Kreislaufwirtschaft Container auf dem Parkplatz? Wie Recyclingziele zur Infrastrukturfrage für den Handel werden

Hintergrund

Deutschland recycelt so gut wie nie zuvor – zumindest auf dem Papier. Im Lebensmitteleinzelhandel wächst die Sorge: Was als Erfolg verkauft wird, droht für Händler zum operativen und rechtlichen Risiko zu werden.

Donnerstag, 05. März 2026, 07:40 Uhr
Matthias Mahr
Das Umweltbundesamt fordert mehr Glascontainer auf Händler-Parkplätzen. Bildquelle: FKN, Matthias Mahr mit Hilfe von KI

Nach Angaben der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) wurden 2024 rund 4,7 Millionen Tonnen systembeteiligte Verpackungen verwertet. Die Verwertungsquote lag laut dieser Behörde bei über 90 Prozent, damit stabil auf dem Niveau des Vorjahres. Besonders hervorgehoben wurde auf der Jahrespressekonferenz der ZSVR das werkstoffliche Recycling von Kunststoffverpackungen, das mit 70,8 Prozent deutlich über der EU-Mindestquote von 63 Prozent liege. „Das ist eine extrem gute Leistung“, sagte ZSVR-Vorstandssprecherin Gunda Rachut. Der Mythos, der Gelbe Sack werde überwiegend verbrannt, sei damit widerlegt.

Erfolge mit blinden Flecken

Auch Dr. Bettina Rechenberg vom Umweltbundesamt (UBA) sprach von einem „tollen Fortschritt“. Innerhalb von sechs Jahren sei der Kunststoff-Recyclinganteil von 42 auf über 70 Prozent gestiegen. Moderne Sortiertechnik und recyc­linggerechtes Design zeigten Wirkung, betonte sie. Doch die Erfolgsmeldungen haben blinde Flecken. Denn nicht erfüllt wurden erneut die gesetzlichen Quoten bei Glas, Getränkekartons und sonstigen Verbundverpackungen. Besonders kritisch: Die Recyclingquote für Getränkekartons fiel 2024 auf 69,5 Prozent – weit unter der gesetzlichen Zielmarke von 80 Prozent.

Beim Glas weisen ZSVR und UBA nicht auf technische Defizite, sondern auf die mangelnde Sammlung hin. Die Quote sank auf 82,9 Prozent, wobei 90 Prozent vorgeschrieben sind. Ursache sei der Rückgang von Containerstandorten, insbesondere in Städten. Rechenberg, die Leiterin des UBA-Fachbereichs „Nachhaltige Produkte und Produktion, Kreislaufwirtschaft“, appellierte an Kommunen und Handel, mehr Glascontainerstandorte zu ermöglichen – „Supermarktparkplätze“ wurden von ihr konkret genannt.

„Für den Lebensmitteleinzelhandel ist das eine klare Verschiebung der ­Verantwortung. Händler sollen Infrastrukturprobleme lösen, ohne dafür regulatorische Entlastung oder Finanzierungsperspektiven zu erhalten“, sagt ein selbstständiger Händler, der nicht genannt werden will, auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis. Er sagt deutlich: „Ich möchte keinen Container auf meinem Parkplatz haben, der vermehrt Müllablagerungen anzieht!“ Die Zahlen von ZSVR und UBA zeigen, dass städtische Sammelquoten besonders niedrig sind: Rund 4,3 Kilogramm Glas pro Einwohner landen hier jährlich im Restmüll. Bereits das Umlenken von 2 Kilogramm in den Altglascontainer würden reichen, um die Quote zu erfüllen – ­theoretisch. Praktisch fehlten vielerorts der Platz, die Akzeptanz oder die rechtliche Klarheit, meinen Rachut und Rechenberg unisono.

Fundamentale Kritik

Auf gezieltes Nachhaken der Journalisten in der Pressekonferenz reagierte die ZSVR defensiv. Warum trotz moderner Sortiertechnik Verbundmaterialien scheitern? Gunda Rachuts Antwort: fehlende Kapazitäten und schrumpfende Märkte. Warum Recyclingquoten über 100 Prozent möglich sind? Unterbeteiligung und „intelligente Fehlwürfe“ – etwa schwere Kochtöpfe im Gelben Sack. Das verzerrt offenbar die Statistik. Für den Handel bleibe ein ungutes Gefühl, weiß eine Nachhaltigkeitsexpertin aus dem Lebensmittelhandel, die sich nicht namentlich zitieren lassen möchte. Sie sagt: „Die Quoten messen Mengenströme, nicht Marktrealitäten.“ Quoten sagten wenig darüber aus, ob es stabile Absatzmärkte für Rezyklate gebe – oder ob Verpackungen künftig überhaupt noch verkehrsfähig seien, bemängelt sie.

Deutlich schärfer fällt die Analyse eines Verpackungsexperten aus. Sein Vorwurf: ZSVR und europäische Verpackungsnormen beanspruchten eine Deutungshoheit aus Sicht der Recycler, nicht aus Sicht von Markt, Technik oder Handel. „Die Aussage von 70 Prozent Recyclingquote ist faktisch falsch“, sagt der Experte. Gemessen werde nicht das reale Output-Rezyklat, sondern Sammel- und Inputmengen. Kernkritikpunkt: Die Verantwortung werde systematisch nach vorne verlagert. Übersetzt soll das heißen: Hersteller und Händler haften für Verluste, Ineffizienzen und veraltete Technik in Sortier- und Recyc­linganlagen, auf die sie keinerlei Einfluss haben. „Ich werde als Inverkehrbringer danach bewertet, wie gut die nachgelagerte Wertschöpfungskette arbeitet – das ist ökonomisch absurd“, prangert der Branchenkenner an.

Besonders deutlich werde das beim Getränkekarton. Der sei gut sortierbar, mit klaren NIR-Profilen (Nahinfrarotspektroskopie) und hohem Papierfaseranteil. Dass er im ZSVR-Mindeststandard schlecht abschneide, liege allein an fehlenden Absatzmärkten für recycelte Alu-Polyethylen-Fraktionen. „Die Recyclingfähigkeit wird schlechtgerechnet, weil niemand das Material kaufen will“, beklagt der Verpackungsinsider.

Handel als Abfallanlaufstelle

Vergleichbar sehe es bei PET-Schalen, die im Convenience-Sortiment des Handels allgegenwärtig sind, aus. Sie gelten phasenweise als nicht recyclingfähig, obwohl das technische Potenzial vorhanden sei. Das Problem sei nicht die Verpackung, sondern der fehlende Markt. Für den Handel bedeutet das: steigendes Verkehrsverbotsrisiko ab 2030, ohne dass realistische Alternativen bereitstehen, warnen Experten.

Zusätzlichen Druck macht die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die ein Einwegpfand von 25 Cent auf Getränkekartons fordert. DUH-Geschäftsführerin Barbara Metz denkt, dass sich durch ein Pfand „mehr als zwei Milliarden Kartons pro Jahr zusätzlich recyceln“ ließen. Aus Handelssicht ist das brisant. Ein weiteres Pfandsystem würde Flächen, Logistik, Automatenkapazitäten und Personal binden – ohne die strukturellen Probleme der Verwertung zu lösen. Gleichzeitig greift die DUH einen Vorschlag auf, der bereits aus dem UBA kam: mehr Glascontainer auf Händlerparkplätzen. Der Handel soll wohl endgültig zur Sammel- und Entsorgungsinfrastruktur erklärt werden.