So entsteht... Zwischen Tierwohl, Technik und Taktzeit – so läuft die Fleischproduktion wirklich

Hintergrund

In Rheda-Wiedenbrück setzt die Premium Food Group auf Robotik. Doch in manchen Bereichen blieb der Erfolg aus. Die Roboter stehen zum Verkauf.

Freitag, 13. Februar 2026, 07:40 Uhr
Elena Kuss
Artikelbild Zwischen Tierwohl, Technik und Taktzeit – so läuft die Fleischproduktion wirklich
Ein Tiertransporter ringt etwa 160 Tiere auf den Schlachthof.
Die Lachse werden in Scheiben geschnitten, geplättet und paniert, frittiert und gegart. Bildquelle: Peter Eilers

Perfekt geschnittene Büsche rahmen das Verwaltungsgebäude von Tönnies, heute Premium Food Group, ein. Viel Glas, heller Naturstein, klare Linien. In einer Küche in den oberen Stockwerken, die von allen Verwaltungsmitarbeitern genutzt werden darf, kocht mittags jemand für die Geschäftsführung. Dass die Chefs gemeinsam zu Mittag essen, gehört im Unternehmen zur Tradition.

Ein Viehtransporter rollt auf das Gelände, ein moderner Auflieger. Er transportiert etwa 160 Schweine. Mitarbeiter kontrollieren die Belegung. Die Rampe zu den Warteställen lässt sich an jedes Fahrzeug anpassen. Die Tiere laufen bergauf aus dem Lkw. Ein Schild am Transporter dokumentiert die nutzbare Fläche, Veterinär und Betrieb können damit jederzeit prüfen, ob die Beladung passt.

Hinter der Rampe liegt der Wartebereich. Die Warteställe wirken funktional. Beton, Gitter, Wasserleitungen. Die Tiere bekommen Wasser und eine kleine Menge Futterpellets. Etwa zwei Stunden dauert diese Phase. Das Licht bleibt gedimmt, stellenweise grünlich. Dunkelheit soll die Tiere beruhigen. Laute Stimmen hört man nicht. Statt üblicher Treibhilfen nutzen die Mitarbeiter Schaumstoffstangen mit bunten Plastiktüten. Elektrotreiber gibt es laut Unternehmen im Betrieb nicht.

Wenn ein Tier verletzt ankommt, steht eine Notbetäubungsvorrichtung bereit. „Das kommt sehr selten vor, kann aber passieren“, sagt Dr. Jörg Altemeier, Leiter der Stabsstelle Tierschutz bei der Premium Food Group. Das Unternehmen hält dazu an seinen Standorten Zangen zur Elektrobetäubung aus Titan vor. Üblicherweise sind die Vorrichtungen aus Stahl. Die Titanzange wiegt deutlich weniger und erleichtert das sichere Arbeiten für die sachkundigen Mitarbeiter.

Ein integriertes System dokumentiert den Vorgang. Ein Team beschäftigt sich aktuell damit, die Bildaufzeichnung aus dem Schlachtbereich mithilfe von KI auszuwerten. Das Video soll nicht nur dokumentieren, sondern auch auswerten, um bei Fehlverhalten schneller reagieren zu können.

Prämie für Ringelschwanz

Der Ringelschwanz gilt als sichtbares Zeichen für Tierwohl in der Schweinehaltung. Je länger und unversehrter er bleibt, desto besser gestalten sich in den meisten Fällen Haltung und Management im Stall. Für jeden intakten Ringelschwanz bei Tieren der Haltungsform 2 erhält der Landwirt ab Februar einen Bonus von 10 Euro.

KI-Tool zur Messung

Landwirte melden vorab, wie viele Tiere sie am Folgetag mit intaktem Ringelschwanz anliefern. Bei der Anlieferung messen Mitarbeitende die Ringelschwänze manuell. Zukünftig soll ein KI-gestütztes Erfassungs- und Abrechnungsmodul übernehmen.

