Die EU-Entwaldungsverordnung zwingt Unternehmen zum Umbau globaler Lieferketten. Wer Kakao, Palmöl oder Soja in Verkehr bringt, muss ab Ende 2025 nachweisen, dass dafür seit 2020 kein Wald gerodet wurde – inklusive Rückverfolgbarkeit bis zur Anbaufläche.
Auch Verpackungen, Verkaufsdisplays oder Werbemittel wie Pappaufsteller sind betroffen, wenn sie nicht aus vollständig recyceltem Material bestehen. Die deutsche Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat das in ihren FAQs bestätigt.
Rückverfolgbarkeit statt Risiko: Was die Verordnung verlangt
Eine neue Studie von Osapiens zeigt, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz technisch gut gerüstet sind für die Umsetzung der Entwaldungsfreiverordnung: 88 Prozent nutzen bereits entsprechende Tools, ein Drittel davon vollautomatisiert – in anderen EU-Regionen sind es nur 9 Prozent. Wer früh digitalisiert, ist im Vorteil: Bessere Daten, schnellere Prüfprozesse und mehr Rechtssicherheit. Klar ist aber auch: Die neue Verordnung wird zur Belastungsprobe.
„Grundsätzlich ist die Zielsetzung der EUDR aus meiner Sicht positiv zu bewerten“, sagt Philipp Schaber von der Unternehmensberatung AFC Consulting Group. In der praktischen Umsetzung zeigt sich jedoch, dass zwischen dem politischen Anspruch und der Realität in vielen Fällen eine große Lücke klafft. Besonders Rohstoffe wie Kakao, Kaffee, Palmöl oder Soja, die häufig über Zwischenhändler – sogenannte Broker – am Spotmarkt gehandelt werden, entziehen sich oftmals einer klaren Rückverfolgbarkeit.
„Viele Broker wissen oft nicht, woher die Ware genau stammt“, so Schaber. Wer jedoch die neuen EU-Vorgaben erfüllen will, muss genau das sicherstellen: eine flächen- und chargenbezogene Rückverfolgbarkeit. Dazu gehören auch Geodaten der landwirtschaftlichen Parzellen und der Nachweis, dass seit dem Stichtag 31. Dezember 2020 kein Wald gerodet wurde. Die Verordnung betrifft nicht nur große Konzerne: Jeder, der einen der definierten Rohstoffe erstmalig in Verkehr bringt, gilt als Marktteilnehmer – unabhängig von der Unternehmensgröße.
Die Schwierigkeiten nehmen dabei mit der Komplexität der Lieferketten zu. Während kleinere Unternehmen, die eng mit ihren Produzenten zusammenarbeiten, teilweise schon heute über direkte Lieferantenbeziehungen verfügen, müssen viele größere Marktakteure ihre Beschaffungslogik grundlegend umstellen. Ziel sei es, so Schaber, „dass alle Lieferanten bekannt sind“. Dies sei Voraussetzung, um sicherzustellen, dass die gelieferten Waren konform seien.
Hinzu kommen politische Spannungen. Länder wie Indonesien und Malaysia, große Palmölproduzenten, hätten unmissverständlich erklärt, dass sie ihre Produkte auch problemlos nach Asien verkaufen können, wenn der europäische Markt zu kompliziert werde. Gleichzeitig stuft die EU Länder wie Brasilien oder Indonesien trotz hoher Entwaldungsraten nicht als Hochrisikogebiete ein, was auf politische Kompromisse schließen lässt. Die sogenannte Länderbewertung, in der Staaten in Risiko-Kategorien eingeteilt werden, beeinflusst unmittelbar den Umfang der Sorgfaltspflichten.
Unterschätzt wird laut Schaber oft auch, dass die Entwaldungsverordnung nicht nur Rohstoffe, sondern auch deren Derivate betrifft – etwa Fettsäuren aus Palmöl oder Soja im Futtermittel. „Viele Unternehmen haben das nicht auf dem Schirm“, warnt er. Auch Verkaufsdisplays oder Merchandise-Artikel wie Pappaufsteller könnten betroffen sein, sofern sie nicht aus vollständig recyceltem Material bestehen.
Zur Risikobewertung fordert die Verordnung eine Kombination aus Datenanalyse und Plausibilitätsprüfung. Tools wie Google Maps oder das öffentlich zugängliche System Global Forest Watch ermöglichen eine erste Einschätzung. Entscheidend sei, dass die Unternehmen dokumentieren, wie sie zu ihren Bewertungen gelangen. „Dokumentation ist hier das A und O“, so Schaber. Wer keine plausiblen Prozesse vorweisen könne, laufe Gefahr, dass ein nicht vernachlässigbares Risiko vorliegen könnte.
