Zu Beginn der Podiumsdiskussion auf dem 34. Deutschen Fleischkongress zeichnete eine spontane Umfrage im Saal ein klares Bild: Die Mehrheit der Anwesenden macht sich aktuell mehr Sorgen über Krieg und militärische Konflikte als über den Klimawandel. Das deckt sich mit aktuellen Umfragen, in denen Armut, Inflation und Sicherheit ganz oben stehen, während der Klimawandel aus den Top Fünf gerutscht ist. Die Leitfrage der Runde lautete daher: Lässt sich unter diesen Vorzeichen mit Fleisch „die Welt verbessern“ – und gleichzeitig verkaufen?
Für Anna Spieß, Leiterin Nachhaltigkeit im Einkauf bei Kaufland, ist die Antwort eindeutig. Die Sorge um den Klimawandel sei nicht verschwunden, andere Themen stünden nur lauter im Vordergrund. In Kundenbefragungen bleibe Nachhaltigkeit eine klare Erwartung, insbesondere in Bezug auf Tierwohl, Stärkung der deutschen Landwirtschaft und Versorgungssicherheit.
Programme werden zu juristischen Schutzinstrumenten
Kaufland hat eigenen Angaben zufolge den Anteil an Frischfleisch aus höheren Haltungsformen binnen weniger Jahre auf 50 Prozent erhöht und arbeitet mit eigenen Tierwohlprogrammen. Gleichzeitig warnt Spieß vor neuen EU-Vorgaben zu „Green Claims“: Wer nachhaltig arbeite, brauche künftig für fast jede Aussage ein Siegel oder Zertifikat. „Wir tun viel – und riskieren, immer weniger sagen zu dürfen“, sagt sie. Branchenlösungen wie Haltungsform- und ITW-Programme werden so auch zu juristischen Schutzinstrumenten.
Dr. Gereon Schulze Althoff von der Premium Food Group (PFG) beschreibt die Fleischwirtschaft als „Krisenmanager“ zwischen Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Trotz allgemeiner Verunsicherung sieht er Fleisch weiterhin stark nachgefragt – nicht zuletzt durch den „Eiweiß-Hype“ rund um Proteinprodukte.
Beim Klimaschutz versucht die PFG, gängige Bilder zu korrigieren. Auf Basis neuer Branchenstandards arbeitet man an produktbezogenen CO₂-Werten für Schweinefleisch, die eigenen Berechnungen zufolge 15 bis 20 Prozent unter den üblichen Standarddaten liegen sollen. Viele Klimabilanzen beruhten auf veralteten Durchschnittswerten, argumentiert Schulze Althoff.
Tierwohl und Klimaschutz kosten mehr
Eines stellt er unmissverständlich klar: Tierwohl und Klimaschutz seien mit realen Mehrkosten verbunden. „Langfristig auf Margen zu verzichten, funktioniert nicht“, sagt er. Die zusätzlichen Aufwendungen müssten letztlich von den Verbrauchern mitgetragen werden, sonst gerieten Landwirte und Verarbeiter „unter Wasser“.
Die Initiative Tierwohl ist eine Erfolgsgeschichte, die jedoch auch scharfe Kritik hervorruft. Robert Römer, Geschäftsführer der Initiative Tierwohl (ITW), deutet die „Sorgenverschiebung“ teilweise als Erfolg der Branche: Weil Handel und Landwirtschaft in den vergangenen Jahren sichtbar in Tierwohl investiert haben, sehen viele Menschen hier weniger unmittelbaren Handlungsdruck. Mit Haltungsform 2 sei ein „Tierwohl-Volkswagen“ etabliert worden, der für die meisten Betriebe umsetzbar und für breite Käuferschichten bezahlbar sei. Scharf kritisiert Römer dagegen das geplante staatliche Tierhaltungskennzeichen. In der jetzigen Form sei es „eine Katastrophe“: Gastronomie und Importware blieben außen vor, dafür kämen neue Bürokratielasten auf Betriebe zu. Ohne grundlegende Nachbesserung drohe ein Rückschlag für die gesamte Branche.
Parallel dazu baut die ITW ihre eigenen Siegel für höhere Stufen (Frischluftstall, Auslauf) aus. Sie sollen nicht nur zusätzliche Tierwohlangebote schaffen, sondern auch Landwirten eine Anschlussmöglichkeit bieten, deren bisherige Programme die neuen EU-Vorgaben nicht mehr erfüllen können.
Ob der Handel seine Ziele zur Umstellung auf höhere Haltungsformen bis 2030 erreichen kann, ist offen. Spieß verweist auf die hohe Investitionsbereitschaft vieler Landwirte, die jedoch durch fehlende Planungssicherheit, Genehmigungsrecht und Immissionsschutzauflagen gebremst wird. Das Angebot an Ware aus höheren Haltungsformen reicht noch nicht aus, um die ambitionierten Zielmarken flächendeckend zu bedienen.
Branche und Handel setzen daher auf langfristige Verträge, eine bessere Verwertung des gesamten Tieres und Effizienzgewinne entlang der Kette. Klar ist aber auch: Ohne politische Unterstützung und eine gewisse Zahlungsbereitschaft der Kundschaft werden Tierwohl- und Klimaziele kaum erreichbar sein.