Betäubung und Schlachtung

Die Tiere laufen von den Warteställen in die Gasbetäubungsanlage. Nach etwa neun Metern Förderweg verlassen die Tiere die Anlage ohne Eigenbewegung. Das Schwein stirbt durch Ausbluten. Ein Mitarbeiter sticht in die Brust mit einer Lanze. Ein speziell geschulter Mitarbeiter prüft den Tod jedes einzelnen Tiers. Er testet den Augenreflex. Wenn Zweifel bleiben, greift er ein. Er stoppt das Band, an dem die Schweine an den Füßen aufgehängt durch den Schlachthof transportiert werden, betäubt nach.

Danach beginnt der Brühprozess. Dampf steigt auf, er legt sich auf Geländer, auf Schutzkleidung und Fußboden. An den Füßen aufgehängt durchlaufen die Schweinekörper mehrere Stationen. Eine Anlage flammt die Borsten auf der Haut der Schweine ab. Eine Kratzmaschine entfernt verbleibende Borsten. Der Geruch kippt. Er wird schwerer, beißender, intensiver. Es ist laut. Roboter öffnen die gebrühten Tierkörper. Ein optisches System erstellt zuvor ein ­dreidimensionales Abbild. Die Säge folgt exakt der individuellen Anatomie jedes einzelnen Schweins. Das Ziel bleibt klar: kein Schaden am Magen-Darm-Trakt, kein Risiko für Kontamination.

Ein System aus gereinigten und desinfizierten Messern unterstützt diesen Anspruch. Durch ein Zwei-Messer-System ist immer ein Messer einsatzbereit. Menschen übernehmen dort, wo Kon­trolle entscheidend bleibt oder die Automatisierung an ihre Grenzen kommt. Mitarbeiter prüfen zum Beispiel, ob ein Tierkörper Auffälligkeiten zeigt. Trifft das auf ein Tier zu, wird es rausgenommen. Dann übernimmt Qualitätssicherung oder Veterinär.

Dr. Jörg Altemeier erklärt: „Derzeit arbeiten wir daran, KI- und robotergestützte Lösungen in immer mehr Unternehmensbereichen einzuführen. In der Schlachthalle arbeiten mehrere Robotersysteme, die dazu beitragen, die Qualität und Sicherheit unserer Prozesse und unserer Produkte noch weiter zu verbessern.“

Veredelung bei Tillman’s

Der Schweinerücken, auch Lachs genannt, wandert in die Fleischveredelung von Tillman’s. Dort wird das Fleisch zu einem XXL-Schnitzel. Die Lachse werden in einer separaten Abteilung vorbereitet, indem sie mit Lake injiziert werden. „Es wird oft behauptet, dass Wasser eingespritzt wird. Nein, es wird Salzlösung eingespritzt, um das Fleisch nach dem Garen und erneuten Erhitzen noch saftig zu halten“, sagt Moritz Zimmermann, Produktionsleiter bei Tillman’s. Danach friert ein Froster die Oberfläche bei bis zu minus 30 Grad Celsius an. Der Kern bleibt weich. Die angefrorene Oberfläche stabilisiert das Naturprodukt für die weitere Verarbeitung. Das Fleisch braucht diese Temperatur, um ein sauberes Schnittbild zu liefern.

Jedes Schwein wächst anders. Der Prozess braucht deshalb einen Schritt, der Variation einfängt. Eine Presse gleicht Unterschiede aus, damit das Stück in Form bleibt und beim Schneiden weniger Abfall entsteht. Trotzdem fallen kleine Reststücke an. Sie gehen jedoch nicht verloren. Fleisch ist für die Premium Food Group die wertvollste Ressource, deshalb sei es wichtig, nichts zu verschwenden. „Bei uns wird nichts weggeworfen. Ziel ist eine annähernd 100-prozentige Verwertung des Tiers“, macht Dominik Lüers, Betriebsleiter bei Tillman’s, deutlich. Das sei nachhaltig, wertschätzend und wirtschaftlich sinnvoll. Zuschnitte werden beispielsweise für die Produktion von Frikadellen oder Cevapcici eingesetzt.

