Leser fragen... Licht dimmen, Geräusche aus – was bringt die Stille Stunde im Verkaufsalltag wirklich?

Hintergrund

… und Experten antworten. In dieser Ausgabe erklärt Rebecca Lefèvre, wie Händler Menschen helfen können, die empfindsam auf äußere Reize reagieren.

Donnerstag, 26. Februar 2026, 07:40 Uhr
Lebensmittel Praxis
Rebecca Lefèvre ist Projektplanerin der „Stillen Stunde“. Als Autistin kennt sie die Herausforderungen, die das Einkaufen im Markt mit sich bringen kann. Bildquelle: Alea Horst

Reizüberflutung

Stille Stunde – ist das nur ein Marketing-Gag? Oder ermöglicht sie betroffenen Menschen eine echte Teilhabe an der Gesellschaft? Als Betroffene – ich bin Autistin – weiß ich, wie schwerwiegend das Problem der Reizüberflutung sein kann. Laute Durchsagen im Supermarkt, grelles Licht, durchdringendes Piepen der Kassen: Was manch einen Menschen ohne Beeinträchtigungen beim Einkauf schon nervt, ist für mich und andere Betroffene eine Belastung und kann zu ­unkontrollierbaren Zusammenbrüchen, Schmerzen und großer Überforderung führen. Inklusion betrifft nicht nur physische Barrieren. Unsere Gesellschaft braucht ein Verständnis dafür, was unsichtbare Barrieren sind und wie wichtig es ist, Personen mit nicht sichtbaren Beeinträchtigungen ernst zu nehmen.

Was man ändern kann

Die „Stille Stunde“ ist ein Türöffner, um mehr Verständnis für ein gutes Miteinander zu schaffen und den betroffenen Kunden das Einkaufen zu erleichtern. Die empfohlenen Maßnahmen betreffen mehrere Bereiche auf der Verkaufsfläche, es geht in erster Linie um sichtbare und hörbare Reize. Am wichtigsten ist es, das Licht zu dimmen, die Geräusche an der Kasse zu minimieren und keine Ware zu verräumen. Sinnvoll ist es, laute Durchsagen und Musik abzuschalten und, wenn möglich, das Piepen der Kassen auszuschalten oder leiser zu drehen. Schalten Sie die Werbebildschirme aus. Bitten Sie Ihre Kunden, laute Handygespräche zu vermeiden. Durch das Zusammenspiel der Maßnahmen entsteht eine Atmosphäre, die dazu führt, dass die Menschen leiser sprechen und sich ruhiger verhalten.

Wem die Maßnahmen nutzen

Die „Stille Stunde“ hat positive Effekte auf alle Personen, die im Markt arbeiten oder einkaufen und die Ruhe lieben. Für Menschen, die empfindsam auf äußere Reize reagieren, ist sie unerlässlich. Einige Gruppen leiden stark unter grellem Licht und hoher Lautstärke, zum Beispiel Menschen mit Depressionen, ebenso Personen mit Autismus. Des Weiteren Kinder, Jugend­liche und Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität (im allgemeinen Sprachgebrauch häufig unter ADHS-Syndrom zusammengefasst). Nicht zuletzt psychisch belastete Personen, beispielsweise solche mit einem Burn-out-Syndrom. Übrigens: In Neuseeland wird die „Stille Stunde“ bereits flächendeckend eingesetzt. In den USA bietet Walmart diese an, in Großbritannien setzt Tesco sie landesweit um. Auch bei uns in Deutschland nimmt das Thema allmählich Fahrt auf, wie einige Teilnehmer belegen: E-Center Billstein in Wuppertal, Edeka Cord in Bremerhaven, Combi-Markt in Pewsum, Edeka-Center Baur in Konstanz, Globus in Gensingen, Rewe Quermann in Bielefeld oder Rewe Hegemann in Meerbusch.