ihren 45. Geburtstag feierte Gerhardt auf der Markant-Messe. „Ich kam wirklich keine zwei Schritte voran ohne Glückwünsche und Umarmungen“, sagt Gerhardt. Seit dem Sommer ist Knuspr Teil der Markant-Gruppe, zu der auch ihr alter Arbeitgeber Kaufland gehört. Das Verrechnungskontor nimmt mit Knuspr erstmals einen reinen E-Food-Player auf. Markant übernimmt die Rechnungs- und Zahlungsabwicklung sowie Zahlungsgarantien für Lieferanten. Für Knuspr eine Entlastung, aber auch ein Türöffner zu neuen Partnern. „Diese Kooperation bringt Knuspr richtig voran“, sagt Gerhardt. Sie erinnert sich genau an den Moment, der sie in den Lebensmittelhandel führte. Damals lief sie an einem Aldi-Plakat vorbei. „Ich studiere doch nicht, um Tomaten zu sortieren – oder doch?“, stand dort. Nach dem Studium erhielt sie mehrere Trainee-Angebote, entschied sich für Kaufland. Das Assessment-Center war so hart, dass Gerhardt sich sagte: „Wenn ich das überstehe, bleibe ich.“ Sie blieb.

Ihr Einstieg führte sie direkt in den Einkauf, ins Team „Konserven“. Nach vier Wochen ging sie zu ihren Vorgesetzten: „Ich finde es hier total toll, aber ich brauche ein anderes Sortiment.“ Sie bekam eines: Kaffee, Tee, Kakao, süße Brotaufstriche, Frühstück. Während sie die Kategorien aufzählt, legt sie ihre Hand auf ihr Herz. Das Sortiment habe ihr gut gefallen, sagt sie.

Rohlik erwartet Fortschritte

Nach einem Umsatzsprung von mehr als einem Drittel auf rund 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2025 sieht Gründer Tomas Cupr die Rohlik-Gruppe strategisch gut positioniert. 2025 habe das Unternehmen nach eigenen Angaben Fortschritte bei der Rentabilität erzielt, nachdem 2024 bei rund 830 Millionen Euro Umsatz noch ein Verlust von 92 Millionen Euro zu Buche stand.

Top-Management neu besetzt

Personell stellt sich die Gruppe neu auf: Zum Jahresstart übernahm der bisherige Finanzchef Richard Harris als Country Lead die Gesamtverantwortung für die Geschäfte in Deutschland und Österreich. Bereits im Herbst hatte es einen Wechsel im Top-Management gegeben: Vertriebschef Stephan Lüger verließ die Gruppe in Richtung Kaufland, Knuspr besetzte die Position mit Nina Gerhardt.

Schonungslose Ehrlichkeit

Der Fotograf erzählt, dass er sich nach dem Eislauf-Shooting mit Gerhardt nun trauen will, mit seinem Sohn eislaufen zu gehen. Wie aus der Pistole geschossen, rät Gerhardt: „Geh in eine Eishalle, in der sie Pinguine zum Festhalten haben, und dann direkt auf die richtigen Schlittschuhe.“ Der Fotograf zögert: „Wirklich nicht erst mit den Rutschschuhen?“ Gerhardt schüttelt den Kopf: „Dann kannst du’s auch gleich lassen.“ Gerhardt sagt ihre Meinung. Direkt, aber ohne ihrem Gegenüber ein schlechtes Gefühl zu geben. Diese schonungslose Ehrlichkeit prägt auch ihre Karriere. Als Kaufland sie nach dem Traineeprogramm fragte, was sie auf keinen Fall machen wolle, antwortete sie: „Wurst.“ Das Unternehmen steckte sie trotzdem – oder gerade deshalb – ins Sortiment Wurst. Gerhardt konterte damals: „Gut, dann will ich mir die Produktion anschauen. Wenn, dann richtig.“

Gerhardt arbeitete sich nach oben, leitete Teams, verantwortete internationale Sortimente – meist unter Männern. Als sie schwanger wurde, reagierte das Unternehmen eher überrascht. Eine Kollegin hatte vor ihr schon ein Kind bekommen, aber niemand habe so richtig gewusst, wie man damit clever umgeht, erinnert sie sich. Nach der Geburt ihrer Tochter kehrte sie nach zehn Monaten zurück, bei ihrem Sohn nahm sie sich ein Jahr Elternzeit.

Mit den Jahren spürte sie, dass das System Kaufland nicht mehr zu ihr passte. „Das Unternehmen wurde zu starr. Ich hatte das Gefühl, Konsumenten ändern sich, und wollte deshalb etwas Neues“, sagt Gerhardt. Die Trennung sei fair verlaufen. Kaufland stellte sie frei – und sie nutzte die Zeit. „Das war die beste Zeit“, so Gerhardt. Sommerferien, endlich Zeit für die Familie. „Ich habe meine Kinder im Hellen gesehen.“

Sie mistete ihren Keller aus, verkaufte Dinge über Kleinanzeigen, digitalisierte Akten und trainierte für den Halbmarathon. „Knuspr ist schuld, dass ich den nicht geschafft habe“, berichtet Gerhardt mit einem Augenzwinkern. 18 Kilometer lief sie – bis der neue Job dazwischenkam.

Knuspr brauche Struktur, Erfahrung, jemanden, der Ordnung bringt, sagt Gerhardt. Sie hat etwas Unaufhaltsames an sich. Als ihr Sohn schwimmen lernen sollte, hatten alle Schwimmbäder aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Kurz entschlossen kaufte sie einen großen Pool für den Garten. Ihr Sohn lernte in diesem Sommer schwimmen.

