Die Bilanz des Veganuary 2026, also des jüngsten Promotionmonats für die vegane Ernährung, steht noch aus. Doch schon sucht die Branche nach neuen Wegen, um dem Markt für pflanzenbasierte Produkte auch in den nächsten Monaten neuen Schwung zu verleihen. Katrin Kasper, als Kommunikationsexpertin auf vegane und nachhaltige Start-ups und Marken spezialisiert, nimmt die Stimmung in der Branche angesichts weniger dynamischer Wachstumsraten als gedämpft wahr. „Die Zeit, in der Produkte allein mit der Auslobung ‚vegan‘ Selbstläufer waren, ist vorbei“, bringt sie die aktuelle Entwicklung auf den Punkt. „Zeit, das Spiel zu ändern“, meint Godo Röben. „Wenn der Veggie-Markt wieder zweistellig wachsen soll, muss er sich neu verlieben“, schreibt der ehemalige Marketingchef der Rügenwalder Mühle und Experte für den Plant-Based-Sektor. Bio und Convenience sind aus seiner Sicht gute Kandidaten für eine „Gewinngemeinschaft“.
Zahlen unterstreichen die Analyse: 2024 wurden hierzulande 1,7 Millionen Tonnen Fertiggerichte im Wert von 5,9 Milliarden Euro produziert. Fünf Jahre zuvor waren es noch 1,4 Millionen Tonnen bei einem Produktionswert von 4,1 Milliarden Euro. Das entspricht einem mengenmäßigen Plus von 25,6 Prozent und einem nominalen Wertzuwachs von 45,4 Prozent, informiert das Statistische Bundesamt.
Auch der Bio-Markt ist erneut gewachsen. Der Bauernverband geht aktuell für das Jahr 2025 von einem Umsatzplus von 8 Prozent auf mehr als 18 Milliarden Euro Umsatz aus (2024 lag das Plus bei 5,7 Prozent). Wachstumstreiber waren dem Bericht zufolge erneut die Bio-Eigenmarken der Handelsketten. Zudem legte der Naturkostfachhandel erneut zu.
Wie hoch der Bio-Anteil an veganen Produkten aktuell ist, ist nicht zu ermitteln. Die Organisation Proveg erhebt hierzu nach eigenen Angaben keine Marktdaten, beobachtet aber, dass der Trend zu kurzen und natürlichen Zutatenlisten weiter anhält. „Dieser Trend bringt pflanzliche Produkte und biologischen Anbau ganz natürlich zusammen“, sagt Dirk Liebenberg, Head of Corporate Engagement bei Proveg.
Die Organisation sieht grundsätzlich positive Zeichen für den Plant-Based-Markt. Denn: Derzeit passen die meisten Händler ihre Sortimente so an, dass sie sich positiv auf ihre Nachhaltigkeitsbilanzen auswirken. „Tierische Zutaten können deutlich höhere, pflanzliche Zutaten deutlich geringere Emissionen verursachen. Das Ziel ist somit ein pflanzenbetontes Proteinverhältnis im Verkaufsvolumen“, sagt Liebenberg. Für das bestehende Sortiment wählten Händler daher immer öfter pflanzliche Zutaten, die dieselbe Funktionalität wie tierische Zutaten haben.
Um mehr Kunden zu begeistern, müssten Handel und Hersteller pflanzliche Produkte nicht als Ersatz, sondern als „Upgrade“ positionieren, das tierische Zutaten überflüssig macht, rät Katrin Kasper. „Vegane Produkte müssen als eine Verbesserung der konventionellen konzipiert und kommuniziert werden.“ Klare Mehrwerte sollten in der Kommunikation im Vordergrund stehen. Bio gebe den Produkten einen stabilen Vertrauensanker. Auch Dirk Liebenberg sieht Potenzial in der Kombination Plant-Based in Bio-Qualität: „Die Käuferschaft von Bio-Produkten ist sehr empfänglich für ökologische Gründe, zu pflanzlichen Alternativen zu greifen. Die Alternativprodukte sollten dabei möglichst gesund und möglichst natürlich sein“, meint er.
Für die schnelle Küche
Alexander Drees, CEO Bio-Zentrale und Lotao, weiß: „Viele Menschen haben das Kochen verlernt oder keine Zeit mehr dafür. Unser Alltag ist fragmentiert, und wir suchen alle nach schnellen, einfachen, frischen und leckeren Lösungen. Die Branche muss hier ansetzen, um vegane Ernährung über Geschmack und Einfachheit voranzutreiben und relevant zu halten oder zu machen.“ Unter der Marke Lotao sollen drei neue bio-vegane Fertiggerichte für Kaufimpulse sorgen: Ravioli mit einer Füllung auf Basis von Erbsenprotein-Jackfruit-Granulat sowie Veggie-Kebab und -Gyros auf Basis von Soja.
Wettbewerber Davert erweitert aktuell sein Angebot an Fertiggerichten im Glas um die Varianten Veggie Thai Curry und proteinreiches Chili sin Carne. Auch die Range der Instant-Nudelgerichte, die Davert Noodle-Cups, wird ausgebaut. Zum 1. März führt Davert den Noodle Cup Toskana-Style ein. Dabei setzt Davert auf die Kombination bio, vegetarisch und glutenfrei.
