Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband hat am Freitag mit einer Protestaktion vor einer Lidl-Filiale in Münster-Wolbeck gegen die drastischen Preissenkungen für Milchprodukte im Lebensmitteleinzelhandel demonstriert. Verbandspräsident Hubertus Beringmeier übergab einen Forderungskatalog sowie das kürzlich erschienene Sondergutachten „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“ der Monopolkommission an die Unternehmensleitung.
Der Verband kritisiert die Preispolitik des Handels scharf. Die Auswirkungen des „Preisdumpings“ seien für die rund 2.700 Milchviehbetriebe in Westfalen-Lippe unmittelbar spürbar und fatal, heißt es. Sinkende Einkommen, fehlende Wertschätzung für hochwertige Lebensmittel und eine Gefährdung der regionalen Landwirtschaft seien die Folge. Mit der Aktion wollten Landwirte ein Zeichen für mehr Anerkennung der regionalen Lebensmittelproduktion durch den Lebensmitteleinzelhandel setzen. Mehrere Milchbauern unterstützten die Aktion vor Ort und suchten das Gespräch mit Verbrauchern.
Vier Forderungen an den Lebensmitteleinzelhandel
Der Verband richtet vier Forderungen an den Lebensmitteleinzelhandel, wie das Fachmagazin top agrar berichtet. Er verlangt faire und marktangepasste Preise, einen verantwortungsvollen Umgang mit Marktmacht, die Stärkung regionaler Wertschöpfung sowie die Anerkennung gesellschaftlicher Leistungen der Milchbauern.
Die aktuelle Preisgestaltung müsse die realen Gegebenheiten am Markt abbilden und dürfe die erheblich gestiegenen Kosten nicht ausklammern. Kurzfristige Marktphasen mit hohem Angebot allein rechtfertigten kein bedingungsloses Preisdumping, heißt es laut top agrar in der Mitteilung des Verbandes.
Das Sondergutachten der Monopolkommission zur Lebensmittellieferkette zeige aus Sicht des Verbandes, dass die Nachfragemacht des Handels strukturelle Nachteile für Marktpartner bereite. Die Landwirte erwarteten, dass der Handel diese Verantwortung annehme und faire Wettbewerbsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette unterstütze, so der Verband. Regionale Milchproduktion stärke ländliche Räume, schaffe Arbeitsplätze und reduziere Transportwege. Die Realität sei jedoch, dass die heimische Milcherzeugung schon heute und auch langfristig sinke.
Der Verband fordere, regionale Lieferbeziehungen gezielt zu stärken und ihre Bedeutung in der Sortimentsgestaltung widerzuspiegeln. Tierwohl, Klimaschutzmaßnahmen, Biodiversität und hohe Lebensmittelstandards böten hohe Mehrwerte. Der Verband erwarte, dass diese Leistungen nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet, sondern in der Preisgestaltung und Vermarktung sichtbar würden, heißt es in der Mitteilung. In einer Zeit, die von langfristig rückläufiger Milchproduktion und steigendem Wettbewerb um den Rohstoff Milch gekennzeichnet sei, setze der Verband auf einen Lebensmitteleinzelhandel, der „partnerschaftlich und verantwortungsbewusst“ zur Seite stehe.
Bayerische Bauern schalten Bundeskartellamt ein
Die Aktion reiht sich ein in eine bundesweite Debatte über die Butterpreise im Handel. Der Bayerische Bauernverband hatte das Bundeskartellamt zuletzt zur Prüfung der niedrigen Butterpreise eingeschaltet. Ein 250-Gramm-Stück Butter der Eigenmarken kostet derzeit 99 Cent. Der Bayerische Bauernverband argumentiert, bei einem solchen Verbraucherpreis seien die Produktionskosten in der Lebensmittelkette nicht gedeckt – weder bei den Molkereien noch bei den Landwirten. Das Kartellamt bestätigte den Eingang des Schreibens, äußerte sich darüber hinaus aber nicht.
Andernorts kommt es zu handfesterem Protest: In Dresden kippten mutmaßlich Landwirte einen Misthaufen vor einem Lidl ab, um gegen die niedrigen Milchpreise zu protestieren. „Wir verurteilen natürlich, dass derart wichtige Lebensmittel zu diesen Preisen regelrecht verramscht werden“, sagte Diana Henke, Hauptgeschäftsführerin des sächsischen Landesbauernverbands.
Milchpreise fallen in Niedersachsen auf unter 40 Cent
Die Auszahlungspreise für Milch sind seit dem Spätsommer deutlich gesunken. Der Agrarmarktexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Albert Hortmann-Scholten, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Auszahlungspreise seien von gut 51 Cent auf 41 Cent pro Kilogramm Milch gefallen, möglicherweise sogar auf unter 40 Cent. „Für viele Betriebe ist die Situation tatsächlich existenzbedrohend“, zitierte die Agentur den Experten. Als Ursachen für den Preisverfall nannte Hortmann-Scholten einen weltweiten Produktionszuwachs, den Zollstreit mit China und ein Überangebot an Milch in Europa.
Lidl verteidigt Preissenkung als notwendige Reaktion
Der Handelsverband Deutschland wies die Kritik der Landwirte zurück. „Da aktuell zu viel Ware auf dem Markt ist, sinkt der Preis“, sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die Entwicklung zeige, dass der Wettbewerb funktioniere. Der Handel gebe sinkende Preise direkt an Verbraucher weiter. Eine Beschwerde beim Kartellamt sei aussichtslos, da sich die Händler an geltendes Recht hielten. Genth betonte, der Handel kaufe über Molkereien und habe daher wenig Einfluss auf die Einkommen der Landwirte.
Auch der Discounter Lidl meldete sich zu Wort. Die Preissenkung sei eine notwendige Reaktion auf die Ausnahmesituation am Rohstoffmarkt und ein Überangebot an Rohmilch, teilte das Unternehmen laut der Deutschen Presse-Agentur mit. „Wenn diese Mengen nicht abfließen, droht möglicherweise ein noch stärkerer Preisverfall“, zitierte die Agentur. Bei der Preisgestaltung halte man sich strikt an geltendes Recht und die kartellrechtlichen Leitplanken. Die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft sei Lidl wichtig.
Die Supermarktkette Rewe äußerte sich ebenfalls. „Wir beobachten die aktuelle Preisspirale in einzelnen Produktkategorien mit großer Sorge“, sagte ein Sprecher laut der Deutschen Presse-Agentur. Der anhaltende Kostendruck stelle die gesamte Wertschöpfungskette vor große Herausforderungen – insbesondere die landwirtschaftlichen Betriebe. Es bleibe eine Herausforderung, Verbraucherpreise, Einkommen der Landwirte, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen. Die Discounter Aldi Nord und Aldi Süd teilten mit, eng mit ihren Lieferanten zusammenzuarbeiten und sich zur deutschen Landwirtschaft zu bekennen. Edeka wollte sich auf Nachfrage der dpa nicht äußern.

