Wie können wir in Zeiten von Klimawandel und wachsender Weltbevölkerung künftig genug Nahrungsmittel produzieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Zukunftsvortrags beim Supermarkt des Jahres 2025 der Lebensmittel Praxis. Zwei Unternehmen präsentierten auf dem Branchenwettbwerb in Essen neue Konzepte zur Proteinversorgung der Zukunft.
Infinite Roots: Die Kraft der Pilze
Cathy Hutz, Mitbegründerin von Infinite Roots (ehemals Mushlabs), präsentierte die Vision ihres Hamburger Biotech-Unternehmens, das seit 2018 an der Nutzung von Myzel – dem Wurzelgeflecht von Pilzen – als nachhaltige Proteinquelle arbeitet. Mykoprotein entsteht durch die Fermentation von Pilzmyzelien in Bioreaktoren.
Die Vorteile: Myzel wächst schnell, braucht weder Ackerflächen noch Sonnenlicht und bietet ein beeindruckendes Nährwertprofil. „Wir brauchen keine Felder, wir können überall auf der Welt produzieren“, betonte Hutz. Die Herstellung sei 64-mal CO₂-ärmer, verbrauche 500-mal weniger Wasser und 686.500-mal weniger Land als klassische Fleischproduktion – und dauere nur drei bis fünf Tage.
Trotz dieser Vorteile sieht sich das Unternehmen mit regulatorischen Hürden konfrontiert. Produkte auf Myzelbasis dürfen in Deutschland derzeit noch nicht auf den Markt gebracht werden, da die deutschen Behörden auf eine noch ausstehende EU-weite Zulassung verweisen. Um dennoch erste Angebote zu launchen, bringt Infinite Roots ab Oktober 2025 unter der Marke Mushroots drei Produkte auf Basis von Pilz-Fruchtkörpern auf den Markt – darunter Hackbällchen, Hack und Pattys.
Langfristig plant das Unternehmen, auch Myzel-basierte Produkte einzuführen und eine neue Produktkategorien zu etablieren. „Wir wollen Fleisch nicht ersetzen, wir wollen ein Produkte, was für sich dasteht“, sagte Hutz.
Solar Foods: Protein aus Luft und erneuerbarer Energie
Auch Solar Foods denkt Ernährung radikal neu. Dr. Pasi Vainikka, CEO und Mitgründer von Solar Foods, stellte in Essen das Konzept seines Unternehmens vor, das mit „Solein“ ein Protein entwickelt hat, das durch Gasfermentation aus CO₂, Wasserstoff, Nährmedien und erneuerbarer Energie gewonnen wird – „Food out of thin air“, ganz wörtlich. Das Ergebnis ist ein gelbes Pulver mit 80 Prozent Proteingehalt, das reich an Eisen, B-Vitaminen und Ballaststoffen ist sowie frei von Laktose, Gluten, Soja und Gentechnik.
Solein kann vielseitig eingesetzt werden – von Fleischalternativen über Backwaren und Getränke bis hin zu Eiscreme. Die Produktion ist komplett unabhängig von Klima, Jahreszeiten oder landwirtschaftlicher Fläche – eine Revolution in Sachen Ernährungssicherheit. Seit 2022 ist Solein in Singapur zugelassen, seit 2024 auch in den USA. Für Europa ist 2026 anvisiert – auch hier bremst jedoch die langwierige Zulassung über die Novel-Foods-Verordnung.
Innovation trifft Bürokratie
Beide Start-ups zeigen, welches Potenzial moderne Biotechnologie für die globale Ernährung bietet. Doch sie eint auch ein Hindernis: zähe Zulassungsverfahren. „Das kostet wertvolle Zeit und kann für Start-ups existenzbedrohend sein“, warnt Hutz auf dem Kongress.