Erfolge feiert auch Followfood mit Produkten, die bio, vegan und convenient zugleich sind. Das Unternehmen hat mit neuen Veggie-Varianten in Bio-Qualität das Instant-Nudel-Segment erweitert. Mit Erfolg: Die Produkte würden „überdurchschnittlich stark“ nachgefragt, berichtet Julius Palm aus der Geschäftsführung. Auch im Tiefkühlsortiment setzt Followfood auf neue bio-vegane Produkte. Das kontinuierliche Wachstum der Followfood-Pizzen werde aktuell insbesondere von den neuen Varianten vegane Ton-No und vegane Salami getrieben. Zudem stießen die neuen TK-Fertiggerichte im Beutel auf deutliches Interesse des Handels, so Palm. Dazu gehören ein bio-veganes Gemüsecurry mit Tofu und 27 Gramm Protein („No Butter-No Chicken“) und Teriyaki Noodles mit Tofu und 33 Gramm Protein.
Palm sieht Bio- und Vegan-Label dabei jedoch nur mit indirekter Wirkung: „Bio und vegan sind für die meisten Konsumenten keine primären Kaufgründe. Entscheidend für die Kaufentscheidung bleiben Platzierung, Facing, Geschmack und eine starke Markenpräsenz. Entsprechend setzen wir Bio- und Vegan-Auslobungen eher strategisch ein – quasi als eine Art ‚trojanisches Pferd‘, das zusätzliche Mehrwerte vermittelt und unternehmerisch sinnvoll ist.“
Alljährlich zeigt die Bio-Branche in Nürnberg ihre Leistungsfähigkeit. Vom 10. bis 13. Februar 2026 erhalten Besucher der Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel diesmal eine Übersicht über Trends und Produktneuheiten in der Halle 4A. Zudem können sie Startup-Pitches und Panel-Diskussionen zu aktuellen Marktentwicklungen auf der Innovation Stage direkt neben dem Neuheitenstand verfolgen.
Neues Format
Seit einigen Jahren bietet die Messe bio-veganen Produkten und Marken eine eigene Bühne und gibt einen schnellen Überblick über Entwicklungen und die Start-up-Szene. 2025 wurden Plant-Based-Produkte erstmals in die neue Erlebniswelt Planetary Health integriert. 2026 wird diese Sonderschau in Halle 9 noch einmal umfangreicher. Neben den Schwerpunkten Vegan und Plant-Based, Alternative Proteinquellen und Vollwert ist auch Zero Waste Teil der Schau. Hersteller präsentieren ihre Produkte in den entsprechenden Kategorien und zeigen, wie sich Gesundheits- und Klimaziele konkret verbinden lassen. Damit will die Messe stärker die Frage in den Mittelpunkt rücken, wie nachhaltige Ernährungssysteme ganzheitlich im Markt umgesetzt werden können.
Panel-Diskussion
Wie ist das Kaufverhalten der Konsumenten in Bezug auf nachhaltige Lebensmittel aktuell? Welche Rolle spielen Bio-Marken und Nachhaltigkeitslabel? Und welche Herausforderungen ergeben sich in der Vermarktung von Bio-Produkten im Lebensmitteleinzelhandel? LP-Redakteurin Bettina Röttig diskutiert mit Experten wie Alexander Drees, CEO Bio-Zentrale und Lotao; Seraphine Wilhelm, Rapunzel; Georg Abel, Verbraucher Initiative; und Paul Werner, Organic Markenkommunikation.
Termin: 11. Februar, 13 Uhr, im Saal Oslo des Kongresszentrums NCC Ost. Diskutieren Sie mit!
Innovative Konzepte
Chancen für den Plant-Based-Markt sieht Katrin Kasper weiterhin in den Trends protein- und ballaststoffreich. „Viele Bundesbürger haben einen Ballaststoffmangel, das Thema wird größer“, sagt sie. Entscheidend sei das richtige Framing: Die Produkte und Zutaten sollten Konsumenten beispielsweise als „Ballaststoffbombe“ nahegebracht werden. Das Pflanzliche könne dabei als Verstärker wirken. So ließen sich „noch mehr Zielgruppen“ ansprechen. Zudem biete der Trend „Gut Health“, also Darmgesundheit, Potenziale für ballaststoffreiche und fermentierte pflanzliche Lebensmittel.
Für neue Impulse werden nach Einschätzung von Dirk Liebenberg zudem Hersteller wie Mushroots und Revo Foods sorgen, die neue innovative Proteine auf Pilzbasis in die Regale bringen. Die pflanzlichen Bällchen, Pattys und Hack bringen je nach Sorte bis zu 30 Gramm Protein pro Packung. Das Start-up startet gerade bei der Rewe. Revo Foods stellt pflanzliche Alternativen zu Meerestieren her und setzt auf Fermentation und hohe Protein- und Omega-3-Gehalte. Revo Foods plant nach eigenen Angaben zudem, den Bio-Anteil seiner Produkte zu erhöhen.
Auch die Marke Ocean Kiss aus Frankreich will mit bio-veganen Fischalternativen auf Basis von Algen und Erbsenprotein Regalplätze erobern. In Bio-Qualität bietet Ocean Kiss eine Lachsalternative an. Diese ist nach Angaben der Marke reich an Omega‑3-Fettsäuren und kommt ohne Methylcellulose oder Carrageen aus.
Ein dänisches Start-up, das auch hierzulande mit bio-veganen Produkten für Aufmerksamkeit sorgt, ist Matr Foods. Das Unternehmen stellt Fleischalternativen, Pattys und Hack, mithilfe von Pilzfermentation her. Dabei setzt es auf lokale, Bio-zertifizierte Rohstoffe wie Hafer, Erbsen, Lupinen, Rote Bete und Kartoffeln, um einen umami-reichen Geschmack und eine saftige Textur zu erreichen. „Während unser Myzel wächst, umhüllt es unsere fünf Zutaten und beginnt sie in etwas Neues zu verwandeln“, erklärt das Start-up. Während des Prozesses beginne das Myzel die Nährstoffe aufzuschließen. Dabei würden aromatische Aminosäuren und Stärken freigesetzt. Zudem sorge das Myzel für die Bindung und die besondere Textur.