Dieser Biss passt gut zu dem Online-Lieferdienst. „Knuspr hat ein unglaubliches Tempo“, sagt Gerhardt. Die Out-of-home-Kampagne zu Weihnachten musste sie mit ihrem Team in drei Wochen durchbringen. Bei Kaufland hätte das ein halbes Jahr gedauert, schätzt Gerhardt. „So schnell eine Kampagne durchzuziehen, war eine intensive Erfahrung“, sagt sie. „Aber: Better done than perfect.“

Neue Wege im E-Food

Der Knuspr-Standort München arbeitet profitabel, für Frankfurt und Berlin ist der Break-even absehbar. Knuspr kooperiert mit Wolt und Amazon. „Wenn du in München, Berlin oder im Rhein-Main-Gebiet wohnst, bekommst du Knuspr automatisch als zweiten Reiter bei Amazon angezeigt“, sagt Gerhardt. Schnell recherchiert sie eine Münchner Postleitzahl. Gibt sie bei Amazon in die Suchmaske ein. Sie tippt „Butter“ ins Suchfeld. Eine der ersten Anzeigen: Knuspr Eigenmarke.

„Bei Kaufland habe ich auf die vierte Nachkommastelle verhandelt. Bei Knuspr zählt neben den Zahlen vor allem die partnerschaftliche Zusammenarbeit“, sagt Gerhardt. „Idealerweise sprechen wir aber trotzdem über mindestens zwei Nachkommastellen.“ Es sind andere Dimensionen – Mengen, Maßnahmen, Auswirkungen.

Deutschland spielt in der Rohlik-Gruppe, die in Tschechien, Ungarn und Österreich längst erfolgreich Lebensmittel liefert, noch keine Hauptrolle. „Aber das ändert sich gerade“, ist Gerhardt überzeugt. Neben ihr wurde zum Beispiel auch Mircea Jumuga, Ex-Manager von Lidl, eingestellt, um das Handelsmarkengeschäft auf ein neues Level zu bringen. 

Um mit dem Tempo des Unternehmens und des zu bespielenden Marktes mitzuhalten, nutzen die Knuspr-Mitarbeiter KI. „Ich verwende ChatGPT zur Vorbereitung auf die Jahresgespräche, für Präsentationen, manchmal sogar für die Urlaubsplanung“, sagt Gerhardt. „Das Ergebnis wird nicht besser, nur schneller.“ Sie lacht, als sie erzählt, wie sie die Schullisten ihrer Kinder per KI direkt in den Knuspr-Einkaufskorb gelegt hat. Ein bisschen Mental Load weniger, seufzt sie. In der Rohlik-Gruppe, so heißt es, gelte die Regel: Jeder Mitarbeitende muss mindestens einmal pro Tag KI einsetzen. „Meine Kinder sind fit im Umgang mit KI, aber ich bin fitter“, sagt Gerhardt. KI zu benutzen, sei eben auch Übungssache.

Gerhardt beobachtet genau, wie stark sich Tempo und Anspruch im Handel verschieben. Auch infolge der erwarteten Produktivitätssteigerung durch KI. Ihr Team in München zählt rund 30 Personen, sie verantwortet Einkauf, Marketing und Kampagnen für Knuspr. Doch Heilbronn prägt Gerhardt weiter. Die Stadt sei ein Ort der Gegensätze. Sehr reich, sehr arm. Dieter Schwarz gehe hier über den Wochenmarkt, und keiner störe ihn.

Gerhardt bleibt in Heilbronn

Als ihre Kinder kleiner waren, hatte Gerhardt eine Jahreskarte für die Experimenta, das große Wissenschaftsmuseum direkt neben der Eishalle. Beim Hinausgehen bleibt ihr Blick unweigerlich daran hängen. Ein Symbol für Heilbronn und ein Sinnbild für ihre Vergangenheit. Kaufland, Lidl, Schwarz-Gruppe – alles hier verwurzelt. Doch Gerhardt selbst gehört nicht mehr dazu. „Ich war nie der Typ für Cliquen“, kommentiert sie trocken. „Schon in der Schule nicht.“ Sie läuft Richtung Parkhaus, ihre Schlittschuhe in der Hand. Sie wirkt leicht. Befreit. Nicht mehr Teil eines Imperiums, sondern Gestalterin ihrer eigenen Spur.

Nina Gerhardt träumt davon, eines Tages an Weihnachten in New York Schlittschuh zu laufen – auf der Eisbahn vor dem großen Tannenbaum am Rockefeller Center. Einen Monat nach ihrem Start bei Knuspr war sie tatsächlich dort, vier Wochen lang, allerdings im Sommer. Als sie zurückkam, hatte sich bei Knuspr so viel verändert, dass sie lachend nach einem neuen Onboarding verlangte.

Nina Gerhardt lacht nicht nur im Eisstadion oft. Sie denkt schnell, redet klar. Und wenn sie hinfiele, stünde sie wieder auf. Und das klappt besser, wenn man nicht an einer Hand läuft.

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Nina Gerhardt hat ihre eigenen Schlittschuhe in die Eishalle in Heilbronn mitgebracht.
Bild öffnen Mit Tempo übers Eis: Nach zwei Jahrzehnten bei Kaufland startet Gerhardt bei Knuspr.
Bild öffnen Gerhardt lebt weiter in Heilbronn, auch wenn sie nicht mehr Teil der Schwarz-Gruppe ist.