Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hat die Pläne des Wirtschaftsflügels der Union scharf kritisiert, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken. „Die Teilzeitpläne des CDU-Wirtschaftsflügels gehen meilenweit an der Realität der Arbeitswelt vorbei“, zitierte die Gewerkschaft ihre stellvertretende Vorsitzende Claudia Tiedge in einer Mitteilung. Wer von „Lifestyle-Teilzeit“ spreche, verkenne die eigentlichen Herausforderungen am Arbeitsmarkt und stelle Teilzeitbeschäftigte als unsolidarisch an den Pranger.
Wirtschaftsforscher: Vorschlag aus der CDU richtig
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion will den Rechtsanspruch auf Teilzeit künftig nur noch bei besonderen Gründen gewähren. Dazu zählt die Vereinigung die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Ein entsprechender Antrag trägt den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ und soll im Februar auf dem CDU-Bundesparteitag behandelt werden.
Der Verband Die Jungen Unternehmer begrüßt den Vorstoß grundsätzlich. Durch die Rahmenbedingungen von Steuern und Sozialabgaben sollte klar herauslesbar sein, dass die Vollzeitarbeit der Regelfall sein sollte und nicht die Teilzeitarbeit.
Holger Schäfer, Senior Economist für Arbeitsmarktökonomik des Institutes der deutschen Wirtschaft, hält den Rechtsanspruch für Teilzeit für aus der Zeit gefallen. Der Vorschlag aus der CDU sei richtig. Arbeitnehmer würden auch ohne Rechtsanspruch weiterhin Teilzeit vereinbaren können. Dafür brauche es keine gesetzliche Privilegierung, so Schäfer. Arbeitnehmer könnten ihre Arbeitszeitwünsche heute zunehmend auch ohne gesetzliche Rückendeckung durchsetzen.
Tiedge: Teilzeitarbeit oft keine Bequemlichkeit
Claudia Tiedge von der NGG betonte, Teilzeitarbeit sei in Deutschland überwiegend weiblich. Wer es ernst meine mit mehr Frauen in existenzsichernder Vollzeit, müsse die strukturellen Ursachen angehen: eine gerechte Verteilung von Sorgearbeit, verlässliche Kinderbetreuung und eine funktionierende Pflegeinfrastruktur. In den Branchen der Lebensmittelproduktion, der Getränkeindustrie und dem Gastgewerbe sicherten hunderttausende Beschäftigte in Teilzeit den reibungslosen Ablauf der Betriebe, so die Gewerkschaft. Für Millionen Menschen in Deutschland sei Teilzeitarbeit keine Bequemlichkeit, sondern die zwingende Voraussetzung, um Beruf, Familie, Pflegeverantwortung oder die eigene Gesundheit miteinander vereinbaren zu können.
CDU-Politiker Schnieder nennt Vorstoß eine Schnapsidee
Der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder nannte den Vorstoß eine „Schnapsidee“, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete. Statt über Einschränkungen bei der Teilzeit zu diskutieren, sollte darüber gesprochen werden, wie es attraktiver werden könne, Vollzeit zu arbeiten. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig äußerte Kritik. Die CDU sei nicht klug beraten, wenn sie ständig verkünde, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiteten, sagte die SPD-Politikerin laut dpa der Zeitschrift „Stern“.
Teilzeitquote 2025 auf Rekordniveau
Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, sagte im Deutschlandfunk, es sei noch nie so viel gearbeitet worden wie zurzeit. Er bezweifelt, dass es eine nennenswerte Zahl an Lifestyle-Teilzeitbeschäftigten gibt. „Die Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom einstelligen Prozentbereich“, sagte Sell.
Die Teilzeitquote in Deutschland lag 2025 mit rund 40 Prozent auf Rekordniveau. Das führte nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden. Beschäftigte leisteten 2023 rund 1,3 Milliarden Überstunden, wie veröffentlichte Zahlen zeigten.