Etwa 2.000 Schweinelachse verarbeiten die Maschinen an dieser Linie pro Tag. Das entspricht zwölf Tonnen Rohware, 48.000 Schnitzeln. Ein Mitarbeiter führt die Stücke in eine einfache Kleinanlage mit einem Revolver, der sich beidseitig beladen lässt. Der Revolver fährt hin und her, sodass eine Seite beladen werden kann, während die andere entladen wird. Die Maschine schneidet den Rückenmuskel in Scheiben.

Menschen stehen an den Linien. Sie prüfen. Sie greifen ein. „Fleisch ist ein Naturprodukt, kein Stück gleicht dem anderen. Abweichungen sind somit Teil des Prozesses“, sagt Zimmermann. Also nehmen Mitarbeiter am Band zunächst eine Sichtkontrolle durch. Eine Kon­trollwaage am Prozessende wiegt später jede Packung noch einmal, bevor das XXL-Schnitzel zum Kunden geht.

Sortiment Fleisch Handel wirbt für mehr Schweinefleisch

Der Lebensmitteleinzelhandel setzte 2025 verstärkt auf Fleischwerbung, verlagerte den Fokus jedoch weg vom teuren Rindfleisch hin zu Schwein und Geflügel. Das zeigt eine Studie der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Von Januar bis Dezember erschienen laut AMI rund 1,4 Prozent mehr Fleischanzeigen in den Prospekten der Händler als im Vorjahr. Ziel der höheren Werbeintensität blieb, im Wettbewerb um Aufmerksamkeit präsent zu sein und Kunden in die Märkte zu ziehen.

Schweinefleischprodukte vorne

Am häufigsten bewarb der Handel das naturbelassene Hähnchensteak. Naturbelassen bedeutet, dass das Fleisch nicht mariniert oder gewürzt angeboten wird. Trotz der Spitzenposition lag die Zahl der Anzeigen leicht unter dem Niveau von 2024. Auch das naturbelassene Steak vom Schwein tauchte seltener in den Angebotsheften auf. Gleichzeitig erhöhte der Handel die Werbung für andere Schweinefleischprodukte deutlich. Besonders Bratwürste mit einem Plus von 17 Prozent und Schweinebraten mit einem Plus von 10 Prozent, jeweils im Vergleich zum Vorjahr, standen häufiger im Fokus. Marinierte Schweinesteaks wurden 4 Prozent häufiger beworben. Mit einem Anteil von fast 40 Prozent stellte Schweinefleisch 2025 den größten Block der Fleischwerbung. Geflügel folgte mit rund einem Drittel. In beiden Segmenten steigerte der Lebensmitteleinzelhandel laut AMI seine Werbeaktivitäten. Rindfleisch verlor dagegen an Bedeutung. Die Zahl der Anzeigen sank im Vergleich zu 2024 um rund 11 Prozent. Als Hauptgrund nennt die AMI die stark gestiegenen Preise für Rindfleisch. Diese Rekordpreise führten dazu, dass Händler in der Werbung verstärkt auf preislich attraktivere Fleischarten auswichen. Besonders deutlich zeigte sich die Entwicklung bei den Aktionspreisen für Rindfleisch.

Rindfleisch steigt im Preis

Der durchschnittliche Tiefstpreis, also der niedrigste beworbene Preis innerhalb eines Jahres, für Rindersteaks stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr um 3,79 Euro pro Kilogramm. Bei Rinderrouladen lag der Preisanstieg bei 3,48 Euro pro Kilogramm. Solche Preissteigerungen beobachtete die AMI bei anderen Fleischarten nicht. 