Tech-Vorsprung in der DACH-Region – aber nicht ohne Lücken
Ein wichtiger Hebel zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist der technologische Fortschritt – und hier ist der deutschsprachige Raum europaweit Vorreiter. Laut der aktuellen Studie „The State of Sustainability Reporting in Europe“ des Softwareunternehmens Osapiens setzen Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei der Umsetzung europäischer Nachhaltigkeitsregulierungen Maßstäbe. 88 Prozent der befragten DACH-Unternehmen haben bereits digitale Lösungen im Einsatz, fast ein Drittel (29 Prozent) davon sogar vollständig automatisiert – im EU-Vergleich ein Spitzenwert. In anderen Regionen Europas liegt dieser Anteil lediglich bei neun Prozent.
Dieser technologische Vorsprung zahlt sich aus: 85 Prozent der DACH-Unternehmen sehen sich heute bereit, die Anforderungen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und des EU-Lieferkettengesetzes (CSDDD) zu erfüllen. Europaweit sind es nur 41 Prozent. Automatisierung verbessert die Datenqualität, beschleunigt die Auswertungen und erhöht die Rechtssicherheit. Rund 97 Prozent der Befragten aus der DACH-Region bewerten regulatorische Anforderungen nicht als Belastung, sondern als Innovationsmotor – mit positiven Effekten auf Produktentwicklung, Prozesseffizienz und Marktpositionierung.
Gleichzeitig offenbart die Studie strukturelle Schwächen im Datenmanagement: 41 Prozent der Unternehmen berichten über eine mangelnde Integration zwischen ESG- und Finanzberichterstattung, 38 Prozent sehen die Fragmentierung ihrer Datenlandschaften als größte Herausforderung. Dennoch: Der digitale Reifegrad verschafft vielen Unternehmen einen klaren Wettbewerbsvorteil. 92 Prozent behalten ihre Auswirkungen entlang der Lieferkette im Blick – europaweit gelingt das nur 61 Prozent der Unternehmen.
Kleine Lieferanten, große Sorgen: Wer jetzt Unterstützung braucht
Ein weiteres Problem sind wirtschaftliche Auswirkungen, die sich aus der Umsetzung ergeben könnten. Größere Unternehmen haben eher die Ressourcen, um in neue Prozesse und Lieferantenbeziehungen zu investieren. „Das lässt sich nicht komplett verhindern“, sagt Schaber. Eine Möglichkeit ist ein sogenanntes Cost Sharing, also eine faire Verteilung der Mehrkosten entlang der Lieferkette, sowie gezielte Unterstützungsangebote für kleinere Unternehmen.
Genau hier setzt der Appell an, den unter anderem Tchibo gemeinsam mit anderen Unternehmen an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gerichtet hat. Darin betonen die Unternehmen, dass sie bereits erhebliche Investitionen getätigt haben, um bis zum geplanten Start der Verordnung Ende 2025 konform zu sein. Sie fordern daher regulatorische Stabilität und sprechen sich entschieden gegen Nachbesserungen im Gesetzgebungsverfahren aus – wie etwa die Einführung einer sogenannten Null-Risiko-Kategorie, die neue Unsicherheiten mit sich bringen würde. Eine erneute Gesetzesänderung würde nach Einschätzung der Unternehmen nicht nur wertvolle Zeit kosten, sondern auch die bereits getätigten Vorbereitungen und Investitionen gefährden.
Der Appell fordert von der Europäischen Kommission, den Mitgliedstaaten und dem Unternehmenssektor, alle Kräfte zu bündeln, um die bestehende Verordnung wie geplant umzusetzen. Insbesondere für kleinbäuerliche Betriebe und deren Organisationen in Herkunftsländern brauche es gezielte Unterstützung, damit sie nicht aufgrund mangelnder Ressourcen vom europäischen Markt ausgeschlossen würden. Nur wenn die Kosten der Konformität nicht einseitig auf diese Gruppen abgewälzt werden, lasse sich eine sozial gerechte Umsetzung der Verordnung sicherstellen.
Einige Verbände seien bereits aktiv, doch das Engagement sei unterschiedlich. Kooperationen im Einkauf könnten helfen, bergen aber Risiken im Hinblick auf das Kartellrecht. Gleichzeitig sehen viele Unternehmen Nachhaltigkeit als Differenzierungsmerkmal und scheuen eine zu enge Zusammenarbeit mit Wettbewerbern.
Kurzfristig dürften die neuen Vorgaben als Handelsbarriere wirken. Doch langfristig, so Schaber, werde sich der Markt anpassen. Die europäische Kaufkraft bleibe stark – auch wenn Kaffee oder Schokolade teurer würden. „Ich glaube, dass sich die Wettbewerbsverzerrungen langfristig abmildern werden“, sagt Schaber.
Die nächsten Jahre werden zur Lernphase. Spätestens Ende 2025 müssen die Waren compliant sein. Die eigentliche Herausforderung sieht Schaber aber in der Organisation: „Die größere Herausforderung liegt in der Integration der EUDR in bestehende Strukturen und Risikomanagementsysteme, verbunden mit weiteren Sorgfaltspflichten zur Nutzung von Synergien.“ In den Jahren 2026 und 2027 werde sich zeigen, wo nachjustiert werden muss. Sicher ist: Der Umbau globaler Lieferketten hin zu mehr Nachhaltigkeit hat erst begonnen und wird die Industrie noch lange beschäftigen.
