Vor dem Hintergrund des wachsenden Aquakulturmarktes hat die Albert-Schweitzer-Stiftung erstmals systematisch analysiert, wie die Händler Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe Tierschutzanforderungen für Aquakulturprodukte öffentlich festschreiben und im Eigenmarkensortiment realisieren.
314 Produktstichproben abgeglichen
Für den Report wurden öffentlich zugängliche Unternehmensinformationen ausgewertet und mit 314 Produktstichproben aus Filialen abgeglichen. Als Maßstab dienten die Zertifizierungen ASC, GGN, Naturland und EU-Bio – diese decken die grundlegenden Tierschutzanforderungen der von der Stiftung initiierten Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) ab. Die Empfehlungen umfassen zentrale Tierschutzbereiche wie Wasserqualität, Fütterung, Handling, Transport sowie Betäubung und Schlachtung.
„Der Handel zeigt mit seinen Eigenmarken selbst, dass zertifizierte Aquakulturware in großem Umfang umsetzbar ist. Jetzt kommt es darauf an, diesen Stand dauerhaft abzusichern und auf das gesamte Sortiment auszuweiten”, sagt Esther Erhorn, Leiterin Lebensmittel-Fortschritt bei der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt. „Was heute bei fast allen untersuchten Produkten im Regal funktioniert, sollte verbindlicher Standard werden – einschließlich Aktionsware und Markenprodukten.“
Markenprodukte und Aktionsware häufig außen vor
Erhorn kritisiert: Die öffentlichen Einkaufsrichtlinien halten angeblich mit diesem hohen Zertifizierungsstand nicht Schritt. Häufig fehlten verbindliche Zusagen, konkrete Fristen und klare Angaben dazu, welche Sortimentsbereiche und Tierarten erfasst sind. Besonders Markenprodukte und Aktionsware bleiben Esther Erhorn zufolge bislang häufig außen vor.
Für die Produktstichprobe wurden bei jedem Händler mindestens zwei große Filialen in verschiedenen Regionen Deutschlands besucht. Die Stichprobe konzentrierte sich auf Eigenmarken, weil Händler auf deren Produktionsstandards besonders direkten und weitreichenden Einfluss haben. Erfasst wurden die dort vorgefundenen Aquakulturprodukte aus Kühlung, Tiefkühlung, Konserven und Aktionsware. Entscheidend war die klare Kennzeichnung auf der Verpackung mit ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio.
Rewe schneidet am besten ab
Die Produktstichprobe bildet einen Ausschnitt der Sortimente ab: Rewe erreicht als einziges Unternehmen 100 Prozent bei den direkt auf dem Produkt erkennbar zertifizierten Eigenmarkenprodukten, Edeka liegt mit 90 Prozent am unteren Ende der Stichprobe. Dazwischen folgen Aldi Nord und Kaufland mit jeweils 98 Prozent, Lidl und Penny mit 97 Prozent, Aldi Süd mit 96 Prozent und Netto Marken-Discount mit 93 Prozent.
Keines der acht Unternehmen erfüllt alle Anforderungen des Reports an eine umfassende und verbindliche Aquakultur-Einkaufsrichtlinie. Erhorn: „Selbst bei Rewe als Spitzenreiter der Stichprobe bleibt die öffentliche Policy lückenhaft. Aktionsware und Markenprodukte sind nicht vollständig einbezogen, die erfassten Tierarten werden nicht konkret benannt und der erreichte Zertifizierungsstand wird nicht verbindlich für die Zukunft zugesichert.“
Stiftung kritisiert unscharfe Formulierungen
Die Stiftung kritisiert: Manche Händler sprechen pauschal von „allen Produkten aus Aquakultur“ oder von „Fisch und Meeresfrüchten“, ohne konkret zu benennen, welche Tierarten und Sortimentsbereiche darunter fallen. Einschränkungen wie „sofern verfügbar“ schwächen die Zusagen zusätzlich ab. Auch beim Ausschluss von Oktopussen und anderen Kopffüßern aus Aquakultur fehlen bislang umfassende und dauerhaft verbindliche Zusagen. Ein frühzeitiger Ausschluss könnte verhindern, dass sich ein entsprechender Markt überhaupt etabliert.
Stiftung mit Appell an den Lebensmitteleinzelhandel
Die Albert-Schweitzer-Stiftung fordert die Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels auf, den bereits erreichten Stand verbindlich weiterzuentwickeln. „Der Handel muss nicht bei null anfangen“, sagt Esther Erhorn. „Die 96 Prozent erkennbar zertifizierten Eigenmarken zeigen, wie weit die Branche bereits gekommen ist. Jetzt gilt es, aus diesem hohen Ist-Stand einen verbindlichen Standard für das gesamte Sortiment zu schaffen und gleichzeitig den nächsten Schritt hin zu weniger Tierprodukten zu gehen.“