Robotik zurückgebaut

Zwei Plätter drücken die Schnitzel nacheinander flach. Keine Messer, keine Walzen. Nur Druck. Das Schnitzel soll die Packung ausfüllen und im Regal groß wirken. Die Nasspanade wird auf dem Schnitzel verteilt, Überschüssiges wird abgesaugt. Die Oberfläche glänzt kurz. Die Trockenpanade folgt. Der Geruch wechselt. Gewürze, Mehl, Panier. Mitarbeiter kontrollieren die Oberfläche. Sie suchen Fehler, sie sortieren aus. Automatisierung stößt hier an Grenzen. Versuche mit KI-gestützten Robotern scheiterten, berichten die schichthabenden Mitarbeiter. Im Spätsommer 2025 baute die Premium Food Group die KI-gestützte Robotik in diesem Bereich weitgehend zurück. Der Rückbau klinge wie ein Rückschritt, sei aber eher ein betriebswirtschaftliches Urteil, heißt es seitens der Produktions- und Betriebsleiter. Ein Roboter spare nur dann Geld, wenn er stabil laufe. Ein Roboter koste nur dann weniger, wenn er nicht ständig Reinigung und Reparatur erzwinge. Die eingesetzten Roboter stehen nun zum Verkauf. Ohne Unterstützung von KI produziert die Linie etwa 70 Einheiten pro Minute. Im Idealfall sogar mehr, schätzt der Schichtleiter. Acht Produktionslinien arbeiten im Zwei-Schicht-System. Auch samstags und an wenigen Sonntagen laufen die Maschinen.

Es wird heiß. Sehr heiß. In den Fritteusen erreicht das Öl 190 Grad Celsius. Fünf Fritteusen, drei Garöfen. Die Schnitzel bleiben rund 50 Sekunden im Öl. Sie bräunen an. Das Fett trägt Geschmack. Garen folgt später im Ofen. Die Temperaturkontraste könnten größer kaum sein. Gerade noch Kälte, jetzt Hitze, Dampf, Bratgeruch.

Alle 30 Minuten neue Handschuhe

Mitarbeiter wechseln ihre Handschuhe in diesem Bereich nach noch strengeren Regeln. Ein Ampelsystem gibt den Takt vor. Spätestens alle 30 Minuten müssen die Mitarbeiter die Handschuhe wechseln. Gekennzeichnet durch die Handschuhfarbe. Nach dem Garen kommen die Schnitzel in Kunststoffschalen, die vor Ort geformt werden. Eine Schutzatmosphäre aus Gas verlängert die Haltbarkeit. Folie verschließt die Packung. Das Produkt durchläuft einen Metalldetektor, um sicherzustellen, dass sich keine metallischen Fremdkörper darin befinden. Etiketten folgen je nach Kundenanforderung. Der Betrieb kann Doppelpackungen, Vierfachpackungen und unterschiedliche Auszeichnungen fahren, heißt es seitens der Produktionsleitung. Diese Flexibilität passe zum Geschäft mit dem Handel.

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Ein Tiertransporter ringt etwa 160 Tiere auf den Schlachthof.
Bild öffnen Die Tiere laufen in die Gasbetäubungsanlage. Das grüne Licht soll für die Schweine besonders angenehm sein, auch weil es besonders wenig Schattenwurf gibt.
Bild öffnen KI-gestützte Roboter zerteilen die Tierkörper. Mehr als 180 verschiedene Produkte werden aus den Schlachtnebenprodukten gewonnen.
Bild öffnen Ein Froster friert die Oberfläche an. Das Fleisch braucht diese Temperatur für ein besseres Schnittbild. Gearbeitet wird im Zwei-Schicht-System, je Schicht sind es sechs Tonnen.
Bild öffnen Die Lachse werden in Scheiben geschnitten, geplättet und paniert, frittiert und gegart.
Bild öffnen Die Verpackung wird vor Ort ausgeformt. Bevor eine Folie über die Verpackung geschweißt wird, wird das Schnitzel begast, um die Haltbarkeit zu erhöhen.

Neue Produkte